Europa auf Selbstfindungs-Trip

In «Gottlos Abendland» schickt Regisseur Felix Tissi die Griechin Europa auf Identitätssuche. Das filmische Essay ist auch der letzte Film, den der im Juli verstorbene Res Balzli produziert hat.

«Bitte, bitte lieber Gott, sei so gut und nimm mir meine Angst vor Schlauchbooten», richtet sich Europa an einen stummen Gott.

«Bitte, bitte lieber Gott, sei so gut und nimm mir meine Angst vor Schlauchbooten», richtet sich Europa an einen stummen Gott.

(Bild: PD)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

«Eines ist klar, ich bin eine Frau. Sonst würde ich nicht Europa heissen, sondern Europo. Auch wenn ich mich die letzten paar hundert Jahre wie ein Mann benommen habe.»

Europa ist gebeutelt, verletzt und verloren durch ihre eigene Geschichte – ihr Therapeut hat ihr gar ein Burn-out diagnostiziert. Sie braucht Hilfe und geht auf eine Reise.

«Gottlos Abendland» heisst dieser filmische Roadtrip, in dem der Regisseur und Wahlberner Felix Tissi die Griechin Europa – leicht und eindringlich gespielt von Natalí Gutíerrez García – auf Identitätssuche schickt.

Wie ein Geist reist die psychisch Angeschlagene nun über diesen Kontinent auf den Spuren ihrer Vergangenheit und sucht nach einer Zukunft. In ihrer Ratlosigkeit wendet sie sich in einer Art Zwiegesprächen an Gott, der aber nie antwortet.

Kraftvolle Bilder

Tissi, der im Schaffhausischen aufgewachsen ist und seit 1979 in Bern lebt, war immer mehr Künstler als ernsthafter «Spielfilmemacher». Seine Werke waren nie für die Masse gedacht.

Tissi, der das Filmhandwerk an der Wiener Hochschule für Musik und darstellende Kunst gelernt hat, sah sich stets als Autorenfilmer. Bereits mit seinem Erstling «Noah und der Cowboy» landete er 1985 in Locarno einen Überraschungscoup.

Zehn Filme hat er seither gedreht. Sechs davon waren Spielfilme. Zuletzt der vom Publikum begeistert aufgenommene «Welcome to Iceland» (2016).

Mit «Gottlos Abendland» ist er wieder zu jener Form zurückgekehrt, der er schon in Werken wie dem preisgekrönten «Viva la muerte» (2000) oder in «Desert – Who Is the Man» (2007) gefrönt hat: dem filmischen Essay.

Es ist ein grosses Thema, dessen er sich jetzt in «Gottlos Abendland» annimmt. Eines, dass nur im Vagen bleiben kann. Deshalb lebt vieles in diesen 70 Minuten von Andeutung. Schon die Orte, die Europa bereist, sind nicht klar bezeichnet.

Sie landet offenbar irgendwo in Finnland, reist weiter nach Kiew, nach Tschernobyl, London, wohl auch nach Spanien und Frankreich. Klar ist nur, dass sie zuletzt nach Athen – in ihre Wiege – zurückkehrt.

Diese Reise ist vor allem eines der Bilder, die oft etwas willkürlich aneinandergereiht scheinen. Dafür aber gehören gewisse Szenen gepaart mit passender Musik zu den eindringlichsten Momenten des Films.

Etwa, wenn zu «A Death Song» der Schweizer Artpop-Band Phall Fatale, eine lärmende Müllentsorgungsanlage gezeigt wird oder zu einem Stück der Experimental-Pop-Band Eiko sich minutenlang Rauchschwaden um einen Industriekamin schlängeln.

Das sind kraftvolle und auch beängstigende Aufnahmen. Sie zeigen ein graues, von Krieg verhärmtes und von der Industrie aufgeriebenes Europa – mit Pendlerströmen, Brachen, Plattenbauten, Hochhäusern, hetzenden, suchenden Menschen. Kurz: Sie sprechen für sich selbst.

Die grossen Fragen

Sprachlich gelingt das allerdings nicht immer. Besonders in der ersten Hälfte, wenn die grossen Fragen gestellt werden (müssen), überbordet der Film in seinem Anspruch: «Wie weit ist es noch bis Auschwitz», fragt sich Europa scho früh. Oder sie bekennt pathetisch: «Meine Geschichte ist voller Wunder, aber auch voller Schrecken.

Ich bin aus Schätzen und Blut zusammengeklebt.» Einmal wird es gar küchenphilosophisch: «Bin ich, Europa, nun gut oder schlecht? Das Gegenteil ist immer genauso wahr.» In solchen Moment verlieren sich die poetischen Bilder im Plakativen der Worte.

Je näher Europa jedoch Athen kommt, desto schlichter und deshalb eindringlicher werden die Fragen und Bekenntnisse. Etwa, wenn sie ihren Körper betrachtet und bemerkt, dass der Norden und der Süden mehr und mehr zusammenwachsen.

Oder wenn sie Gott bittet, er möge ihr doch die Angst vor Schlauchbooten nehmen. Und kurz vor dem Ende ihrer langen Reise bekennt sie: «Jetzt bin ich bald bereit, dass ich mit dem Frieden umgehen kann.» So wird die Idee Europa fassbar.

Das schafft wirkliche Betroffenheit und führt zum Kern des Films: Es gibt keinen Gott (mehr), der die Schuld auf sich nimmt. Um eine Zukunft zu haben, müssen Europa und seine Bewohner sich selber moralische Instanz sein und sich vom Selbsthass und von der Schuld befreien können.

«Gottlos Abendland», Vorpremiere in Anwesenheit des Regisseurs: heute Donnerstag, 20.30 Uhr, Kino Rex Bern.

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