Ein platzierter Schuss ins kroatische Glück

Kroatien setzt sich im WM-Halbfinal gegen England 2:1 nach Verlängerung durch – und trifft am Sonntag im Endspiel auf Frankreich.

Überglücklich nach dem hart erkämpften 2:1-Sieg: Matchwinner Mario Manzukic (l.) umarmt ein Staffmitglied der kroatischen Mannschaft.

Überglücklich nach dem hart erkämpften 2:1-Sieg: Matchwinner Mario Manzukic (l.) umarmt ein Staffmitglied der kroatischen Mannschaft. Bild: Frank Augstein/Keystone

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Ein Zufall kann es nicht sein, verlängern Engländer und Kroaten ihren Arbeitsabend in Moskau. England gewann im Achtelfinal gegen Kolumbien erstmals ein WM-Elfmeterschiessen, Kroatien setzte sich gar zweimal, gegen Dänemark und Russland, erst nach einer ausgedehnten Serie Penaltys durch. Und nun ermitteln die beiden Teams in der Überzeit beim Stand von 1:1 den zweiten WM-Finalisten. Es ist eine ausgeglichene Verlängerung, Englands John Stones sieht seinen Kopfball, natürlich nach einer Ecke, auf der Torlinie von Verteidiger Sime Vrsaljko abgewehrt, auf der anderen Seite rettet Goalie Jordan Pickford nach einer Hereingabe des überragenden Ivan Perisic in extremis gegen Mario Mandzukic.

Wenig später führt die gleiche kroatische Kombination zum Siegtreffer. Perisic setzt sich im Kopfballduell der Torschützen gegen Kieran Trippier durch, Mandzukic trifft in der 109. Minute eiskalt zum 2:1. Es ist die Entscheidung. Und am Sonntag werden die Kroaten im gleichen Stadion der Überraschungsgast im Final gegen Frankreich sein.


Die Entscheidung in der 109. Minute: Mario Mandzukic erzielt das 2:1 und schiesst Kroatien in den WM-Final. (Video: SRF/Tamedia)


Trippier beckhamesk

Der Mittwochabend im Luschniki beginnt ohne Aufwärmphase. Das liegt an stürmischen Engländern, die keine Zeit vergeuden, ihre Entschlossenheit zu demonstrieren. Und einen fantastischen rechten Fuss haben sie eigentlich immer an Turniere mitgebracht. 2018 heisst der Träger längst nicht mehr David Beckham, aber beckhamesk ist der Freistoss Trippiers zum 1:0 in der 5. Minute allemal. Die Engländer brillieren in der Startphase nicht nur mit Trippiers rechtem Fuss, sondern auch mit Harry Kanes Dynamik, Raheem Sterlings Geschwindigkeit, Dele Allis Übersicht. Moderiert wird der schwungvolle Auftritt von Jordan Henderson, dem Mann mit dem Auge für Raum und Spielentwicklung im Aufbau. Und hinten im Tor steht einer, der ansprechend mit dem Ball umgehen kann. Oft leitet Pickford mit präzisen Pässen die Angriffe ein, die Engländer überbrücken das Spielfeld geschwind, sie wollen Sterling in Laufduelle gegen die nicht besonders tempofesten kroatischen Abwehrspieler schicken.

Und weil jeder englische Eckball für Gefahr sorgt, müssen die Kroaten froh sein, zur Pause nicht höher als 0:1 in Rückstand zu liegen. Die beste Gelegenheit Englands vergibt Kane nach einer halben Stunde, als er zuerst an Torhüter Danijel Subasic scheitert und dann in einer slapstickhaften Szene den Pfosten trifft. Erst jetzt finden die Kroaten in die Begegnung, was auch damit zusammenhängt, dass sich die Engländer extrem zurückziehen. Sie werden durch Ante Rebics verwegene Läufe ein paar Mal beschäftigt, besondere Verdienste muss sich Goalie Pickford in der ersten Halbzeit jedoch noch keine erwerben.

Perisic dreht auf

Nach dem Seitenwechsel ist die Überlegenheit der Engländer endgültig eine ferne Erinnerung. Und Mitte der zweiten Halbzeit erinnern sich die Kroaten daran, welche historische Gelegenheit sich an diesem Abend auch ihnen bietet. Es ist Perisic, der seine Mitspieler weckt, sein Schuss in der 65. Minute wird gerade noch geblockt. Nun übernehmen Luka Modric und Ivan Rakitic endlich das Kommando, mit feinen Pässen und blindem Verständnis. England wackelt, es ist nun offensichtlich, dass sie eben nicht so stilsicher sind, wie die Auftritte gegen Teams aus der WM-Mittelklasse suggerierten. Goalie Pickford unterlaufen technische Fehler, Alli taucht ab wie Sterling und Kane, Henderson verliert die Übersicht. In der 68. Minute gelingt Rakitic eine tolle Seitenverlagerung, die Vrsaljko Zeit zur Flankenvorbereitung gibt. In der Mitte setzt sich Perisic mit langem (und recht hohem) Bein gegen Kyle Walker durch und trifft schön zum 1:1.

Die Perisic-Festspiele gehen weiter, kurz nach dem Ausgleich trifft er nach einem erneuten Missverständnis in Englands Abwehr den Pfosten, es sind jetzt nur noch die Kroaten, die spielen, angreifen, Zweikämpfe gewinnen. Und es sind die Engländer, die sich nach eklatantem Leistungsabfall in die Verlängerung schleppen. Es ist bloss eine Rettung auf Zeit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 23:38 Uhr

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