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MamablogIst Egoismus wirklich egoistisch?

Unsere Mamabloggerin würde sich gerne öfter um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern. Wenn da nur nicht die fehlende Zeit wäre – und das schlechte Gewissen.

Zufriedene Mama statt «Momster»: Sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, ist weit weniger egoistisch als man denkt.
Zufriedene Mama statt «Momster»: Sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, ist weit weniger egoistisch als man denkt.
Foto: Getty Images

«Mein Turnzeug ist nicht gewaschen.» … «Hören Sie Ihrem Kind täglich fünfzehn Minuten beim Vorlesen zu.» … «Kannst du mich in Französisch abfragen?» … «Sag ihm, er soll endlich aus meinem Zimmer raus!» … «Hier noch eine kleine Bastelarbeit, die Sie am Elternabend bitte mitbringen.» … «Ich hab Hunger.» …

Der Soundtrack eines gewöhnlichen Tages im Leben mit Kindern. Als Eltern – und, nicht immer, aber immer noch oft etwas mehr als Mutter – ist man vor allem eins: überall irgendwie zuständig. Kinder brauchen nun mal Turnzeug. Und Essen. Sie streiten und benötigen Hilfe. Und es gibt Elternabende und Hausaufgaben, auch letztere manchmal gar für Eltern.

Mona Lisa mit Piercing

Nun weiss man ja, wenn man ein Kind bekommt: Die Sache, die wird wunderbar, aber streng! Man kauft sich vorsorglich eine Kitchen-Aid und Feuchttücher im Multipack und taucht dann ein in die Jahre mit umgekippten Apfelsaftbechern und Parkettbodenritzen voller Brei. Klar, dass die eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit zurück gestutzt werden. Die müssen halt erst mal in ein, zwei Abende pro Monat passen. Das ist voll ok. Und ja nicht für immer.

Doch die Jahre vergehen und für immer steht fortan die Frage im Zentrum: Was ist gut fürs Kind? Auch völlig berechtigt, doch muss sie dort langfristig so allein bleiben? Oft entwöhnt sich ja vor allem frau, wenn sie nicht aufpasst, schon vor dem Abstillen komplett auch vom Anspruch auf eigene Bedürfnisse. Denn Mütter und eigene Bedürfnisse? In einer Welt, in der Mama noch weit verbreitet als alleinige Jeanne d’Arc des Kindeswohls verstanden wird, halt irgendwie etwa so unpassend wie Mona Lisa mit Piercing.

Was ist gut für mich?

Es mag am steigenden Alter liegen. An meinem, an jenem der Kinder. Oder es ist die zunehmende Dauer meiner Mutterschaft. Vielleicht schwingt auch noch ein Echo der Homeschooling-Zeit mit. Doch in letzter Zeit fühle ich mich an solchen Tagen, an denen ich von frühmorgens (ein kindlicher Albtraum) bis spätabends (Bruchrechnen mit Variablen) irgendwie «zuständig» bin, an denen ich keinen eigenen Gedanken zu Ende gedacht habe, als ob ich mir selbst mitsamt meinen Bedürfnissen allmählich irgendwie… abhanden komme.

Schliesslich möchte ich dereinst nicht schäumend in den Kindheitserinnerungen meiner Kinder vorkommen.

Warum, so wundere ich mich dann, fragt man sich nicht viel häufiger auch: Was ist eigentlich gut für mich? Diese Frage liegt doch oft viel zu tief vergraben unter dem Wäscheberg des letzten Jahrzehnts. Und wenn sie dann trotzdem mal aufploppt, fällt einem schlimmstenfalls nix mehr ein… Oder man denkt sich… hm… spontan ins Kino gehen wär nett? Aber ach… ich war den ganzen Tag arbeiten, da kann ich nicht noch abends weg. Einen Italienischkurs besuchen? Äh, no… wie organisiere ich da die Kinderbetreuung rundherum? Sich mal wieder langweilen, ein Buch lesen oder auch bloss früh schlafen? Gaht’s no… da liegt überall noch, eben, Wäsche. Ergo: keine Zeit!

Die Zeit ist knapp, aber…

Und dann begegnete ich kürzlich einer Nachbarin – sie muss um die achtzig sein –, die auf dem Weg zum Französisch war. Sie liebt Fremdsprachen und besucht seit Jahren Kurse, wie sie erzählte. Leider habe sie erst angefangen, als die Kinder gross waren. «Man denkt ja immer, man habe keine Zeit», sagte sie und ging mit einem Seufzer ihres Weges.

Man denkt, man habe keine Zeit. Der Satz hallt nach in meinem Kopf bis heute. Denke ich nur, ich hätte keine Zeit? Zeit ist doch tatsächlich durchwegs knapp in einem Haushalt mit Kindern. Und nicht immer ist jemand da, der schnell übernehmen kann. Schon gar nicht, wenn es um eigene Wünsche geht. Doch da haben wirs schon: Die imaginäre Schranke vor dem Bedürfnis schliesst sich nicht erst bei der Zeitfrage, sondern bereits bei der leisen Ahnung desselben. Als hätten eigene Anliegen im Lauf der Mutterschaftsjahre an Legitimität eingebüsst. So kann doch dafür niemand «behelligt» oder etwas anderes «vernachlässigt» werden, denkt man etwa... riecht doch zu sehr nach mütterlichem Egoismus und wenn etwas verpönt ist, dann der!

Zufriedene Eltern, zufriedene Kinder

Natürlich muss immer abgewogen werden, was geht und was nicht. Doch das eigene Wohl auch in die Waagschale zu werfen und mit jenem der Kinder eine Balance anzustreben, ist doch viel weniger egoistisch, als man denken könnte. «Alles, was Kinder brauchen, sind Eltern, die auch für sich selbst sorgen und Prioritäten in Bezug auf ihre eigenen Bedürfnisse setzen können», lautet ein oft zitierter Satz von Jesper Juul. So wohltuend wie treffend. Zufriedene Eltern, zufriedene Kinder – kennt man ja.

Und ich gebe zu, in Phasen, in denen mir die Balance auf meine Kosten missglückt, werde ich schon mal zum «Momster». Das ist nicht schön, schon eher sind es Verzweiflungstaten, um mich nicht gefühlt ganz aufzulösen. Doch möchte ich ja dereinst auch nicht schäumend in den Kindheitserinnerungen meiner Kinder vorkommen. So ziehe ich das mit dem Italienisch jetzt wohl besser durch. Aber erst geh ich noch ins Kino.

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