5 Gründe, weshalb die Nati gegen Brasilien punkten kann

5 Argumente, warum Brasilien Weltmeister wird – und wieso die Schweiz gegen Neymar und Kollegen trotzdem gewinnen kann.

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Fabian Ruch

5 Gründe, warum Brasilien Weltmeister wird

1. Neymar und die überragende Offensive

Neymar, Neymar, Neymar!

Neymar, Neymar, Neymar?

Man könnte denken, die brasilianische Mannschaft bestehe nur aus dem teuersten Fussballer der Welt. Neymar ist brillant, und er ist der Unterschiedspieler, der sein Team an dieser WM zum Titel führen kann. Aber an seine Seite stehen jede Menge weitere Weltklassekicker. Willian ist schnell und dribbelstark, Gabriel Jesus ein flinker, moderner Angreifer, Philippe Coutinho versteht sich auf und neben dem Platz glänzend mit Neymar.

Und dann erst diese Ersatzkräfte! Roberto Firmino ist eine erstklassige Alternative im Sturm, das gilt auch für den wirbligen Douglas Costa. Brasilien steht für das schöne Spiel im Fussball – und an dieser WM wird der Rekordweltmeister seinem Ruf gerecht werden.

2. Starke Defensive mit dem weltbesten Torhüter

Brasilien präsentiert an grossen Turnieren fast immer eine Art Weltauswahl. Wenn es in den letzten Jahrzehnten Schwachpunkte im Kader gab, betraf das meistens die Goalieposition. Nun stehen mit Alisson (AS Roma) und Ederson (Manchester City) zwei der Top-5-Keeper weltweit zur Verfügung. Alisson ist für viele Experten derzeit sogar die Nummer 1 im Tor, er wird im Sommer zu einem europäischen Spitzenclub wechseln. Vielleicht geht er zu Champions-League-Sieger Real Madrid. Auch Liverpool, Finalist in der Königsklasse, ist stark interessiert.

Und auch die Abwehr ist ausgezeichnet besetzt. Thiago Silva kann der beste Verteidiger der Welt sein, sein Aufbauspiel ist grossartig, seine Übersicht brillant. Marcelo ist mit weitem Abstand der stärkste Linksverteidiger des Turniers. Und der Ausfall von Dani Alves hinten rechts ist zwar bedauerlich für Brasilien – aber er wäre wie Marcelo sehr offensiv ausgerichtet gewesen. Danilo interpretiert die Rolle solider, was sich positiv auf die Balance auswirken kann.

Casemiro schliesslich ist ein giftiger Balldieb vor der Abwehrreihe. Er erledigt seinen Job mit Konsequenz, Härte, Unerbittlichkeit, er ist quasi ein Anti-Brasilianer. Aber derart überzeugend, dass er bei Real Madrid Stammkraft ist.

Alissons beste Paraden dieser Saison. Und sie sind spektakulär. Quelle: YouTube

3. Marcelo als Bonus-Spielmacher

Die Brasilianer treten in einem 4-3-3-System an. Viele Angriffe laufen über Coutinho und natürlich Neymar. Auf der linken Seite steht ihnen mit dem taktisch manchmal fast anarchistischen Marcelo zudem ein weiterer Spielmacher auf unerwarteter Position zur Verfügung. Der Linksfuss ist ballsicher, mutig, wild, er sorgt für Verwirrung bei den Gegnern – und leitet viele gefährliche Aktionen mit seiner Spielfreude ein.

4. Ausgezeichnete Stimmung

Die Brasilianer gelten als WM-Topfavorit. Und das stört sie nicht. Sie gehen selbstbewusst damit um, sie wissen um ihre Klasse und haben in den letzten Monaten mit hervorragenden Leistungen bewiesen, reif für den den sechsten Titel des Rekordweltmeisters zu sein.

Die Stimmung im Team ist prächtig, ganz anders als vor vier Jahren an der Heim-WM, als der unmenschliche Druck die Mannschaft lähmte. Mittelmässige Akteure wie Fred, Jo, Hulk oder Bernard bildeten 2014 die Offensive zusammen mit Neymar. Nun stehen dem Ausnahmefussballer erheblich talentiertere Mitspieler zur Seite. Auch das hebt das Befinden der 26-jährigen Schlüsselfigur Brasiliens.


Neymar und Kollegen haben Spass im Training

So gratulieren die Brasilianer Coutinho zum Geburtstag. Video: SID


5. Trainer Tite

Dem erfahrenen Fussballlehrer ist es in den letzten zwei Jahren gelungen, seinem Team eine fast perfekte Symbiose aus Organisation und Kreativität zu vermitteln. Er legt Wert auf Solidarität, lässt den Künstlern aber auch Freiheiten. Um den Gemeinschaftssinn zu stärken, hat er beim Captainamt ein Rotationssystem eingeführt. Heute gegen die Schweiz wird Marcelo seine Teamkollegen aufs Feld führen. Tite ist in der Heimat enorm beliebt, ganz anders als beispielsweise Vorgänger Carlos Dunga. Der 57-Jährige mag seine Spieler, er nimmt sich Zeit für sie, bereitet sie taktisch ausgezeichnet auf die Begegnungen vor. In Brasilien sagt man, die Seleçao habe vielleicht noch nie einen derart starken Trainer gehabt.

5 Gründe, warum Brasilien heute trotzdem verlieren kann

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Das sind die Schweizer Chancen gegen Brasilien

1. Neymar geht noch nicht volles Risiko

Erst vor zwei Wochen kehrte Neymar nach einer rund dreimonatigen Verletzungspause zurück. Er brillierte zwar zuletzt in den Testspielen gegen Kroatien (2:0) und in Österreich (3:0) und schoss jeweils ein Traumtor. Aber auch er weiss: Weltmeister wird man nicht im Startspiel. Setzen ihm die Schweizer heute sofort aggressiv zu, könnte der Superstar die Lust verlieren - und sich zurückhalten. Er hat die schwere Verletzung an der Heim-WM vor vier Jahren nicht vergessen, als ein übles Foul des Kolumbianers Juan Zuniga in der Schlussphase des Viertelfinals sein Turnier beendete. Diesmal möchte er bis zum Schluss dabei sein.

2. Die Schweiz wird trotz allem unterschätzt

Die Brasilianer fühlen sich stark und sicher. Sie dominierten die schwierige Qualifikation in Südamerika nach Belieben, glänzten in den Testspielen, gewannen im Frühling auch beim Weltmeister Deutschland 1:0 (ohne den verletzten Neymar). Sie orientieren sich an den anderen Weltgrössen, die Schweiz wird nicht als Kontrahent auf Augenhöhe betrachtet. Der erstaunliche sechste Rang der Schweizer in der Weltrangliste interessiert in Brasilien niemanden, das Kader von Vladimir Petkovic beeindruckt Spieler und Fans kaum. Ihr Ansatz ist eher: Welcher Schweizer würde denn bei Brasilien überhaupt nur im WM-Kader stehen?

Zudem ist es der erste Auftritt in Russland. Ein bisschen zaubern, ein bisschen kombinieren, mal ins Turnier reinkommen - wird es auf dem Spielfeld eng und umstritten, könnte das die Brasilianer bremsen.


So hat die Schweiz eine Chance

Die Taktiktipps aus der Sportredaktion für das Spiel gegen Brasilien. Video: Fabian Sangines, Kathrin Egolf


3. Geschwindigkeitsdefizite in der Defensive

Wenn es eine Schwäche im brasilianischen Team geben könnte, dann ist es das mangelnde Tempo in der Defensive. Die Innenverteidiger Thiago Silva und Miranda müssen in Laufduelle verwickelt werden, Marcelo ist in der Rückwärtsbewegung weniger überzeugend als nach vorne. Mit steilen, scharfen Pässen und weiten Seitenverlagerungen (etwa durch Granit Xhaka) ist die Abwehr Brasiliens auszuhebeln. Möglicherweise wäre der flinke Breel Embolo der geeignete Stürmer, um Verwirrung zu stiften.

4. Offensive Aufstellung

In Brasilien debattiert man lustvoll darüber, ob Philippe Coutinho im Mittelfeld oder am rechten Flügel aufgestellt werden soll. Gegen schwächere Mannschaften (und dazu gehört die Schweiz in den Augen der Brasilianer) ist der Techniker im Aufbau vorgesehen. Geht es hart auf hart, könnte er im 4-3-3 in die vorderste Reihe auf die Position Willians rücken - und im Mittelfeld durch den defensiven Fernandino ersetzt werden.

Spielt Coutinho im Aufbau, sind die Brasilianer beeindruckend spielstark. Aber sie stehen nicht ganz so kompakt. Die entstandenen Lücken müssen die Schweizer konsequent suchen, etwa mit Pässen durch die Schnittstellen. Xherdan Shaqiri im Zentrum wäre eine mutige Wahl, um für Unruhe zu sorgen. Er könnte aber auch den Raum hinter Marcelo nutzen, um bei Kontern blitzschnell umzuschalten.


Viel Trubel beim Training der Nati

Für ein Autogramm mit dem Schweizer schrien sich die jungen Fans die Kehle aus dem Leib. Video: SDA


5. Das Spiel dauert 90 Minuten (plus Nachspielzeit) - und der Ball ist rund

Zugegeben: Bei allem Optimismus im Schweizer Team und dem sehr ambitionierten WM-Ziel, mehr als den Achtelfinal erreichen zu wollen, ist es nicht ganz einfach, mehrere plausible Gründe zu finden, warum es am Sonntagabend zu einer Sensation gegen Brasilien kommen sollte. Aber, hey, es ist Fussball, grundsätzlich ist alles möglich. Vielleicht eine Rote Karte gegen Alisson wegen eines Notbremsefouls nach wenigen Minuten? Vielleicht eine Weltklasseleistung des Schweizer Goalies Yann Sommer? Ein Sieg mit viel Glück und nach leidenschaftlichem Kampf? Träumen ist auf jeden Fall erlaubt.

Möglicherweise gewinnt die Schweiz ja 1:0 dank des dritten Tores von Vorkämpfer Valon Behrami im 80. Länderspiel. Vor acht Jahren siegte die Schweiz an der WM in Südafrika zum Start 1:0 gegen den späteren Champion Spanien, nachdem mit Gelson Fernandes ein anderer defensiver Mittelfeldspieler eines seiner zwei Tore in 67 Begegnungen im Nationaltrikot erzielt hatte.

Dieses Beispiel von 2010 zeigt übrigens auch: Selbst bei einer Niederlage heute gegen die Schweiz könnte Brasilien problemlos noch Weltmeister werden.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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