«Football ist für mich eine Mischung aus Schach und Gewalt»

In der Nacht zum Montag findet der Super Bowl statt. Aber wie lässt sich das Spiel verstehen? Ein footballbesessener Literaturprofessor erklärt.

Am Sonntag geht im U.S Bank Stadium in Minneapolis/Minnesota die 52. Auflage des Super Bowl über die Bühne.

In der Nacht zum Montag findet wieder der Super Bowl statt, das Endspiel der Football-Saison, das US-Sportereignis des Jahres. Auch immer mehr Europäer schauen zu, das Privatfernsehen überträgt (Pro 7 oder BBC). Aber so gross die Faszination auch ist, das Rätselraten, wie das Spiel funktioniert, ist für viele mindestens genauso gross. Der Literaturwissenschaftler und Football-Experte Hans Ulrich Gumbrecht, der an der Universität in Stanford, Kalifornien, lehrt, beantwortet einige Fragen.

Ein Teil der Nation fiebert dem Super Bowl entgegen. Was da genau passiert, ist aber vielen noch schleierhaft.
Ich bin 1989 nach Stanford gekommen, und es war mir am Anfang wahnsinnig peinlich, jemanden zu fragen, wie Football funktioniert. Ich hab mir alles selbst beigebracht. Ich kann mich genau an den ersten Touchdown erinnern, den ich gesehen habe. Toll. Aber man muss sich gewöhnen. Man braucht eine Saison.

Eine Saison?
Na gut, es gibt Ausnahmen. Ich habe Horst Bredekamp, Berliner Kunsthistoriker und ein Freund von mir, hier mit zu einem Spiel genommen. Der hat das sofort verstanden. Aber der ist auch ein visuelles Genie.

Wie hält man dieses Rasenschach eigentlich aus?
Rasenschach - guter Begriff. Football ist für mich eine Mischung aus Schach und Gewalt. Die Footballspieler müssen ja auch sehr intelligent sein. Wer kein visuelles und analytisches Vermögen und ein gutes Gedächtnis hat, kann es vergessen. 250 Spielzüge muss man sich schon merken.

Video: Episches Comeback

Vor einem Jahr schien das Finalspiel schon entschieden, doch es kam noch zur spektakulären Wende. (Video: Tamedia)

Es wird ja auch ständig unterbrochen.
Ja, das dauert schon seine Zeit. Fast wie bei einer Wagner-Oper. Jeder Spielzug steht ganz für sich, da gibt es keinen Spielfluss wie bei eurem Fussball. Der Reiz beim Zuschauen besteht ja auch darin, dass man ständig mitüberlegt, welcher Zug jetzt der richtige ist und welche Spieler man einwechseln sollte. Manchmal bringt der Trainer vor einem neuen Spielzug viele Receiver auf den Platz, damit der Gegner denkt, jetzt wird gepasst, und dann behält doch der Quarterback den Ball und scrambelt. Scrambelt?
Na, wenn der Quarterback den Ball selber behält, statt zu passen.

Quarterback, Scrambeln, Touchdown: Welches Grundwissen braucht man, um dem Super Bowl ansatzweise zu folgen?
Erstens: Immer eine Mannschaft ist im Ballbesitz. Zweitens: In vier Zügen muss man zehn Yards vorankommen. Drittens: Eine Mannschaft hat 50 bis 80 hochspezialisierte Spieler, von denen bei jedem Spielzug andere auf den Platz kommen. Da kann man seine Hermeneutik einüben.

Hermeneutik?
Man versucht als Zuschauer ja ständig zu interpretieren, was als Nächstes passiert, abhängig davon, welche Spieler gerade aufs Feld gekommen sind und wie die Mannschaft sich positioniert. Das interpretiert man und macht eine Prognose.

Puh, klingt anstrengend.
Beim Football holt sich während der Spielzeit niemand einen Hotdog. Da bleiben alle schön sitzen und analysieren. Meistens bespreche ich mich mit der Familie, fast immer liegt mein Sohn Christopher richtig. Aber der war auch mal Footballtrainer.

Und was sieht der Literaturwissenschaftler in Ihnen im Football?
Jede Sportart ist auch eine Art ästhetischer Erfahrung. Denken Sie an Immanuel Kant und das, was er über ästhetische Urteile schreibt. Auch Sport kann «interesseloses Wohlgefallen» auslösen, ich habe ja nichts davon, wenn meine Mannschaft gewinnt.

Kant?
Ja, natürlich. Mit Kant gesprochen hat jede Sportart ihre Schönheit und Erhabenheit. Auch Synchronschwimmen. Und natürlich auch American Football.

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