Zum Hauptinhalt springen

Wenn das Private politisch ist«Ich zahle Steuern, aber heiraten darf ich nicht»

Der Berner Daniel Frey kämpft seit 30 Jahren denselben Kampf: Er setzt sich für Rechtsgleichheit und Akzeptanz queerer Menschen ein.

Daniel Frey in seinem Wohnzimmer in Zollikofen: «Solange mein Leben nicht als normal gilt, ist es nicht privat, sondern politisch», sagt er.
Daniel Frey in seinem Wohnzimmer in Zollikofen: «Solange mein Leben nicht als normal gilt, ist es nicht privat, sondern politisch», sagt er.
Christian Pfander

Daniel Frey sitzt in seiner Küche in Zollikofen, einem hellen Raum mit grossem Tisch, und sagt: «Man braucht schon einen langen Atem». Sein halbes Leben setzt sich Frey nun für gleiche Rechte und für Akzeptanz queerer Menschen ein: Er ist Vizepräsident des Vereins «hab queer bern» und führt einen Blog namens «Stinknormal». Einst moderierte er die Sendung «Gay Radio» auf Radio Rabe, und seit Juli interviewt er für den Podcast «Der queere Alltag» Menschen aus der LGBTIQ-Community – an ebendiesem Küchentisch in Zollikofen.

Frey ist inzwischen fast 60 Jahre alt. Sein Coming-out hatte er vor 30 Jahren – zumindest sein erstes Coming-out. «Als schwuler Mann, als lesbische Frau ist man immer wieder mit dem Coming-out konfrontiert – die meisten Leute gehen nicht davon aus, dass zwei Männer oder zwei Frauen zusammen leben.» Und so muss sich Frey auch im Jahr 2020 immer wieder erklären – wenn er gefragt wird, wie es Frau und Kindern gehe oder ob er denn verheiratet sei.

Politisch statt privat

Schwule und Lesben sind einer gesellschaftlichen Widersprüchlichkeit ausgesetzt, die es ihnen unmöglich macht, sich richtig zu verhalten: Auf der einen Seite die Erwartung, dass sie sich outen, erklären – auf der anderen Seite die immer wieder laut werdenden Stimmen, die ihnen Geltungsdrang vorwerfen. Für Frey ist klar: «Solange mein Leben nicht als normal gilt, ist es nicht privat, sondern politisch.» Und das bedeutet, dass Frey weiterhin darüber spricht, was es bedeutet, schwul zu sein – beispielsweise, dass Paarbeziehungen zwischen zwei Männern nicht anders sind als heterosexuelle Beziehungen. Doch auf das Politische im Privaten aufmerksam zu machen, bleibe ein Balance-Akt, sagt Frey: «Soll ich nun dem befreundeten Paar, das stolz verkündet, ‹Wir heiraten!›, wirklich sagen: ‹Nein, ihr heiratet nicht – ihr lasst eure Partnerschaft eintragen.› Ist das der Moment, politisch zu sein?»

Dass er sich engagieren wollte, war Frey klar, seit er sich das erste Mal geoutet hatte. Im Verein hab queer arbeitet er – wie alle Vereinsmitglieder – ehrenamtlich. Aktiv ist der Verein in drei Bereichen: Erstens schafft er Treffpunkte. Dazu gehören regelmässige Essen in der Villa Bernau, eines davon findet jeweils im Rahmen des Quartiertreffs statt. Zudem gibt es Stammtische für inter und trans Personen. Zweitens organisiert der Verein Beratungen. Diese drehen sich um Fragen zum Coming-out, Beziehungs- und Rechtsfragen. Den dritten Pfeiler stellt eine Arbeitsgruppe, die Politikarbeit leistet.

Ein Film als Auslöser

Bis im April 2019 hiess die Gruppierung «Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern» (HAB). Wie andere homosexuelle Arbeitsgruppen in der Schweiz war sie zu Beginn der 1970er-Jahre entstanden. Auslöser war der 1971 erschienene Film «Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt» des deutschen Regisseurs Rosa von Praunheim. Studierende wollten den Film zeigen, vielerorts wurden Vorführungen jedoch nicht bewilligt. Man muss sich organisieren, war der aus der Zensur gezogene Schluss. 1972 wurden die Homosexuelle Arbeitsgruppen Bern gegründet.

Die Namensänderung zu hab queer war Frey ein wichtiges Anliegen: «Wir wollen die gesamte LGBTIQ-Community ansprechen. Inter und trans Personen sind Teil unserer Gemeinschaft und sollen mit dem Begriff queer ebenfalls eingeschlossen werden.» Sowieso wird deutlich, dass Inklusion für Frey nicht dort aufhört, wo er selbst davon betroffen ist: Geschlechtergerechte Sprache interessiert und fasziniert ihn genauso wie das Jahresthema, das der Verein für das kommende Jahr gewählt hat: Queere Menschen mit Behinderung.

Verfassungs- oder Gesetzesänderung?

Während Frey in Zollikofen von seinem Engagement für die LGBTIQ-Community erzählt, geht nur wenige Kilometer entfernt die politische Debatte um Rechtsgleichheit für gleichgeschlechtliche Paare in die nächste Runde: In Bern tagt die Rechtskommission des Ständerats und diskutiert, ob für die «Ehe für alle» eine Verfassungsänderung nötig ist. Obwohl das Bundesamt für Justiz schon vor vier Jahren ein Gutachten für den Nationalrat erstellt hat, das zum Schluss kommt, eine Verfassungsänderung sei nicht nötig, um die Ehe für alle einführen zu können. Obwohl der Bundesrat diese Auffassung teilt. Und obwohl die Nationalratskommission sich im Juni dieses Jahres mit überwältigender Mehrheit für die Ehe für alle sowie für die Samenspende für lesbische Paare ausgesprochen hat.

Mit einer einzigen Stimme Differenz wird die Rechtskommission zwei Tage später grünes Licht für eine Gesetzesänderung geben. Im Dezember stimmt schliesslich der Ständerat darüber ab, ob die Einführung der Ehe für alle auf dem Gesetzesweg möglich ist. Zwar ist auch dann noch ein Referendum möglich, das eine Volksabstimmung zur Folge hätte. Doch dann würde ein Stimmenmehr reichen, um die Abstimmung zu gewinnen. Wird hingegen über die Verfassungsänderung abgestimmt, muss eine Mehrheit der Kantone für das Anliegen gewonnen werden – was die Hürde deutlich erhöhen würde.

«Es ist ja nicht so, dass ich mehr will als die anderen», sagt Frey, «ich möchte einfach gleich viel. Ich zahle Steuern, aber heiraten darf ich nicht.» Als 2005 über die eingetragene Partnerschaft abgestimmt wurde, hätten die Gegnerinnen und Gegner der Vorlage von «Salamitaktik» gesprochen – Lesben und Schwule wollten sich sukzessive zur Ehe für alle vorarbeiten, so der Vorwurf. «Und so war es gewissermassen auch», sagt Frey und schmunzelt. «Wir wollten nie dieses Sonderzügli. Wir einigten uns zwar auf diesen gutschweizerischen Kompromiss – aber es war immer klar, dass wir uns nicht damit zufrieden geben würden.»

Verein hab queer bern: www.habqueerbern.ch

Daniel Freys Podcast «Der queere Alltag» ist auf Spotify, Apple Podcasts, Google Podcasts und Deezer zu hören.

1 Kommentar
    Drivefast

    Steuern zahlen ? Sie nehmen ja die annehmlichkeiten hier in zollikofen in anspruch ob verheiratet oder nicht ob hetero oder homo , beleuchtete strassen , asphalt auf dem gehweg etc etc.