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Die Predigt zum WochenendeIn der Corona-Krise werden wir zu Anfängerinnen und Anfängern

Wegen Corona fallen die Gottesdienste aus. Pfarrer Daniel Sutter aus Grafenried macht sich nun in der BZ seine Gedanken zum Lauf der Welt.

Ein Wort zum Sonntag, weil heute keine Worte in unseren Kirchen geredet werden. Darum hier das geschriebene Wort, nicht das gesprochene, doch Hauptsache ein Wort oder zwei. Ein paar Worte für viele, die immer noch glauben «Am Anfang war das Wort». Hallelujaund für die anderen auch Amen.

Li
ebe Mitmenschen,

im Alten Testament in der Genesis am Anfang der Bibel steht im Schöpfungsbericht: «Es werde…». Und im Neuen Testament im Johannesevangelium beginnt der Satz: «Am Anfang war das Wort…» Und bevor ich mich hier ausschreiben kann, kommt sicher von irgendeiner Seite schon der Einwand:

Nein, am Anfang war der Urknall (Wissenschaft), am Anfang war die Tat, war die Kraft, war der Sinn (Goethes Faust), oder am Anfang war der Schrei (nach der Geburt).

Am Anfang war der Geschlechtsakt (noch vor der Geburt oder einfach so zur Freude am Leben – aus Liebe auch), am Anfang war das Chaos (hebräisch: Tohuwabohu), oder am Anfang war das Feuer (Film: Jean Jacques Annaud).

Am Anfang war der Zauber, denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne (Gedicht: Hermann Hesse), am Anfang war die Weisheit (Bibel: Sprichwörter 8), am Anfang war das Huhn, oder war am Anfang das Ei?

Am Anfang war das Orgelspiel (Gottesdienst), am Anfang war das Glockengeläut (auch im Gottesdienst), am Anfang war die Vorspeise (Restaurant).

Wie Sie nur an dieser kurzen Aufzählung merken, ist es also erstens gar nicht einfach mit dieser Behauptung «am Anfang war», und zweitens ist sie unklar, oft missverständlich und ganz und gar nicht homogen. Und neuerdings müssen wir richtigerweise festhalten: Am Anfang war das Virus mit Namen Corona Covid-19!

Eine neue Situation für ganz viele Menschen in unserem Land und über die Ländergrenzen hinweg. Fast die ganze Erde ist betroffen. Am Anfang war das Virus in China, und es wurde in Italien, und dann war am Anfang das Händewaschen, und es wurde die 2-Meter-Distanz-Regel eingeführt, und dann war die Ausgangssperre, und mir wurde langsam mulmig. In etwa so kann ich die diversen Anfänge der letzten Zeit ganz kurz zusammenfassen. Und während ich diese Zeilen schreibe, berät der Bundesrat wohl einen neuen Anfang ab heute Samstag bezüglich Einschränkungen.

«Immer wieder sind es Anfänge, bei denen man etwas Altes hinter sich lässt und Neues in Angriff nimmt.»

Doch gehen wir noch etwas zurück in andere und positivere Anfänge: «Die kleinen Anfänge des Lebens.» Vielleicht magst du dich an deine ersten Rollschuhe erinnern, ans erste Zeugnis, die erste grosse Prüfung, deinen ersten Lohn auf dem Konto oder in der Tasche, deine erste Hochzeit. Immer wieder sind es Anfänge, bei denen man etwas Altes hinter sich lässt und Neues in Angriff nimmt, eben frei nach Hesse: «Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben.» Hesse dachte dabei wohl an die Vorfreude und an die Hoffnung auf gutes Ausgehen des Anfangs.

Der Volksmund weiss aber auch um die Schwierigkeiten: «Aller Anfang ist schwer.» Ich denke da mal an das erste Schuhbinden im Kindergarten, an die neue Klasse, an den Stellenwechsel oder den Umzug in ein anderes Dorf, an das neue Handy für einen 85-Jährigen und neuerdings an das vielgelobte Homeoffice für viele, das auch viel Ärger und Hindernisse mit sich bringt. Immer wieder ist man Anfängerin!

Und ich kann noch viele weitere Anfängergeschichten anfügen:

Nach der Diagnose des Arztes «unheilbare Krankheit» soll man die verbleibenden Monate noch gestalten = Anfänger

Mit der Versöhnung in der Beziehung beginnen, die man vorher arg strapaziert hat = Anfängerin

Das erste Mal Automat fahren, wenn man vorher immer geschaltet hat = Anfänger

Die erste Liebesnacht des Lebens geniessen = Anfängerin

Das erste Mal als Kirchgemeinderat das Abendmahl austeilen = Anfänger

Als Vikarin die erste Predigt auf der Kanzel in der Kirche Grafenried halten = Anfängerin

Auf dem Snowboard die erste Kurve wagen = Anfänger

Alle von uns kennen solche Geschichten. Alle von uns sind Anfängerinnen und Anfänger, und es gäbe Millionenmilliarden Beispiele dafür. Ab Geburt bis zum Tod gibt es die kleinen Anfänge des Lebens. Manchmal klappen sie von vornherein, und manchmal möchte man lieber noch einmal von vorne beginnen. Und in der jetzigen Situation möchten ganz viele gerne zurück ins Bekannte vorher. Rückwärts in den allseits gewohnten Alltag ohne diese ständigen einschneidenden Neuanfänge.

Leider geht das jetzt nicht. Wir werden im beruflichen und im privaten Umfeld zum ganz Neuen gezwungen. Und da hinein kommen für mich als reformierter Pfarrer zwei Bibelworte. Das erste kommt biblisch x-mal vor und heisst: «Fürchte dich nicht.» Weil aber diese Seuche für sehr viele Menschen eine grosse mentale und existenzielle Herausforderung ist und ein schnell gesprochenes «Fürchte dich nicht» wie ein Stich ins Herz verstanden werden kann, muss ich hier sehr vorsichtig sein. Jobverlust, Geldsorgen, keine Aufträge, Reizbarkeit, zu wenig Platz, schreiende Kinder, die Frage nach dem «Wie weiter?»all dies und noch viel mehr macht Angst (Angst = das Bedenklichwerden des Undenkbaren: Elazar Benyoëtz).

«Die Angst nimmt zuweilen Besitz von einem selbst, und das ist Realität.»

Punkt. Da gibt es nichts wegzudiskutieren. Und dann kommt der Pfarrer und sagt: «Fürchte dich nicht!» Nein das geht so nicht. Die Angst nimmt zuweilen Besitz von einem selbst, und das ist Realität. Zusätzlich kommt hinzu, dass der Glaube auch bei uns in der säkularisierten Schweiz vielen abhandengekommen ist, man nicht einfach so auf ihn zurückgreifen kann und dann mit einem Gebet zu Gott dieser Angst etwas entgegenzusetzen hat.

Darum gefällt mir ein zweites Wort besser: «Denn Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.» (2. Timotheus 1.7) «Verzagen und aufgeben, das tun wir nicht, dazu sind wir nicht geboren worden», hat mir mal ein alter und weiser Mann mit Kriegserfahrungen im Hinterkopf gesagt. Gefällt mir! Ganz viele Menschen haben auf verschiedensten Ebenen ganz viel Kraft, und diese gilt es jetzt für die Schwächeren auf genauso vielen Ebenen einzusetzen. Dazu kommt die Liebe oder besser die Bereitschaft zur Solidarität, die uns zu einer neuen Gemeinschaft auf Distanz fähig macht.

Petra Bahr schreibt in diesem Zusammenhang: «Physischer Abstand ist in diesen Tagen Ausdruck der Menschenliebe. Das ist das neue Liebesparadox.» Und nicht zu vergessen die Besonnenheit, also Ruhe, Bedacht, auch Zurückhaltung und Gelassenheit, Einfühlungsvermögen, Klugheit und Klarsicht, um diese Krise zu durchpflügen.

«Wir können unser Ohr an die Muschel legen und einander zuhören.»

Ich bin davon überzeugt, dass es solche Worte in solchen Situationen braucht. Und weil uns in Notlagen oft die Worte fehlen, macht es Sinn, auf alte und überlieferte vor allem auch biblische Gottesworte zurückzugreifen. Zwar können wir sie einander im Moment nicht ins Gesicht sagen, aber wir können sie einander schreiben per Mail, per Whatsapp, SMS oder per Brief, und wir können unser Ohr an die Muschel legen und einander zuhören. Geht alles noch!

Somit wäre wieder einmal ein Anfang gemacht, um dieser ausserordentlichen Lage zu trotzen und nicht aufzugeben. Das braucht Kraft und Erfindergeist und auch immer wieder Humor. Übrigens kennen sie die Geschichte von Anthony de Mello: «Ein Bauernjunge war so schweigsam, dass seine Freundin nach 5 Jahren überzeugt war, er würde ihr nie einen Antrag machen, wenn sie nicht die Initiative ergreife. So sassen sie einmal alleine im Garten, und sie fasste sich ein Herz: John, lass uns heiraten. Sollen wir heiraten, John? Lange Pause. Schliesslich sagte John: Ja. Wieder eine lange Pause. Schliesslich sagte das Mädchen: Sag doch etwas, John. Warum sagst du nichts? John: Ich fürchte, ich hab schon zu viel gesagt!»

«Ein Wort ist ein Wort zu viel», sagt der Volksmund auch, doch momentan brauchen wir sogar zwei rter: «Haltet Abstand!» Und diese sind enorm wichtig und sollten x-mal täglich ausgesprochen werden. Und sowieso können wir jetzt fast nicht zu viel sagen oder schreiben, weil es Sinn macht, die Sätze etwas auszudehnen und die Geschichte länger werden zu lassen. Darum höre ich jetzt hier auf, damit Sie alle nicht mehr weiterlesen müssen, sondern eigene Geschichten den anderen zum Besten geben können. Geschichten wie «Gott ist ein Anfänger» oder «ich wurde, der ich bin» oder «Am Anfang des Abends war das Familienspiel» oder «Am Anfang war das Wortwo aber ist das Wort hingekommen?» oder «Mein Gebet am Sonntag, 22. März 2020.»

« Gehen Sie in den Wald und schreien sich den Ärger aus der Lunge.»

Wir alle müssen uns gerade jetzt immer wieder etwas Neues einfallen lassen, und damit werden wir einmal mehr zu Anfängerinnen und Anfängern. Mit anderen Worten, es gilt Neues zu lernen. Und ich möchte euch alle ermutigen, das Lernumfeld so motivierend und freundlich einzurichten wie immer nur möglich. Schmücken Sie schon jetzt einen blühenden Ast als Osterbaum und hängen Sie alles daran, was Ihnen Freude macht. Und wenn das nicht möglich ist, dann gehen Sie in den Wald und schreien sich den Ärger aus der Lunge, fluchen Sie (klagen Sie Gott Ihr Leid) oder verbrennen Sie in Ihrem Garten eine alte Kommode, das befreit ungemein (ich weiss, wovon ich rede) und verbinden Sie diese Massnahmen mit einer christlichen und österlichen Hoffnung in Ihrem Herzen.

In diesem Sinne, Gott zum Gruss.

8 Kommentare
    Eveline

    E guete Aafang i die nöi Wuche und danke für wunderbare und träffliche Wort i öire Predig. Gottes Säge und blibet Aui gsung!