Im Kühermutz nach Rukungiri

Eine Hochzeit in Uganda? Diese Einladung konnten wir nicht ausschlagen. Wir erlebten Einblicke in eine Tradition im Umbruch und Eindrücke von einem Land und seinen Leuten, die gerne Hände schütteln.

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Michael Feller@mikefelloni

Die Reise beginnt Ende November an der Aarhaldenstrasse 26 in Wabern. Claudia Burri und ihre Mutter Annemarie Burri betreiben dort ihre Trachtenstube mit Kleiderverleih. Röcke und Jacken, Blusen und Hemden hängen in mehreren Räumen dicht an dicht. Wir schauen uns zum ersten Mal in unserem Leben nach traditioneller Schweizer Kleidung um. Dazu hat uns allen bisher völlig der Bezug gefehlt.

Der Anlass ist ein erfreulicher. Unser Freund Thomas heiratet unsere Freundin Charlotte. Sie haben sich kennen gelernt, als sie beide in Kampala arbeiteten, der Hauptstadt Ugandas – der Heimat der Braut. Heute lebt das Paar im Berner Länggassquartier. Letztes Jahr gab es bereits eine standesamtliche Trauung samt Fest in Bern. Jetzt steht die traditionelle Hochzeit im Dorf an, in dem Charlotte geboren wurde. Das wollen wir sehen, und wenn schon, kommen wir auch in traditioneller Kleidung aus unserer Heimat.

Im Februar landen wir in Entebbe, das dreissig Kilometer südlich von Kampala liegt. Zivil gekleidet. Kühermutz und Sonntagstracht liegen in den Koffern. Auch das Kleid von Ursula, der Mutter des Bräutigams. Ihr Koffer ist aber leider nach Lima, Peru, geflogen. Sie wird sich für das Hochzeit ihres Sohnes traditionell ostafrikanisch einkleiden lassen.

Ein Tag später geht die Fahrt quer durch das Land los, das sechsmal so gross ist wie die Schweiz und viermal so viele Einwohner hat. Das Ziel ist Rukungiri, eine Provinzhauptstadt in der südwestlichen Ecke Ugandas, knapp südlich des Äquators gelegen. Die Strassen sind gut, vielerorts werden sie ausgebaut. China lässt bauen, das Land ist der grosse Investor auf dem Kontinent.

Unser Bild von Afrika

Auf der Reise fällt auf, wie einseitig unser Bild Afrikas geprägt ist. Armut, Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Krankheiten: Mehr erfährt man in Europa nicht über Afrika, wenn man sich nicht näher damit beschäftigt. Selbst im Osten des Kontinents liegt der Tourismus am Boden, weil in westafrikanischen Ländern, weit weg von hier, die Ebolaepidemie ausgebrochen ist – und für den Norden Afrika gleich Afrika ist. Da hilft es auch Uganda nichts, dass es in früheren Jahren seine Ebolafälle souverän in den Griff bekommen hat. Auch Inserate von Hilfswerken mit traurig blickenden Kindern haben in unsere Köpfe Bilder eingebrannt, die der Region nicht gerecht werden. Bei allen Problemen funktioniert hier das Leben, auch auf dem Land: Kinder, sie lachen auch hier andauernd, gehen zur Schule, ihre Eltern arbeiten oder schlagen sich durch. Die Menschen, die wir treffen, wirken glücklich.

Unser Fahrer Timothy, 24, ist gut ausgebildet, hat in Kampala studiert, aber keine feste Anstellung. Er möchte Unternehmer werden. Doch vorerst jobbt er in der Firma seiner älteren Schwester. Er ist unser Fahrer, Safarileiter und Fremdenführer in einem. Mit ihm über die Sonnen- und Schattenseiten seines Landes zu sprechen, ist äusserst erhellend. Timothy hat hehre Ziele. Er will mithelfen, die Probleme seines Landes zu lösen. Er hat aber auch ganz praktische Tipps: «Du musst drei Dinge probiert haben in Uganda: Matoke, Stoney und Rolex», sagt er. Rolex, die Genfer Uhr? Nein. Die ugandische Rolex ist ein Sattmacher, ein Omelett, eingerollt in ein Fladenbrot. Die Verkäufer braten ihn auf kleinen Kohlegrills am Strassenrand. Der Name kommt von «Roll of Eggs». Ob sie schmeckt? Ich weiss es nicht. Magendarmtechnisch kann Ostafrika eine Herausforderung sein. Ich zumindest war zu diesem Zeitpunkt auf Bananendiät.

Was noch? Matoke ist ein leckeres Nationalgericht aus Kochbananen. Und Stoney ist eine köstliche Ingwerlimonade. Wir werden uns in den zwei Wochen, die noch folgen werden, immer wieder darüber den Kopf zerbrechen, wie wir es schaffen könnten, das Getränk in die Schweiz zu importieren.

Wir kommen in Rukungiri an. Am nächsten Tag ist die traditionelle Hochzeit, in einem Dorf ein paar Kilometer vom Hauptort entfernt. Wir sind – knapp hinter dem Brautpaar – die Attraktion. Nicht nur, weil wir «Muzungus» sind, Weisse. Auch, weil wir allesamt in unsere Trachten gehüllt einen sehr exotischen Eindruck abgeben dürften. Wobei man sagen muss: So ein Kühermutz fühlt sich gut an. Wenn auch für die Klimaverhältnisse am Äquator gänzlich ungeeignet. Die Hochzeit findet draussen statt. 400 Gäste sitzen unter weissen Zelten und verfolgen die vierstündige Zeremonie. Würde nicht ein frischer Wind aufkommen, wäre die Hitze für uns unerträglich.

Symbolik in der Tradition

Wir erfahren viel Gastfreundschaft von herzlichen Menschen, die einem gerne minutenlang die Hand schütteln und ihre Freude über den Besuch in wohlgewählten Worten zum Ausdruck bringen. Das Heiratsfest ist ein «Give away», eine Hochzeit in Weiss wird Tage später folgen. Hier gehts darum, dass die Delegation des Bräutigams bei der Familie der Braut um diese wirbt und quasi den Preis aushandelt. Eine Tradition, die längst nur noch symbolisch fortgeführt wird. Was aber nicht verhindert, dass sie eine komplexe Angelegenheit ist. Es gibt zu essen, Tanzvorführungen zu beschauen und viele Reden anzuhören, die das freudige Ereignis würdigen. «We hope that this marriage is the beginning of a friendship between Uganda and Switzerland», sagt ein Redner. Viel Pathos, aber noch mehr rührende Worte fallen in den vielen Reden.

Für den Rest der Reise verstauen wir die Trachten wieder im Gepäck. Leichte Kleidung eignet sich durchaus besser für die Safaris, die noch anstehen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Berner Zeitung

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