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Überraschungssieg im Berner DerbyKein Thuner Kniefall vor dem Meister

Freche Thuner düpieren die erstaunlich saftlosen Young Boys. Der 1:0-Sieg gegen den Kantonsrivalen gibt den Oberländern viel Luft im Abstiegskampf.

Thuns Ridge Munsy (links) jubelt nach seinem Tor zum 1:0 mit Teamkollege Chris Kablan kniend und mit erhobener Faust. Kenan Fatkic und Basil Stillhart gratulieren.
Thuns Ridge Munsy (links) jubelt nach seinem Tor zum 1:0 mit Teamkollege Chris Kablan kniend und mit erhobener Faust. Kenan Fatkic und Basil Stillhart gratulieren.
Peter Klaunzer/Keystone

Es ist wie am Freitag gegen den FC Zürich. Es läuft die Schlussphase und die Young Boys liegen in Rückstand. Und doch ist nichts wie am Freitag, weil es dem Spiel des Meisters an Dringlichkeit fehlt, an Wucht und Überraschungsmomenten. Auch wenn sich die Young Boys nun zumindest Chancen erspielen, nach Impulsen von Einwechselspielern – wie letzten Freitag.

Der eingewechselte Jean-Pierre Nsame verpasst nach Hereingabe des eingewechselten Meschack Elia. Eine Minute später wird Elia – knapp nicht elfmeterwürdig –von Thuns Innenverteidiger Nicola Sutter zurückgehalten, der YB-Stürmer kommt deshalb gegen den herauseilenden Goalie Guillaume Faivre den entscheidenden Schritt zu spät.

Diesmal drehen die Young Boys die Partie nicht, diesmal ist ihre Mängelliste noch einmal deutlich länger als gegen den FCZ. Diesmal kommt nicht früher und auch nicht später Hanspeter. Eine letzte Chance vergibt Jean-Pierre Nsame, als er nach neunzig Minuten knapp das Tor verfehlt.

Und so feiert der FC Thun nach der ernüchternden Niederlage am Samstag in Neuenburg einen eminent wichtigen Sieg im Abstiegskampf. Das erste Geisterspiel in der Stockhorn-Arena und wohl auch das letzte – weil seit Montag Tausend Personen zugelassen sind – endet mit einer grossen Überraschung.

Nsames privater Termin

Der Abend hatte schon mit einer Überraschung begonnen. YB-Trainer Gerardo Seoane entschied sich zur Rotation-light, er nahm drei Wechsel vor, wobei ihm zwei davon aufgezwungen wurden. Christian Fassnacht ist gesperrt, Saidy Janko fehlt mit einer Prellung verletzt. So weit, so normal.

Doch als Seoane gut eine Stunde vor Spielbeginn in die Kamera von «Teleclub» seine Aufstellung erläutert, fällt bei den Rausrotierten ein Name, der man in dieser Auflistung am wenigsten erwartet hätte. Es ist jener von Nsame, jüngst beim 3:2 gegen den FC Zürich Dreifachtorschütze und haushoher Favorit auf den Titel des Torschützenkönigs. Der 27-jährige verpasste am Montag wegen eines privaten Termins, der laut dem Club schon lange angesetzt und nicht zu verschieben gewesen sei, das Abschlusstraining. Und deshalb stehe er auch nicht in der Startaufstellung, sagt Seoane. Ein glücklicher Trainer, der sich diese Konsequenz leisten kann.

Und so bekommt erstmals nach der langen Unterbrechung Guillaume Hoarau die Gelegenheit, sich von Beginn an für einen neuen Vertrag zu bewerben. Der Einstieg missglückt ihm, schon nach zwei Minuten sieht der 36-jährige Franzose Gelb, weil er das Pech hat, dass ihm der gefühlt zwei Köpfe kleinere Basil Stillhart in den Ellbogen läuft. Dass er hingegen kaum ein Kopfballduell gegen den Thuner Innenverteidiger gewinnt, muss sich Hoarau sehr wohl vorwerfen lassen. Air France hebt nicht ab wie die Airlines während der Corona-Pandemie.

Es ist also vorerst nicht der Abend von Hoarau. Und auch nicht jener von den Young Boys: Die Thuner finden mit schnellem, direktem Spiel immer wieder Lücken in der YB-Abwehr. Nach einer Viertelstunde haben sich ihren Stürmern Hassane Bandé und Ridge Munsy drei Chancen geboten. Wobei die letzte von Munsy das Prädikat Hundertprozentige verdient, weil der schnelle Angreifer zwar YB-Goalie David von Ballmoos ausdribbeln konnte, es aber fertig brachte, den Ball nicht im leeren Tor unterzubringen.

YB-Innenverteidiger Jordan Lefort, dessen Ende Juni auslaufender Leihvertrag noch nicht verlängert ist, sah bei allen drei Gelegenheiten nicht gut aus. Doch die Young Boys halten sich schadlos. Und immerhin: Sie können sich ein wenig steigern, wobei ihr Spiel von Fehlern durchzogen bleibt. Die beste Chance in der ersten Halbzeit bietet sich Hoarau nach knapp einer halben Stunde, als er für einmal ein Kopfballduell gewinnen kann, das Tor aus kurzer Distanz aber verfehlt.

Es spricht für die Ratlosigkeit der Young Boys, kommt Michel Aebischer im Pauseninterview bei der Suche nach Gründen für die mangelhafte Darbietung auf den «schwierigen Platz» zu sprechen. Zur Einordnung: Der FC Thun trägt seine Heimspiele auf Kunstrasen aus. Wie die Young Boys.

Stillhart als Sinnbild

Viel eher hat die mangelhafte Leistung des Favoriten mit der Darbietung der Berner Oberländer zu tun. Diese haben den herben Dämpfer vom Samstag, als sie bei Xamax erstaunlich passiv auftraten, weggesteckt. Diesmal ist alles anders, diesmal ist Feuer drin im Thuner Spiel, auch wenn das Heimteam nach der Pause den Gegner nicht mehr derart stark unter Druck setzen kann.

Als Seoane nach 57 Minuten seinen ersten Doppelwechsel vollzieht, Nsame und Sulejmani für Hoarau und Spielmann bringt, scheint der FC Thun für seine Nachlässigkeit beim Verwerten von Chancen büssen zu müssen. YB übernimmt allmählich die Kontrolle. Doch just in diesem Moment lanciert Bandé seinen Sturmpartner Munsy mit einem langen Ball, YB-Captain Fabian Lustenberger verschätzt sich fürchterlich. Munsy profitiert und trifft zum 1:0. Im fünften Spiel in Folge ist er erfolgreich. Es passt zu seiner Spielweise, wird seine versuchte Direktabnahme zur perfekten Selbstvorlage. Seinen Auftritt vollendet Munsy, indem er zum Jubeln auf die Knie geht, in Gedenken an George Floyd und die Black-Lives-Matter-Bewegung.

Es ist eine schöne Geste an einem grossen Thuner Abend. Zum Sinnbild für den frechen Auftritt wird Stillhart, der sich trotz körperlichen Nachteilen nie kleinkriegen lässt. Und dann nach Spielschluss sagt: «Wir wussten, dass YB nicht mehr die Übermacht der Liga ist.»

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