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Interview mit dem ZirkuspatronHerr Knie, glauben Sie, das Publikum kommt?

Im Juli will Fredy Knie mit seinem Zirkus wieder auf Tournee gehen. Der 73-Jährige sagt, was das für Zuschauer und Artisten bedeutet.

Nur mit Schutzmaske unterwegs: Fredy Knie im Pferdestall.
Nur mit Schutzmaske unterwegs: Fredy Knie im Pferdestall.
Foto: Andrea Zahler

Wir treffen Fredy Knie in einem Nebenraum der Pferdetrainingshalle in Rapperswil-Jona. Hinter einer langen Fensterreihe traben Pferde brav im Kreis. Der 73-jährige Patron steht an einem geöffneten Fensterflügel und beobachtet seinen Enkel Ivan, der ein junges Pferd ausbildet. Immer wieder gibt der Grossvater Anweisungen: «Du machst zu grobe Bewegungen, Ivan. Feiner.»

Viel lieber stünde Fredy Knie selbst im Sägemehl zwischen den Pferden. Das ist deutlich zu spüren. Doch das Coronavirus hat auch den Schweizer Nationalzirkus lahmgelegt. Und Enkel Ivan hat dem Grossvater verboten, unter die Leute zu gehen. Auch unter die eigenen.

Herr Knie, genau vor einem Jahr berichtete der «Tages-Anzeiger» über die Premiere in Zürich…

…die Zürcher Premiere dieses Jahr wäre am Freitag vorgesehen gewesen…

…damals hiess es in einer Backstage-Reportage: «Fredy Knie steigt lachend vom Pferd.» Wie geht es Ihnen heute beim Gedanken daran, dass Sie jetzt auf Tournee wären?

Auf Deutsch gesagt: Sch… Aber die ganze Welt sitzt im selben Boot. Und es bringt nichts, wenn wir heulen und jammern. Wir müssen versuchen, das beste aus der Situation zu machen. Wir hatten letztes Jahr, zum 100-Jahr-Jubiläum, die beste Saison unserer Geschichte. Heuer wird es die schlechteste. Dieses Loch kann man nicht stopfen, aber zum Glück haben wir Reserven, sodass wir die Löhne zahlen können. Jetzt müssen wir vorwärtsschauen, planen und neue Reserven bilden. Ich bin trotz allem zuversichtlich.

Haben Sie auch Kurzarbeit angemeldet?

Ja, das haben wir. Bei den Artisten ist allerdings noch nicht klar, ob Kurzarbeit akzeptiert wird.

Gab es je eine solche Situation in der Zirkusgeschichte?

Nein. In unserem Gründungsjahr 1919 musste die damalige Freiluftarena wegen der Spanischen Grippe – die ein Jahr zuvor, 1918, am schlimmsten grassierte – drei Monate geschlossen werden. Sonst haben wir immer gespielt. Aber dieses Virus jetzt verbreitet sich nun mal extrem schnell, die Menschen fliegen auf der ganzen Welt herum…

…heisst das, Sie haben Verständnis für die harten Massnahmen?

Sehen Sie, ich bin kein Virologe. Aber ich habe grosse Hochachtung vor dem Bundesrat. Diese Leute machen einen super Job. Ich möchte nicht in ihren Schuhen stecken. In so einer Situation kann man es nie allen recht machen.

Ich habe grosse Hochachtung vor dem Bundesrat, diese Leute machen einen super Job.

Normalerweise wären Sie seit sechs Wochen auf Tournee, jetzt sitzen 200 Personen, darunter auch die Artisten, im Winterquartier in Rapperswil fest. Wie halten Sie, wie halten die Artisten da die Spannung aufrecht?

Unter unseren Artisten und Angestellten sind viele Ausländer, viele Saisonniers. Sie sagen: «Es ist schrecklich, aber in unseren Heimatländern ist es noch viel schlimmer.» Sie sind dankbar, dass sie hier bleiben können.

Wie sieht es mit dem Training aus? Müssen Artisten nicht ständig dranbleiben, damit die schwierigen Nummern auch sitzen?

Nein, das sind ja alles fertig ausgebildete Leute. Es gibt hier (in Nebenräumen der Reithalle, Red.) Fitnessgeräte, manche gehen joggen, die Nummern üben aber die wenigsten.

Wirklich? Eine so lange Pause ist kein Problem?

Sagen wir es so: Die Vorbereitungen liefen normal, die Generalprobe haben wir absolviert – wir könnten also sofort loslegen. Aber klar, wenn die Artisten wüssten, in zwei Wochen geht es los, würden sie sicher wieder intensiver trainieren.

In meiner Vorstellung ist die Zirkusfamilie ein Gebilde, in dem man sich auch körperlich nahe kommt, sich umarmt. Inwieweit geht der Zusammenhalt derzeit verloren?

Ich bin, was das angeht, südländisch eingestellt. Wenn wir Normalität haben, kommen alle meine Familienmitglieder zu mir zum Essen. Das fällt jetzt weg, aber da muss man einfach vernünftig sein. Selbst meine Grosskinder sagen, Nonno, ich vermisse dein Essen, aber sie kommen nicht. Ivan verbietet mir gar, unter die Leute zu gehen, da ich zur Risikogruppe gehöre. Gehe ich raus, trage ich eine Maske.

Und in der Wohnwagensiedlung? Wie geht das dort?

Die Artisten schlafen ja allein, Ehepaare ausgenommen. In der Mannschaftsküche haben wir nun drei statt einer Essensschicht, die Leute halten Abstand beim Anstehen und essen im Wohnwagen. Den gemeinschaftlichen Esswagen haben wir weggestellt. Insgesamt klappt das Einhalten der Hygieneregeln wunderbar. Und glauben Sie mir: Unsere südamerikanischen Motorradkünstler sind fast die diszipliniertesten. Ich bin sehr beeindruckt.

Spüren die Tiere, dass etwas anders ist?

Ich glaube nicht. Sie haben ihren täglichen Auslauf, ihre Beschäftigung: Für sie ist der Tagesablauf wie immer.

Der Patron beobachtet aus einem Nebenraum das Training.
Der Patron beobachtet aus einem Nebenraum das Training.
Foto: Andrea Zahler

Läuft es nach Plan, sind ab Juli wieder Veranstaltungen bis 1000 Personen erlaubt. Dann wollen Sie auf Tournee. Haben Sie bereits ein Schutzkonzept für das Publikum?

Das ist im Moment unser Problem: Wir wissen noch nicht, wie die Vorschriften sind. Ich stelle mir vor, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer einen bis anderthalb Meter auseinander sitzen und dass sie beim Einlass, in der Pause und am Ende Masken tragen. Und es braucht überall Desinfektionsmittel. Aber wir wissen noch nicht, ob das genügt. Ich glaube allerdings, dass wir bei den Schweizerinnen und Schweizern auf die Eigenverantwortung zählen können.

Ich glaube, es ist wichtig für die Moral, dass wir zeigen: Wir sind noch da.

Ihr Zelt fasst rund 2000 Personen. Rentiert der Betrieb, wenn Sie nur 1000 Personen ins Zelt lassen dürfen?

Wir kämen damit über die Runden. Aber unter 800 wird es prekär.

Glauben Sie, das Publikum kommt?

Die Risikogruppen bleiben wohl eher daheim, das ist auch vernünftig. Aber Eltern mit Kindern und junge Leute, die kommen. Alles nur digital, das geht nicht. Man muss auch einmal raus, andere Leute treffen, etwas erleben. Ausserdem werden die Menschen im Sommer kaum ins Ausland in die Ferien fahren können…

…das wird Ihnen entgegenkommen.

Wahrscheinlich schon. Ich bin aber auch überzeugt, dass sich nach diesem Corona-Jahr viele Menschen sagen, die Schweiz ist so schön, warum nicht öfter hier Ferien machen.

Wird Zürich dieses Jahr eine Knie-Premiere erleben?

Aber ja. Geplant ist, dass wir zwischen Filmfestival und Weihnachtsdorf in Zürich gastieren, also Ende Oktober, Anfang November. Wir haben die Bewilligung bereits. Ich muss sagen, die Behörden waren grundsätzlich sehr zuvorkommend, obwohl wir ja die gesamte Tournee neu planen mussten. Nun werden wir halt dieses Jahr bis in den Dezember spielen. Ich glaube, es ist wichtig für die Moral, dass wir zeigen: Wir sind noch da.