Frühlingserwachen im Gertsch-Museum

Mit dem Erweiterungsbau des Museums Franz Gertsch wurde auch eine Jahreszeiten-Uhr eingeweiht. Sie ist eine inhaltlich passende Ergänzung zum Werk des Schweizer Malers.

Wie die Zeit vergeht: Die Zacken der Jahreszeiten-Uhr beim Gertsch-Museum. Foto: Nicole Philipp

Wie die Zeit vergeht: Die Zacken der Jahreszeiten-Uhr beim Gertsch-Museum. Foto: Nicole Philipp

Res Strehle@resstrehle

Fünf Räume gab es bisher im Museum Franz Gertsch in Burgdorf, drei neue und eine Jahreszeiten-Uhr sind vor zwei Wochen dazugekommen. Gertschs grossformatiger Gemälde-Zyklus «Die vier Jahreszeiten» lässt sich jetzt in einem einzigen Raum zeigen. Die Bilder und Holzschnitte in den anderen sieben Räumen schlagen den Bogen über ein grosses künstlerisches Lebenswerk: Die bekannten Frauenporträts sind hier zu sehen («Johanna I», «Silvia I»), die «Gräser», der «Waldweg (Campiglia Marit­tima)» und immer wieder die «Grosse Pestwurz» aus unterschiedlicher Nähe.

Gertschs Blick hat sich an seinem Wohnort in Rüschegg auf das Nahe, Unbeachtete zurückgezogen und macht mit seinem Hyperrealismus selbst das Unkraut spektakulär. Die Natur wirkt hier im Auge des Betrachters selbst ohne 3-D-Brille dreidimensional. Und so stehen fast täglich auch Schulklassen fasziniert vor diesen Bildern und betrachten diese Details des Unspektakulären: eine Schule der feinen Wahrnehmung.

Leise Kunst

In allen acht Räumen werden die stillen Werke Gertschs gezeigt, auch ein jugendliches Selbstporträt im Stile Albrecht Dürers ist dabei und ein Veilchenkörbchen aus der Frühzeit. Man vermisst dabei nichts, ausser vielleicht die andere, lautere Seite von Gertschs Werk aus den wilden Zeiten: Sein damals aufrüttelndes Vietnambild, seine Sicht auf die laszive Luzerner 68er-Szene («Medici»), die Serie über die Rocksängerin Patti Smith.

Diese spektakuläre Antithese in Gertschs Werk soll in Burgdorf im kommenden März zum neunzigsten Geburtstag des Künstlers gezeigt werden – sofern man diese Bilder aus anderen Museen und privaten Sammlungen bis dann bekommt und sich die Versicherungsprämie dafür noch bezahlen lässt.

Für den Moment wirkt Gertschs ruhigeres Werk spektakulär genug im Betonbau der Langnauer Architekten Hans­ueli Jörg und Martin Sturm aus dem Jahr 2002. Er wurde auf die Neueröffnung hin sanft renoviert, und Martin Sturm hat ihn zusammen mit einem jungen Kollegen unterirdisch um drei Räume erweitert. Der Bau soll, wie ein Nachbar beobachtet hat, rasch vorangekommen sein, bis auf die saurierartigen Zacken an der Fassade. Sie sollten als Jahreszeiten-Uhr so gebaut werden, dass unterschiedlich steile Zacken die darunter liegenden Flächen als Anzeigefelder für den Beginn einer neuen Jahreszeit sichtbar machen.

Fast täglich stehen auch Schulklassen fasziniert vor diesen Bildern: eine Schule der feinen Wahrnehmung.

Am vergangenen Donnerstag, dem 21. März, begann der Frühling. Architekt Martin Sturm und ein beigezogener Berner Astronom waren für die nötige Präzision besorgt und warteten selber gespannt, ob die Frühjahrsfläche Punkt zwölf Uhr von der Sonne aus Richtung Süden voll beschienen war.

Es war dann erst ein paar Minuten später so weit, aber die Besucherschar staunte auch so ob der Präzision, mit der Architekt, Astronom und der Schalungsbauer die Höhe und Steilheit der Zacken berechnet hatten und betonieren liessen. Ein Vorbild punkto Genauigkeit und Akribie für jedes leidenschaftlich betriebene Handwerk.

Zeichen von Vergänglichkeit

Diese stillen, unspektakulären Zacken, die unbeteiligte Passanten für eine Marotte des Architekten halten werden, passen perfekt zum Lebenswerk des Franz Gertsch, weil sie dasselbe Thema haben: das akribisch beobachtete Vergehen von Zeit und Jahreszeit. Sie erklären denn auch mit, warum Gertsch zwischen 2007 und 2011 vier Jahre lang in aller Seelenruhe auf der Heubühne seines Bauernhauses in Rüschegg den Waldeingang in Riesenbildern komplettierte, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, täglich zwanzig mal zwanzig. Und warum der Künstler sagte, das sei auch eine Art Selbstbildnis.

In der neu präsentierten Vierergruppe sind die Zeichen von Alter und Vergänglichkeit allgegenwärtig. Nicht nur, weil man vom Bild «Frühling» daran erinnert wird, dass der Bundesrat zum Neujahr 2012 davor in ganz anderer Zusammensetzung als heute posierte (auf Wunsch der damaligen Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf). Sondern auch, weil die Zweige in diesem Bild so adernartig an die Hände eines alternden Menschen erinnern.

Es sind dieselben Zweige, die sich auf dem Winterbild nebenan unter der Last des Schnees beugen. Man kann diesen Zeitenlauf als Mahnmal der Endlichkeit überdeuten, aber auch ganz bescheiden wie der Architekt darauf warten, ob auch die Flächen Sommer, Herbst und Winter am Neubau mit derselben Präzision wie der Frühling voll beschienen werden.

Museum Franz Gertsch, Burgdorf, bis 18.8.

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