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Tourismus-Profis im Streitgespräch«In dieser Lage Preise zu senken, wäre fatal»

Noch nie prallten die Interessen im Tourismus so aufeinander wie diesen Sommer: Martin Nydegger, Chef von Schweiz Tourismus, will die Schweizer hierbehalten. Globetrotter-Chef André Lüthi will sie ins Ausland locken. Das Streitgespräch.

Seilziehen um die Schweizer Reisenden: Schweiz-Tourismus-Chef Martin Nydegger (links) und Globetrotter-Chef André Lüthi am Hauptsitz von Schweiz Tourismus in Zürich.
Seilziehen um die Schweizer Reisenden: Schweiz-Tourismus-Chef Martin Nydegger (links) und Globetrotter-Chef André Lüthi am Hauptsitz von Schweiz Tourismus in Zürich.
Foto: Michele Limina

Die Corona-Krise hat die Tourismusbranche zum Erliegen gebracht. Jetzt rüstet sie sich für den Feriensommer 2020, der von Restriktionen und Reisebeschränkungen geprägt sein wird. Schweiz Tourismus-Chef Martin Nydegger wirbt schon seit Wochen mit Bundesgeldern um die Schweizer Feriengäste. Das ärgert Globetrotter-Chef André Lüthi.

Herr Nydegger, Bundesrat Ueli Maurer hat öffentlich zu Ferien in der Schweiz aufgerufen. Wie fühlt sich das für Sie an als Chef von Schweiz Tourismus?

Martin Nydegger: Das freut mich und ist auch angemessen. Man darf den Appell aber nicht überbewerten. Die Schweizer Bevölkerung entscheidet verordnungsfrei über ihre Ferien.

Herr Lüthi, ist es wirklich Aufgabe des Bundesrates, das Urlaubsland Schweiz zu bewerben?

André Lüthi: Für uns Reiseveranstalter war der Appell irgendwie ein Schlag ins Gesicht. Wir verzeichnen Tausende von Annullationen, 8000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, und der Bundesrat ruft zu Ferien in der Schweiz auf. Nachträglich stellte sich heraus, dass Maurer die Sommerferien meinte. Das kann ich aufgrund der Grenzschliessungen nachvollziehen.

Und doch hat Schweiz Tourismus seit Wochen eine Werbekampagne am Laufen mit dem Slogan: «Dream now – travel later». Warum wirbt man um Schweizer Kunden, die sowieso kommen?

Nydegger: Weil sie eben nicht einfach so kommen. Die Schweizerinnen und Schweizer sind eine begehrte Kundschaft, um die auch Österreich oder Deutschland buhlen. Zudem ist das Vertrauen ins Reisen angeschlagen. Dieses Vertrauen müssen wir zurückgewinnen. Ab 8. Juni, dem nächsten Lockerungsschritt, wird der Slogan lauten: «Wir brauchen Schweiz».

Lüthi: Schweiz Tourismus bekommt regulär 56 Millionen Franken jährlich. Und nun fliessen in der Corona-Krise vom Bund nochmals 40 Millionen Franken extra. Und das alles, um den Schweizern zu sagen, dass sie zu Hause Ferien machen sollen? Das ist doch komplett überflüssig.

Nydegger: Erstens, Schweiz Tourismus bekommt von den 40 Millionen Franken lediglich 20 – für zwei Jahre. Der Rest geht an unsere touristischen Partner in den Regionen. Zweitens: Wir befinden uns in der grössten touristischen Krise seit den 40er-Jahren, mit einem Umsatzverlust von bisher 8,7 Milliarden Franken. Da braucht es einen riesigen Effort, um den Tourismus wieder zum Laufen zu bringen.

Lüthi: Trotzdem ist die Situation grotesk. Die Reisebüros sind auf Kurzarbeit, kämpfen um ihre 8000 Arbeitsplätze und nehmen aktuell null Franken ein. Derweil Schweiz Tourismus 40 Millionen Franken bekommt, um ein bisschen Kommunikation zu betreiben. Verstehst du nicht, dass das ein Affront ist für uns?

Nydegger: Nein. Der Tourismus ist überproportional betroffen, er bietet über 260’000 Arbeitsplätze. Hinzu kommen die Zulieferer, die eine indirekte Wertschöpfung generieren.

Lüthi: Das tun wir auch. Denken wir doch nur an den Flughafen. Tatsache ist aber, viele Reisebüros werden in den nächsten Monaten in Konkurs gehen. Denn im Gegensatz zu Hotels oder Bahnen, die wieder langsam öffnen können, sind die Reisebüros leer.

Nydegger: Die Reiseveranstalter generieren ihre Wertschöpfung vor allem im Ausland, und es ist nicht Aufgabe des Bundes, dies zu unterstützen. Im Übrigen werden auch im Schweizer Tourismus viele in Konkurs gehen. In einer Umfrage schätzten 23 Prozent der befragten Schweizer Betriebe die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses hoch ein. Rund 30’000 Stellen wären direkt gefährdet.

Nun wollen Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien ihre Grenzen für die Schweizer wieder öffnen. Eine gute Nachricht?

Nydegger: Ja, der Schweizer Tourismus kann nicht prosperieren, wenn er sich abschottet.

Vielen Leuten macht die Öffnung der Grenzen aber Angst. Sie wollen diesen Sommer das Hotel nicht mit Menschen aus anderen Nationen teilen.

Nydegger: Ich glaube nicht, dass die Ausländer diese Angst befeuern. Der Teil der Bevölkerung, der risikoavers ist, geht sowieso nicht in die Ferien.

Lüthi: Doch, man sollte diese Gefahr nicht unterschätzen. Als wir unsere Kunden nach Ausbruch von Corona aus dem Ausland zurück in die Schweiz holten, gab es teils wüste Szenen. In Ecuador beispielsweise wurden Europäer als Virusbringer beschimpft. Wenn nun die Grenzen zu den Nachbarländern wieder öffnen, könnten diese negativen Gefühle wieder aufflammen. Frankreich beispielsweise war sehr stark von Corona betroffen.

Die Deutschen sind die wichtigste ausländische Gästegruppe des Schweizer Tourismus. Mit wie vielen Urlaubsgästen rechnen Sie?

Nydegger: Deutschland generiert vier Millionen Logiernächte pro Jahr. Wie viele davon dieses Jahr zu holen sind, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass es auch in Deutschland viele Pragmatiker und Schweiz-Liebhaber gibt, die sich wieder trauen werden, zu reisen.

Lüthi: Bedenklich finde ich die vielen bilateralen Deals, die nun zwischen europäischen Ländern ausgehandelt werden, mit Touristenkorridoren. Das fördert den Nationalismus und schafft beim Konsumenten nur Verwirrung. Die EU muss hier dringend für Einheit sorgen.

Mit welcher Form von Öffnung rechnen Sie ausserhalb Europas?

Lüthi: Da steht uns der mögliche Knall erst noch bevor. Die grösste Gefahr sind die USA. Derzeit hat Globetrotter für diese Destination noch 3500 Buchungen in den Büchern für den Zeitraum von Juli bis September. Wenn die USA die Grenze dichthalten, nur Reisen in einzelne Staaten erlauben oder krasse Reiserestriktionen verhängen, müssen all diese Reisen storniert werden. Das würde Globetrotter wirtschaftlich empfindlich treffen.

Die Swiss wird vom Bund mit Kreditgarantien im Umfang von 1,5 Milliarden Franken gestützt. Ist diese erneute Hilfsaktion nicht stossend?

Nydegger: Der Bund schenkt der Swiss nichts, und die mit dem Kredit verknüpften Auflagen sind okay.

Lüthi: Das ist unbestritten. Trotzdem ärgere ich mich. Primär steht die Lufthansa als Muttergesellschaft in der Pflicht, für ihre Tochter geradezustehen. Wenn eine meiner 14 Gesellschaften Probleme hat, ist auch meine Holding gefordert. Der Bund hätte viel mehr Druck in Deutschland machen müssen. Aber die Swiss geniesst eben auch ein bisschen Heiligenstatus.

«Corona sollte uns lehren, vom Billigkonsum wegzukommen.»

Martin Nydegger, Schweiz Tourismus

Vier Stunden vor Abflug am Flughafen sein, Fiebermessen, Maske im Flieger, Handgepäck desinfizieren – die geplanten Schutzmassnahmen der Fluglinien wegen Corona tönen drastisch. Steigt so überhaupt noch jemand in den Flieger?

Lüthi: Ich sehe schwarz. So wird leider vielen Menschen das Fliegen definitiv verleiden.

Nydegger: Es wird leider eine lange Übergangsphase geben, während der es beschwerlich sein wird, sich im öffentlichen Raum zu bewegen.

Was heisst das konkret für Ferien in der Schweiz? Die Leute fragen sich, ob sie im Bergsee baden,
den Sessellift benützen können.

Nydegger: Reservieren wird ein grosses Thema. Man wird sich vorab schlau machen müssen, ob und wie zum Beispiel die Bergbahn Personen befördert, und allenfalls Slots reservieren müssen. Dasselbe gilt für Restaurants und andere touristische Attraktionen. Ferien 2020 werden aufwendiger zu organisieren sein.

Das wird doch zu einer schlechten Stimmung unter den Gästen führen.

Nydegger: Aber es ist immer noch besser, als gar keine Ferien zu machen.

Für viele Familien waren Schweiz-Ferien bis anhin zu teuer. Werden die Preise nun sinken,
weil die Hotels um Gäste buhlen?

Nydegger: Die Hotels sind im Elend und durch die Corona-Kredite zusätzlich verschuldet. In dieser Lage Preise zu senken, wäre fatal. Unsere Gäste wissen, dass jetzt nicht die Zeit für Schnäppchenjagd ist.

Lüthi: Im Gegenteil, die Preise für Schweizer Hotels müssen etwas rauf. Wenn ich nur noch halb so viele Gäste wie üblich bewirten darf, aber die Kosten gestiegen sind, geht die Rechnung nicht mehr auf. Ich spreche jetzt auch als Mitbesitzer eines Hotels im Berner Oberland.

Nydegger: Nein, Preiserhöhungen liegen nicht drin. Eine Preiskalkulation sollte nicht auf einer Krisenlage wie jetzt beruhen, sondern sich am Normalzustand orientieren.

Lüthi: Aber touristische Leistungsträger wie die Airlines werden die Preise auch erhöhen, wenn sie harte Hygienevorschriften einhalten müssen.

Sollten die Schweizer Hoteliers aber nicht wenigstens bei den Annullationsbedingungen tolerant sein?

Nydegger: Unbedingt. Jetzt ist der Augenblick gekommen, um absolut gästefreundliche Annullationsbedingungen auszugestalten. Eine Stornierung bis zu zwei Tage vor Anreise halte ich für angemessen.

Noch pochen aber viele Hotelbesitzer auf das alte Kleingedruckte.

Nydegger: Das wird sich in den nächsten Wochen ändern. Auch Hotelleriesuisse setzt sich dafür ein. Wir müssen alles dafür tun, um die mentalen Barrieren unserer Gäste abzubauen.

Schweiz Tourismus rührt seit Wochen die Werbetrommel. Von den grossen Reiseveranstaltern hört man gar nichts. Müssten sie sich nicht in Erinnerung rufen?

Nydegger (lacht): Du kannst mir den Slogan «Dream now – travel later» abkaufen.

Lüthi: Im Unterschied zu Martin Nydegger fehlen uns die Mittel für solche Kampagnen. Ausserdem wäre Werbung für Ferien in Australien oder Brasilien derzeit zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Die Reisenden sind mündig und werden sich hoffentlich irgendwann nicht mehr nur von Angst lenken lassen. Wir können doch nicht drei Jahre mit Maske und zwei Meter Abstand herumlaufen.

Aber Sie, Herr Lüthi, sind sowieso gegen Badeferien zu Schleuderpreisen, die Ihre Kollegen von Hotelplan oder TUI am Mittelmeer anbieten. Wird Corona zu einer Veränderung des Geschäftsmodells führen
in der Reisebranche?

Lüthi: Ja, sie wird restrukturieren müssen. Im schlimmsten Fall wird etwa ein Drittel der 8000 Arbeitsplätze leider verschwinden. Das Gute an dieser Krise ist, dass sie uns vielleicht tatsächlich dazu bringt, unsere Haltung zum Reisen zu überdenken. Siebenmal pro Jahr mit Easyjet irgendwohin düsen oder eine Woche Phuket für 980 Franken zu buchen: Muss das sein?

Nydegger: Diese Meinung teile ich. Raschestmöglich wieder den Zustand vom Februar 2020 herzustellen, ist nicht wünschenswert. Corona war ein Schuss vor den Bug und sollte uns lehren, vom überbordenden Billigkonsum wegzukommen.

Die Reisebranche wird schrumpfen. Ist eine Strukturbereinigung nicht auch für den Schweizer Tourismus angezeigt? Gerade im alpinen Raum sind viele Hotels nicht auf einem zeitgemässen Standard.

Nydegger: Corona wird solchen Betrieben möglicherweise den Dolchstoss geben, ja. Leider wird es aber auch exzellente Hotels treffen, die ihren Gewinn laufend reinvestiert haben und nun über keine Reserven verfügen. Das ist tragisch.

Welche ausländischen Gästegruppen werden Ihrer Meinung nach zuerst in die Schweiz zurückkehren?

Nydegger: Die meisten Europäer, Chinesen und Inder sind Pragmatiker. Sie werden am schnellsten wieder reisewillig sein. Gäste aus Korea oder Japan dürften sensibler auf die Situation reagieren, ebenso die Touristen aus den Golfstaaten. Diese verfügen allerdings über genug Geld, um sich zu schützen, indem sie entsprechende Unterkünfte buchen.

Wo werden Sie beide im Sommer Ferien machen?

Nydegger: Wir fahren ins Tessin und werden das Wallis bereisen.

Lüthi: Im Sommer bleiben wir in der Schweiz und werden unsere Heimat mit dem Bike entdecken.

67 Kommentare
    Peter PI

    Hr. Lüthi sagt:Leistungsträger wie die Airlines werden die Preise auch erhöhen!

    Wenn man aber die Flugpreise ansieht jetzt zum Beispiel für August oder September sind sie eher günstiger.