Knochenjob auf Kuschelteppich

11. August: Bellevue

Während der Gast das Frühstück auf der Terrasse geniesst, leistet das Housekeeping-Team Schwerarbeit. Da bleibt keine Zeit zum Plaudern oder um die Suiten zu bewundern.

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Betten frisch beziehen. Das sollte möglich sein. Schliesslich macht man das zu Hause auch ab und an. Ein beherzter Griff zum Kopfkissen, das ziemlich durchgeschwitzt aussieht. Überhaupt ist der muffige Morgengeruch im Zimmer gewöhnungsbedürftig. Aber es bleibt keine Zeit, um zimperlich zu sein. Denn die Kollegin hat das zweite Bett bereits komplett abgezogen und wirft mit Schwung ein sauberes Leintuch über die Matratze. «Wir müssen noch 27 Zimmer putzen», ruft Juliana Rodrigues-Ferreira sanft in Erinnerung. Tempo, Tempo.Mithalten unmöglichDer erste Versuch, Juliana Rodrigues und ihrer Kollegin Anabela Gomes-Dias-Pinheiro eine Hilfe zu sein, scheitert kläglich. Wer sonst nur für den Hausgebrauch putzt, kann nicht mithalten, wenn die beiden Portugiesinnen durchs Hotelzimmer wirbeln. Entweder ist man zu langsam, viel zu langsam, oder man beeilt sich und besteht die strenge Qualitätskontrolle nicht. Dem Blick von Gouvernante Claire Kneubühler entgeht bei der abschliessenden Zimmerkontrolle nichts. Bewaffnet mit einem Staubtuch inspiziert sie jeden Zentimeter. Unter dem Bett: ein Fusel! Im Abfluss: ein Haar! Wenn Claire Kneubühler bei der Rezeption ein Zimmer als fertig meldet, ist es makellos.«Der rote Lappen ist für die Toilette. Nur für die Toilette!», erklärt Juliana Rodrigues. Mit Gelb putzt man das restliche Bad. Mit Blau wird abgestaubt. Nach jedem Zimmer landen alle Putzlappen im Korb mit der Schmutzwäsche. Rückwärts staubsaugenJuliana und Anabela (man nennt sich beim Vornamen, siezt sich aber) demonstrieren dem Schnupper-Zimmermädchen, wie mans richtig macht: Immer abwechslungsweise putzt die eine das Bad, die andere bezieht das Bett. Wer zuerst fertig ist, wischt Staub – ja, auch auf den Bilderrahmen! –, ordnet die Dekorationsgegenstände, holt frische Frotteewäsche, organisiert neuen Blumenschmuck, meldet defekte Lampen, räumt Geschirr ab, stellt Papierkörbe auf den Schreibtischstuhl, damit der Portier saugen kann. Durch 67 Zimmer staubsaugt sich Tiago Ferreira da Cunha an diesem Morgen, verlässt jeden Raum rückwärts, damit auf den flauschigen Teppichen keine Trittspuren zurückbleiben. Ja, manchmal finden die Zimmermädchen ein Chaos vor. Manchmal ekeln sie sich. Manchmal müssen sie zuerst die Fenster aufreissen, bevor sie mit der Arbeit beginnen. «Man gewöhnt sich daran», sagen beide. Und man redet nicht darüber.Zweiter Versuch. Die Bettdecke ist flugs abgezogen. Zu schnell. «Moment! Die müssen Sie gar nicht wechseln», sagt Juliana. Der Gast bleibt noch eine weitere Nacht und hat mit einer Karte auf dem Bett signalisiert, dass er keine frische Bettwäsche wünscht.Keine Zeit zum PlaudernBei der Arbeit sprechen Juliana und Anabela kaum miteinander. Man hört nur ihr Schnaufen. Nach einer Stunde unterbrechen sie kurz, um ein Glas Wasser zu trinken. «Mein Team arbeitet unter enormem Zeitdruck», erklärt die oberste Chefin des Housekeeping, Nathalie Secchiari. Im Stechschritt eilt sie durch die Gänge, das portable Telefon klingelt alle paar Minuten. «Secchiari! Guten Tag. Ein Zusatzbett? Können wir machen. Secchiari! Frische Blumen für 116. Wird erledigt. Secchiari! Der Gast ist schon da? Gut. Ich sage der Gouvernante, dass sie das Zimmer zuerst abnehmen soll.» Die Gespräche führt sie berndeutsch, italienisch, französisch, englisch, spanisch. Eine Haarspülung besorgen? Kein Problem. Einen Hund hüten? Wird organisiert. Secchiari wirkt wie ein Börsenmakler. Statt mit Zahlen jongliert sie mit Zimmernummern und Putzplänen.Dritter Versuch. Abstauben. Den Lappen leicht ins Wasser tauchen, gut auswringen, loslegen. Die Bilderrahmen nicht vergessen. Auf dem Beistelltisch bleibt ein Geschmier zurück. Das Tuch war zu feucht. Juliana kann sich ein Lachen nicht verkneifen. «Nach einer Woche könnten Sie das auch. Das ist reine Routine.»Bei der halbstündigen Mittagspause in der Kantine wird Bilanz gezogen: Ein perfekt bezogenes Kopfkissen, ein (fast) korrekt abgestaubtes Zimmer. Und die Erkenntnis, dass Putzen nicht nur ein Knochenjob ist, sondern eine wahre Kunst sein kann.

Berner Zeitung

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