In der Porno-Therapie

In der Schweiz steigt die Anzahl Sexsüchtiger. Nun gibt es neue Behandlungskonzepte und Klinikabteilungen.

Spielt einen Sexsüchtigen: Michael Fassbender im Film «Shame». Foto: Outnow

Spielt einen Sexsüchtigen: Michael Fassbender im Film «Shame». Foto: Outnow

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Es ist wie ein ewiges Fieber. Wenn Thomas* um 22 Uhr zu Bett geht, schaltet er den Computer ein, surft rum, klickt sich durch Pornoseiten. Sein Drang, immer neue Bilder zu sehen, immer neue Reize aufzunehmen, lässt nicht nach. Erst morgens um 4 Uhr schläft Thomas ein; bei der Arbeit ist er übernächtigt und kaum leistungsfähig. Das Muster wiederholt sich jede Nacht. Es ist eine Mischung aus Einsamkeit, Frust und Begehren. Seit Wochen geht das nun schon so. Der 40-Jährige trifft keine Freunde und Bekannte mehr, er verwahrlost.

Der Mann ist süchtig nach Pornografie, nach Sex. Bei Martin Bachmann vom Mannebüro Zürich fand er Hilfe. Bachmann, Männerberater und klinischer Sexologe, sagt: «Thomas ist ein besonders extremer Fall.» Und auch kein Einzelfall: Beim Mannebüro häufen sich die Anfragen verzweifelter Männer, die ihre Sexualität nicht mehr im Griff haben. «Ich habe bei meiner Arbeit heute fast täglich mit Männern zu tun, deren Sexualität mit einem stark erhöhten Konsum von Pornografie verknüpft ist», sagt Bachmann. Deshalb hat das Büro jetzt ein Konzept erstellt, wie pornosüchtigen Männern geholfen werden kann.

Der US-Filmproduzent Harvey Weinstein hat mit seinen Übergriffe auf Frauen eine Debatte um die männliche Sexsucht ausgelöst. Weinstein hat zig Frauen sexuell belästigt und mutmasslich sogar vergewaltigt. Sechs Frauen haben Klage gegen ihn eingereicht. Er selber sagt, er lasse sich wegen seiner Sexsucht behandeln.

Psychiater vermutet «erhebliche Dunkelziffer»

Mit seiner Selbstdiagnose versucht Weinstein wohl vor allem, sein eigenes Gewaltproblem zu verharmlosen. Denn die allermeisten sexsüchtigen Männer werden gemäss Fachleuten nicht übergriffig.

Wie verbreitet die Krankheit in der Schweiz tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Ein Gradmesser ist der Pornokonsum, und der ist hoch: Einer Auswertung des IT-Unternehmens Similarweb zufolge befinden sich unter den Top Ten der beliebtesten Webseiten in der Schweiz allein vier Pornoseiten.

Auf Sex fokussiert: Immer mehr Männer suchen Hilfe, weil sie zwanghaft Pornografie konsumieren. Foto: Alamy

Offizielle Zahlen zur Krankheit existieren nicht. Trotzdem gibt es Indizien für einen Anstieg. An den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel besteht ein auf Verhaltenssüchte spezialisiertes Ambulatorium. 2015 wurden hier 8 Männer wegen einer Sexsucht therapiert, 2016 waren es schon 16 und 2017 bereits 17. «Noch viel höher ist der Anstieg bei den Männern, die um eine Beratung wegen einer Sexsucht angefragt haben», sagt Renanto Poespodihardjo, der Leiter des Ambulatoriums. Ab Sommer soll nun auch das stationäre Angebot ausgebaut werden. Geplant ist eine neue Abteilung für Verhaltenssüchte.

Eine klare Definition, was eine Sexsucht ist, gibt es allerdings nicht. Psychiater und Psychologen verwenden zur Klassierung von Krankheiten in der Schweiz meist den Katalog ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO. Am Ambulatorium in Basel wird eine Sexsucht unter Code F63.8 klassiert. Dabei handelt es sich um «sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle» – dazu gehören unter anderem die Internet-, die Pornografie-, die Kaufsowie die Spielsucht.

«Ich kann mir gut vorstellen, dass heutzutage mehr Menschen unter einer Sexsucht leiden als früher.»Kaspar Aebi, Psychiater

Zahlen für die ganze Schweiz gibt es nur aus dem stationären Bereich – also wenn ein Klinikaufenthalt nötig ist. 2010 gab es 15 solcher Fälle, die stationär behandelt wurden. 2015 waren es bereits 63 – und 2016 immer noch 45. Psychiater Kaspar Aebi, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP), vermutet zudem, dass die Sexsucht in diesen Zahlen «diagnostisch untervertreten» ist und daher eine «erhebliche Dunkelziffer» existiert.

Jungen Männern fehlt eine Ansprechperson

Dass das Phänomen überhaupt existiert, hängt laut Psychiater Aebi auch mit «kulturellen Normen» zusammen. Diese würden darüber entscheiden, ob ein Phänomen als eine Krankheit wahrgenommen werde, und es einen Leidensdruck gebe, der eine Therapie notwendig mache. «Nur schon weil wir in unserer Gesellschaft ständig mit Themen wie Sexualität und Libido konfrontiert sind, kann ich mir gut vorstellen, dass heutzutage mehr Menschen unter einer Sexsucht leiden als früher.»

Die Sexologin Dania Schiftan plädiert daher für neue Massnahmen: «Wir brauchen schon im Kindergarten Sexualaufklärung und Sexualbildung.» Denn eines der Probleme sei, dass jungen Männern eine Ansprechperson für ihre Sexualität fehle. «Mit ihren Fragen und ihrem Drang landen sie daher schnell einmal im Internet auf Pornoseiten.» Zum Problem werde dies, wenn junge Männer ihre Sexualität nur noch im Internet ausleben würden. Wenn es keine solche Erziehung gebe, warnt Schiftan, würden junge Menschen «zunehmend nur noch Pornos konsumieren – und unsere Gesellschaft wird ein noch viel grösseres Problem bekommen mit dem Modethema Sexsucht».

Wie virulent das Phänomen ist, zeigt die Revision des Katalogs ICD-10. Im Nachfolge-Manual soll die Diagnose «Compulsive Sexual Behaviour Disorder» aufgenommen werden. Auf Deutsch: «Zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung».

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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