«Pog» und das Trauma von Knysna

Das junge, hochtalentierte Frankreich zählt in Russland zu den Favoriten – wäre da nicht diese ständige Sorge.

Volle Konzentration auf das erste WM-Spiel gegen Australien: Vom Franzosen Paul Pogba wird einiges erwartet.

Volle Konzentration auf das erste WM-Spiel gegen Australien: Vom Franzosen Paul Pogba wird einiges erwartet.

(Bild: Keystone Alex Martin)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Jede Nationalmannschaft hat ihre Mythen und Legenden, an denen sie sich aufrichtet, wenn es nötig ist. Die meisten haben aber auch Traumata, die sie mit sich herumtragen in der ewigen Sorge, sie könnten wie böse Geister wiederkehren. Das Trauma der Franzosen trägt den sperrigen Namen Knysna. So hiess das Trainingslager der Bleus an der WM in Südafrika 2010. Damals führten einige Spieler einen Streik auf, blieben einfach im Bus sitzen und machten ihren Trainer Raymond Domenech zum Clown. Sie flogen dann früh aus dem Turnier, und daheim fragte man sich mit soziologischer und psychologischer Gründlichkeit, ob dieses Team aus Eigenbrötlern nicht ein trauriger Spiegel der französischen Gesellschaft sei.

Das ist mittlerweile acht Jahre her. Doch die Erinnerung wirkt derart stark nach, dass jetzt, da die Franzosen gegen Australien ins Turnier einsteigen, wieder jeder Egotrip des einen oder anderen, vor allem aber natürlich von Paul Pogba, alle Alarmglocken zum Klingen bringt. Der Mannschaft wird eingebläut, dass sie sich als Gruppe, als Kollektiv, zu verhalten habe, und keine Misstöne nach aussen dringen. Didier Deschamps, der die Bleus seit 2012 coacht, wiederholt das Wort «le groupe» wie ein Beschwörungsmantra und stellte offenbar tausend Regeln auf. Die Spieler sollen nur reden, wenn vom Verband vorgesehen. Für die Medien ist das nicht lustig. Die Zeitung «Libération» schrieb von einer «totalen Gefügigkeit» der Spieler.

«Was hätte ich tun sollen?»

Aufgemuckt haben bisher nur jene, die DD, wie der Trainer in Frankreich genannt wird, nicht ins Kader berufen hat. Vor allem Adrien Rabiot, der junge Mittelfeldspieler von PSG, mochte seinen Ausschluss nicht unkommentiert hinnehmen und löste mit seiner Kritik eine mittlere Staatsaffäre aus. Rabiot sagte, der Entscheid sei kein sportlicher gewesen, er habe mit dem Nationalteam abgeschlossen. In seiner Deutung hat Deschamps seine persönlichen Vorlieben, und die orientierten sich am Grad der Folgsamkeit. Da ist sie wieder: die Disziplinierung der Gruppe.

Vorgeworfen wurde Deschamps auch, dass er den Aussortierten ihr Los nicht direkt mitteilte, sie erfuhren vorletzte Woche am Fernsehen davon, auf TF1, wo der Coach in den Abendnachrichten die Liste vorlas. Um 20.22 Uhr – selbst die genaue Uhrzeit wurde notiert. In einem Interview in der Zeitung «Le Parisien» rechtfertigte er sich so: «Was hätte ich tun sollen? Sie anrufen? Oder es ihnen ins Gesicht sagen? Die wären mit Kisten voller Tomaten zum Gespräch erschienen.» Deschamps gilt als stur und prinzipiengetreu, ein baskischer Dickschädel im besten Sinn.

Zidane soll Deschamps beerben

Trotz Kritik hält er auch an seinem Beschluss fest, Karim Benzema nicht mehr aufzubieten, seit sich der mit einer unseligen Geschichte um ein Sexvideo ins Abseits gespielt hat. Die 9 von Real Madrid, finden aber viele in Frankreich, inklusive einige einstige Teamkollegen Deschamps aus den gloriosen Zeiten, wäre der bessere Mittelstürmer als Olivier Giroud von Chelsea. Das denkt natürlich auch Zinédine Zidane. Der hat mit Benzema und Real zuletzt dreimal die Champions League gewonnen.

Zizou und DD: In Frankreich gilt es als ausgemacht, dass Zidane Deschamps als Trainer beerben wird. Dessen Vertrag läuft zwar erst 2020 aus. Doch wenn es nicht ganz so gut läuft in Russland, wie alle die denken, die das junge und talentierte Frankreich zu den ganz grossen Favoriten zählen, dann kommt die Zeit schon sehr viel schneller.

Wahrscheinlich hängt das nicht unwesentlich von einem Herrn ab, der von sich sagt: «Ich will die Zügel der Mannschaft in die Hände nehmen, ich will ihr Patron sein.» PP, «Pog», Paul Pogba. Sein Talent ist unbestritten, zu reden gibt aber sein Geprotze. Pogba ist die Reizfigur der Bleus, der vielleicht einzige und grösstmögliche Störfaktor in DDs Kollektivwahn. Wenn er von sich selbst spricht, braucht er gern die dritte Person Einzahl - majestätisch. Er sagt nicht «ich», er sagt lieber «Paul Pogba».

In den vergangenen Monaten zeigte der Fernsehsender Canal Plus eine Serie, in deren Mittelpunkt der 25-jährige Spieler von Manchester United steht: «Pogba Mondial» hiess das Format, Untertitel: «La PogSérie». In der ersten Episode führte er durch sein Haus, das «PogHouse», in dem alles einen Namen hat - seinen: Der Kinosaal heisst «PogCinéma», die Kammer mit den Süssigkeiten «PogCorner», die kleine Fussballbox für 2 gegen 2 mit grossen Bildern Pogbas an den Wänden «PP Arena». Er mache jetzt auf «Show off», sagt er zu Beginn, an den Ohrläppchen trug Paul Pogba je ein «P».

Durchschnittliche Verteidigung

Deschamps hält trotz allem an ihm fest. Pogba ist im Mittelfeld unverhandelbar. Manchmal aber droht er ihm ein bisschen mit Corentin Tolisso, dem Spieler von Bayern. Der steht in der Regel tiefer als Pogba und ist sich auch nicht zu schade, Abwehrarbeiten zu übernehmen, wenn Not herrscht da hinten in der recht durchschnittlichen Verteidigung. Blaise Matuidi tut das auch, er ist gar die Verkörperung des Wasserträgers: nie wirklich brillant, aber sehr solid. Für die besten Leistungen ist ohnehin meist der stille NGolo Kanté zuständig, der im mächtigen Schatten Pogbas manchmal aber etwas untergeht.

Deschamps übrigens, mittlerweile 49, war zu Aktivzeiten ein beispielhafter Teamplayer. Kein Blender, aber ein Lenker und Denker des Spiels. 1998 und 2000 führte er die «Bleus», die als gelungene Integrationskombo «Black-blanc-beur» in die Geschichte eingehen sollten, als Captain zum Titel bei der Welt- und Europameisterschaft. Zidane war natürlich der grosse Star jener Zeit. Sehr gesellig und kollektivgetrieben war er aber nicht. Es kursiert die Legende, dass Zidane drei Viertel der Mitspieler in der Umkleidekabine einfach ignorierte, gar nicht erst grüsste.

Pogba ist die Reizfigur der Franzosen, der vielleicht einzige Störfaktor in Deschamps Kollektivwahn.

Tages-Anzeiger

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