Gefangen im Schnee

Dem Berner Arzt Peter Weibel ist mit «Schneewand» eine beeindruckende Erzählung gelungen. Sie dreht sich um drei im Schnee eingeschlossene Skitourengänger.

Nebel, Wind, Schneetreiben: Es ist eine Grenzerfahrung, wenn man dem Wetter hilflos ausgeliefert ist.

Nebel, Wind, Schneetreiben: Es ist eine Grenzerfahrung, wenn man dem Wetter hilflos ausgeliefert ist.

(Bild: PD)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Kathrin, Leon und Myriam werden vom Schnee überrascht. Jetzt sitzen die Skitourengänger in der Berghütte, ratlos, still. Was sollen sie tun, bleiben oder gehen? Sie beraten, diskutieren, entscheiden sich schliesslich zu gehen. Es ist die falsche Entscheidung, doch das zeigt sich erst später. Dann, als sie völlig erschöpft Zuflucht in einem notdürftig ausgestatteten Container finden, einem Schutzraum, der ihnen die nächsten Tage zwangsläufig als Zuhause dient.

«Schneewand» ist eine wortkarge und bildgewaltige Erzählung. Geschaffen hat sie der Berner Autor Peter Weibel. Weibel, der in seinem anderen Leben als Heimarzt in der Seniorenresidenz Domicil Baumgarten in Bümpliz arbeitet, ist ein feinfühlig beobachtender Menschenfreund. Das hat sich schon in seiner letzten Erzählung «Mensch Keun» (2017) gezeigt, in der er einfühlsam von der Entwurzelung eines alten Mannes berichtete. Für dieses Buch erhielt der 72-Jährige letztes Jahr den ersten Kurt Marti Literaturpreis.

Auch bei «Schneewand» ist er ganz nah an den Menschen dran. An Kathrin, der Ärztin, die in den Bergen immer wieder an ihre beiden kleinen Kinder denkt – und sich doch oder vielmehr gerade deshalb weigert, die Hoffnung zu verlieren. An Myriam, die eine Weltverbesserin ist und mit ihrem Cello am liebsten an jedem Krisenherd der Welt Friedenskonzerte geben würde. Und an Leon, dem melancholischen, alternden Lehrer, der die ganze Verantwortung für den fatalen Ausflug in die Berge auf sich nimmt.

Unerwartete Grenzsituation

Gefangen im Schnee und Nebel, dem Wetter ausgesetzt, hoffen sie auf Rettung. Die Rettung müsste aus der Luft kommen, früh genug, damit das Essen nicht ausgeht, damit niemand erfriert. Eine Extremsituation, die unerwartet kommt im Wohlstandsland Schweiz. Sie wirft die drei zurück auf Grundsätzliches. Wie habe ich mein Leben gelebt? Wie will ich es leben? Und wie behalte ich die Hoffnung?

«Schneewand» kann als Parabel auf das Flüchtlingselend gelesen werden. Aber auch als Spiegelung unseres behüteten Lebens.

Unweigerlich schweifen die Gedanken der Leserin ab, wandern zu den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, im zu kleinen Schlauchboot, den Launen der Natur ausgesetzt, auf Glück und Rettung von ausserhalb angewiesen. Die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, die Hoffnung. «Schneewand» kann als Parabel auf das Flüchtlingselend gelesen werden. Aber auch als Spiegelung unseres behüteten Lebens, so sicher, dass auch mal Langeweile aufkommt, so sicher, dass wir Grenzerfahrungen suchen, damit wir spüren, dass wir am Leben sind.

Was passiert da innerlich?

Weibel spürt diesen Gedanken nach, in sachten Sätzen, in einfachen Worten, in kurzen Absätzen, in denen das Ungesagte umso mehr Gewicht bekommt. Was ist, wenn sich der Nebel nicht schnell genug verzieht? Wird dieser Container zum letzten Ort? Was in seinen drei Protagonisten vorgeht, hebt Weibel in kurzen, eingeschobenen inneren Monologen hervor.

So erfährt man, was mit den drei Hauptpersonen während dieser tagelangen Ungewissheit passiert. Wie sie hadern und doch einen Weg finden, sich mit der Situation abzufinden. Und so bleibt dieses Buch hoffnungsvoll. Bis zuletzt.

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