Hurra, wir leben noch!

25 Jahre EWR: Warum auch die SP mal den Schweizerpsalm singen sollte.

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Andreas Kunz@sonntagszeitung

Ein wenig albern war es schon, als sich letzten Mittwoch die gesamte SVP-Fraktion im Ratssaal von den Plätzen erhob, samt Trompete zur Nationalhymne ansetzte und mit ausgerollten Transparenten («Danke, Schweiz») das Nein zum EWR vor 25 Jahren feierte. So viel Pathos gibt es selten im Bundeshaus; ganz ergriffen von der eigenen Heimatliebe war beim einen oder anderen sogar ein Tränchen auszumachen. Noch ­alberner war an diesem Morgen nur die Reaktion jener SP-Nationalräte, die sich darob fuchsteufelswild beim Ratspräsidenten beschwerten und ihre SVP-Kollegen gar als «Faschisten» beschimpften.

Die roten Köpfe im Saal erinnerten an den ­damaligen Abstimmungskampf, der in seiner Hitzigkeit wohl einzigartig gewesen war in der Schweiz. Gegner wie Befürworter mobilisierten landauf, landab auf den Strassen, in Gemeindesälen und Turnhallen; vor nichts weniger als dem «Untergang des Landes» warnten beide. Auf den Podien verteilte man Schlötterlig, die Nation war tief gespalten, der «Röstigraben» in aller Munde. Die Lehrer versuchten, uns Schüler damals eher unverhohlen von einem EU-Beitritt und der ­angeblichen Ungerechtigkeit des Sonderfalls zu überzeugen. Als 16-Jährige interessierte uns Politik jedoch herzlich wenig. Spektakulär fanden wir höchstens, dass es in einer TV-Debatte sogar zu einer Spuckattacke gegen einen Politiker gekommen war. Demgegenüber verhielten wir uns auf dem Pausenplatz ja geradezu vornehm, meinten wir.

«Auf den Podien verteilte man Schlötterlig, die Nation war tief gespalten.»

Das EWR-Jubiläum macht aber auch bewusst, wie stark die Schweiz sich seither gewandelt hat. Zwar ist die Beziehung zu Europa ein Vierteljahrhundert später noch immer nicht restlos geklärt, aber der Grundsatzentscheid von damals wirkt bis heute nach. Das einst verschämte und von den Eliten belächelte Verhältnis der Bürger zu ihrem Heimatland hat sich entkrampft, der EU beitreten will heute praktisch niemand mehr. Die ebenso grossen wie gefährlichen politischen Ideen des 20. Jahrhunderts verrotten auf dem Müllhaufen der Geschichte – die Europäische Union als letzte davon ist ohne ­Reformen vielleicht ebenfalls auf dem Weg dahin.

Der militärische Mief der Aktivdienstler ist verschwunden, die 68er sind in Pension gegangen – ihre Nachfolgegenerationen sind historisch unbelasteter und wohl auch deshalb pragmatischer am Werk. Die politischen Lager sind durchlässiger geworden, auch der Röstigraben ist kaum mehr ein Thema. In den Debatten wurden die Standpunkte differenzierter und deren Vertreter gesitteter. Der Streit um die Durchsetzungsini-­ tiative war im Vergleich zum EWR-Kampf eine Übung in Konversationskunst. Für Aufregung sorgt wie am letzten Mittwoch gelegentlich die Faschismuskeule – wie der grosse Entertainer Harald Schmidt aber einmal meinte, hinken diese Nazi-Vergleiche stets mehr als Goebbels’ Bein.

Tatsächlich herrscht heute die grösste Orientierungslosigkeit wohl bei den Linken. Nachdem der Sozialismus gescheitert war und auch die EU in die Krise rutschte, wollten sie ihre eigene Vision einer modernen Schweiz kreieren und den Patriotismusbegriff der Rechten kapern. Leider wirken diese Versuche immer ein wenig verdruckst. Vielleicht sollten sie einfach auch mal den Schweizerpsalm singen im Parlament – zum Beispiel nächstes Jahr beim 100-Jahr-­Jubiläum des Generalstreiks. Mal schauen, ob die heimatverliebten SVP-Kollegen miteinstimmen.

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