Einigeln und abschrecken

Berns neue Verwaltungs-Bunker setzen bedenklich Akzente.

Schönwetterbild der neuen Verwaltungsgebäude am Berner Guisanplatz.

Schönwetterbild der neuen Verwaltungsgebäude am Berner Guisanplatz.

(Bild: Christian Pfander)

Tina Uhlmann

Sie haben fast alles richtig gemacht, die Architekten der neuen Verwaltungsgebäude am Berner Guisanplatz. Ihr Projekt «JOIN-Y» hat sich im Wettbewerb gegen siebzehn Konkurrenten durchgesetzt und wurde mit «Platin», der höchsten Auszeichnung des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz, gekrönt. Nach sechs Jahren Bauzeit ziehen nun die Bundesanwaltschaft, das Bundesamt für Polizei, das Bundesamt für Rüstung sowie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz in die neuen Büros.

Die Nutzung des ehemaligen Militärstandorts folgt also der Tradition. Dies tut auch die Architektur: Von aussen betrachtet wirken die Natursteinklötze, deren schmale Fenster keine Einblicke erlauben, wie Bunker mit Schiessscharten. Sind diese «Gebäude der Zukunft» genannten Neubauten verkappte Reduits?

Das Reduit, ein System militärischer Anlagen in den Alpen, war Teil der Schweizer Verteidigungsstrategie während des Zweiten Weltkriegs und ist in der Folge zur sprichwörtlichen Bezeichnung einer sich einigelnden Haltung schlechthin geworden. Wird eine solche Haltung in der aktuellen Architektur wieder sichtbar? Ist sie zeitgemäss? Und hat sie tatsächlich Zukunft? Am Guisanplatz, benannt nach dem General der Reduit-Zeit, vielleicht schon. Aber nicht nur dort sind in den letzten Jahren Bunker mit Schiessscharten hoch­gezogen worden.

Im benachbarten Wankdorf strahlen die neuen Hauptsitze der Post und der SBB mit ihren kolossalen Ausmassen und der unerbittlichen Vertikalstruktur ihrer Fassaden Macht aus. Auf der anderen Seite der Gleise ragt das Gebäude des Bildungszentrums Feusi auf; zwischen den Schiessscharten öffnen sich dort auch etwas grössere Fenster, doch insgesamt ist die Gebäudehülle so streng strukturiert, dass man sich die Bildung eines freien Geistes dahinter kaum vorstellen kann. «Rhythmisiert» werden solche Fassaden im Architektenslang genannt.

Ebenso romantisierend schreibt das Bundesamt für Bauten und Logistik über das neue Verwaltungsgebäude im Liebefeld: «Der lang gestreckte Neubau schliesst wie ein Bühnenvorhang den Liebefeld-Park im Norden ab.» Und für alle Aussenstehenden, quasi das Publikum vor der Bühne, wird erklärt: «Der von aussen eng wirkende Fassadenraster wird im Innern mit den geschoss­hohen Öffnungen zum grosszügigen Filter.» Gut möglich, dass die 720 Werktätigen dort angenehme Arbeitsplätze haben. In den Büros der Nachrichtenagentur Keystone-SDA hingegen, die zwischen Post und SBB in der Wandkdorf-City eingemietet ist, wird vor allem eins spürbar: die Verdichtung des Raums.

Architektur macht etwas mit den Menschen, mit denen drinnen und denen draussen. Städtebaulich setzen die neuen Verwaltungsgebäude – naturgemäss viele in der Bundesstadt konzentriert – bedenk­liche Akzente. Zwar fand die Jury, die das Projekt «JOIN-Y» am Guisanplatz zum Sieger kürte, es überzeuge auch «durch eine sorgfältige Setzung der Volumen und eine daraus entstehende Offenheit des Areals zum angrenzenden Wohnquartier.» Doch wer in diesem Quartier wohnt, nimmt im Vorbeigehen vielmehr den abweisenden Chrakter der massigen, stur strukturierten Neubauten wahr. Wer soll hier abgeschreckt werden?

Abschreckung: Auch das er­innert an einen Krieg. Er hiess der Kalte und hallt bis heute nach.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt