Gleicher Preis, weniger Leistung: Kritik an SBB wegen Onlinetickets

Konsumentenschützer fordern eine Änderung der Preispolitik. Ökonomen geben ihnen recht.

Onlinetickets bieten die gleiche Distanz, nicht aber die gleiche Flexibilität.(KEYSTONE/Christian Beutler)

Onlinetickets bieten die gleiche Distanz, nicht aber die gleiche Flexibilität.(KEYSTONE/Christian Beutler)

(Bild: Keystone Christian Beutler)

Andreas Valda@ValdaSui

«Mit der Registrierung gehts sogar noch schneller, Herr Muster.» Mit diesem Werbeslogan in einem E-Mail-Massenversand versucht der SBB-Ticket-Shop neue Kunden auf seine Plattform zu locken. Doch weder der Kaufvorgang noch die Preisgestaltung bieten einen Anreiz zum Kauf von gewöhnlichen Streckenbilletten. Stünden die SBB im freien Wettbewerb, müssten sie die Onlinetickets billiger verkaufen. Warum?

Käufer von Onlinetickets müssen den Namen, das Geburtsdatum, den Hinreise- und den Rückreisetag angeben, bevor sie zahlen können. Das heisst, die Billette sind nicht übertragbar und die Fahrten an feste Tage gebunden. Anders am Automaten oder am Schalter: Die dort ausgegebenen Fahrscheine sind übertragbar, die Fahrten können (ab einer gewissen Distanz) während 10 Tagen angetreten werden. Mit anderen Worten, die Onlinetickets bieten die gleiche Distanz, nicht aber die gleiche Flexibilität.

Im Verkehr und im Tourismus sind das zwei deutlich unterschiedliche Leistungen. Bei den SBB kosten beide Billette aber gleich viel.

«Die Airlines zeigen, wie sich Preise im freien Markt entwickeln»

Den Sachverhalt bestätigen Ökonomen. «Vermindert das Transportunternehmen die Flexibilität eines Billetts, muss sie es im freien Wettbewerb mit ­einem Abschlag im Vergleich zu einem flexiblen Ticket der gleichen Fahrleistung verkaufen», sagt der auf Tourismus und Verkehr spezialisierte Professor Christian Laesser von der Uni St. Gallen, sonst finde es keine Abnehmer. Oder aus der Sicht des Kunden betrachtet: «Ich bekomme einen Preisnachlass und gebe hierzu Flexibilität auf.»

Ein anschauliches Beispiel für Laesser ist der Markt für Flugtickets. Wer einen flexiblen Rückflug bucht, bezahlt mehr als jemand, der sich an einen bestimmten Flug bindet. «Die Airlines zeigen, wie sich Preise im freien Markt entwickeln. Die flexibelsten Tickets sind in der Regel am teuersten», sagt Laesser. Gleich argumentiert der Professor des Instituts für angewandte Ökonomie, Claudio Sfreddo, von der Uni Lausanne: «Die Flexibilität hat einen Preis für den Anbieter und einen Wert für den Käufer.» Im freien Wettbewerb müsste der Anbieter einen Abschlag gewähren. Warum die SBB nicht? Missbrauchen sie ihre Monopolstellung?

Die SBB legen den Tarif offiziell nicht fest, sondern die Organisation Direkter Verkehr, bestehend aus 248 Transportunternehmen. Die SBB sind Teil davon und dominierend, wie Kenner sagen. Der Bund gewährt der Organisation im Gesetz ein Tarifmonopol. «Die Bedingungen für den Onlineverkauf hat der Direkte Verkehr (DV) definiert. Sie gelten für alle Onlineanbieter», bestätigt ein Sprecher der Geschäftsstelle, die der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV) führt. Ob online gekauft, vom Automaten oder vom Schalter, das sei das «gleiche Produkt». Die Unternehmen verkauften Fernverkehrsbillette zu einem Preis «unabhängig davon, bei wem und über welchen Kanal man das Billett kauft». Es gehe «um die Übersichtlichkeit» für Kunden.

Kein Zwang, online zu kaufen

Bei den SBB heisst es, die Ökonomen mögen zwar recht haben, allerdings gehe es hier «nicht primär um ökonomische ­Logik, sondern um Angebot und Nachfrage». Die Nachfrage nach Online- oder Mobile-Tickets sei «gross» und «wachsend» und damit der beste Beweis, dass auch ein weniger flexibles Onlineticket Zuspruch fände. «Zudem zwingen wir niemanden, sein Ticket über das Internet oder Mobiltelefon zu beziehen. Es steht jedem Kunden frei, sein Billett weiterhin am Schalter oder Automaten zu lösen», sagt Sprecherin Franziska Frey. Wer also weder seine Personalien angeben, noch sich auf einen Tag festlegen wolle, müsse «dies auch nicht tun».

Weniger Flexibilität, gleicher Preis: Bereits 2012 hatte die Stiftung für Konsumentenschutz wegen Onlinetickets bei den SBB und dem Direkten Verkehr interveniert, weil die Regelung «zu immer mehr Reklamationen und Ärger bei den Käuferinnen und Käufern führte».

Preisüberwacher winkt ab

Geschäftsleiterin Sara Stalder sagte gestern, dass die Bahnunternehmen sich in der Kernfrage nicht bewegten. «Wir verlangen nicht einen tieferen Preis, sondern die gleichen Bedingungen wie beim Billettkauf am Automaten» – bisher ohne Erfolg.

Auch Pro Bahn, die Interessenvertretung der Bahnkunden, hat bisher auf Granit gebissen: «Wir haben deshalb interveniert und versuchten, wenigstens in Bezug auf Gültigkeit bei der Rückfahrt eine Verbesserung zu erreichen. Unsere Vorstösse wurden abgelehnt», sagt Präsident Kurt Schreiber.

Der Preisüberwacher Stefan Meierhans lehnte es auf TA-Anfrage ab zu intervenieren. «Solange die einheitlichen Preise beibehalten werden und die Nettoeinnahmen aus dem Billettverkauf nicht dazu führen, dass ein unangemessen hoher Gewinn resultiert, sehen wir kein Missbrauchspotenzial nach Preisüberwachungsgesetz.»

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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