Ein Licht, um das die Motten kreisen

Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint im zweiten ­Roman «Di schöni Fanny» von Pedro Lenz. Gewohnt vollmundig ­erzählt der Berner Autor eine bekannte Geschichte neu.

Ein sicherer Wert: Pedro Lenz ist der Popstar unter den Poeten des Heimatlandes.

Ein sicherer Wert: Pedro Lenz ist der Popstar unter den Poeten des Heimatlandes.

(Bild: Keystone)

Tina Uhlmann

Fanny wäre der grosse Preis. Doch Fanny liebt die Freiheit, und keiner kann sie haben. Auch Jackpot nicht, seinem linkischen Charme zum Trotz. Zufällig trifft er auf das ewige Weib, während er vor der Tür seines Freundes Louis wartet, bis dieser ihn endlich einlässt. «. . . da chunnt die Frou zur Türen uus. Es isch grad gsi, wi wenn nöimen öpper es Liecht hät aazündet. I ha grad e Schritt zrügg müesse, dass si mi nid z fescht bländet.»

So jung, schön und ganz bei sich ist Fanny. Dass sie Louis, dem ­Maler, Modell gesessen hat – ohne Kleider notabene – macht Jackpot ziemlich eifersüchtig. Doch er lässt sich nichts an­merken, forscht so diskret wie möglich nach der Identität der Dame und erzählt dir und mir ganz im Vertrauen, was er dabei so erlebt.

Flamenco made in Olten

Auch Pedro Lenz ist ein Licht, um das die Motten kreisen. Lange bevor sein neuer Roman «Di schöni Fanny» erscheint, ist die «Fanny-Tour» mit sechzig Terminen von Oktober 2016 bis April 2017 von Aarau bis Zürich zum Teil schon ausverkauft. Lenz, der ­lange Schlaks mit den Augenringen, der Popstar unter den Poeten des Heimatlands, ist ein sicherer Wert. Warum eigentlich?

Erstens schreibt Lenz wie er spricht. Das gibt uns beim Lesen das Gefühl, eine Geschichte von ihm höchstpersönlich erzählt zu bekommen. Wir hören ihn förmlich, klar, wir haben ihn schon so oft gehört. Dieser vollmundige Dialekt, bernisch, langenthalisch, diese dunkle, spanische Stimme, klagend wie die eines Flamencosängers. Cante jondo made in Olten. Tschuldigung: «Oute».

Pedro Lenz gibt uns beim Lesen das Gefühl, eine Geschichte von ihm höchstpersönlich erzählt zu bekommen.

Im Städtchen am Jurasüdfuss ist Pedro Lenz seit ein paar ­Jahren heimisch. Wo die meisten von uns immer nur im Zug ­durchfahren, führt sein Schriftstellerfreund Alex Capus in Bahnhofsnähe die Bar Galicia. Dass dort Typen wie Jackpot ­verkehren, ist gut vorstellbar. Louis und sein Malerkollege Grunz haben gar zwei reale ­Vorbilder, die in besagter Bar ein und aus gehen.

Und dies ist Lenz’ zweiter Trumpf: Er scheint ­immer ein bisschen über das wirkliche Leben, sein Leben ­vielleicht, zu schreiben. Nichts ist dem Publikum lieber. In Zeiten virtueller Parallelrealitäten hat das «Echte», das «Wahre» Hochkonjunktur – und sei es nur ­vorgegaukelt. «Niemer verzöut usem nüt use.» Das weiss auch Louis, Jackpots väterlicher Freund.

Mamma mia!

Die Oltner Bar in Bahnhofsnähe, die Jackpot eine Art Heimat ist, heisst auch im Buch Galicia. Doch Jackpot selbst heisst eigentlich Frank, nennt sich Schriftsteller und hält sich mit Pferdewetten über Wasser. So mancher in ­dieser Geschichte will etwas ­Besseres sein, als er ist. Louis und Grunz etwa treten als «Kunst­maler» auf, sind aber nichts ­anderes als hängen­gebliebene 68er mit Freude an den ­Farben des Lebens. Trotzdem – oder ­gerade deswegen – sind ihre populärphilosophischen Gespräche über das Wesen der Kunst die gelungensten ­Passagen im Buch.

Und dann ist da noch Koni. Er hat seine Haare seit dem «Summer of Love» nicht geschnitten und macht das Trio der ewigen Hippies komplett. Dass die drei alten Knacker viel mehr über Fanny wissen als er, Jackpot, ­Fannys Märchenprinz in spe, ist ärgerlich. Koni kennt sie von Kindsbeinen an, Grunz geht mit ihr auf Bildungsreise nach ­Belgien, und Louis weiss, wo sie sich nach einer einzigen Nacht mit Jackpot versteckt.

Fanny bleibt eine Projektionsfläche für drei alte, inzestuös agierende Männer und einen jungen Antihelden.

Bald ­ahnen wir beim Lesen, was Jackpot in seiner blinden Liebe nicht sieht: Die drei Alten kümmern sich wie die Helden im 80er-Kultfilm «Drei Männer und ein Baby» um die Kleine. Oder wie in jüngerer Zeit das Trio um Pierce Brosnan im Abba-Musical «Mamma mia» um die herangewachsene Amanda Seyfried.

Meryl Streep mimte in dem Blockbuster die Mutter mit wilder Vergangenheit. Bei Pedro Lenz heisst diese Mutter Fanny, und sie war früher so freiheitsliebend, so liebessüchtig wie ihre gleichnamige Tochter. Alles klar?

Fade Fanny

Zu viel soll hier nicht verraten werden. Klassische Geschichten können in neuem Kontext immer wieder spannend sein, und Pedro Lenz kann, wie wir wissen, atmosphärisch dicht erzählen. Schade ist, dass bei seiner Version die titelgebende Fanny eine wenig ausgefeilte Figur ist.

Sie bleibt eine Projektionsfläche für drei alte, inzestuös agierende Männer und einen jungen Antihelden. Dieser Jackpot, liebevoll ausgestaltet, erinnert an die Hauptfigur in Lenz’ verfilmtem Roman «Der Goalie bin ig» von 2010. Allerdings ist Jackpot weniger filmreif, eben auch aufgrund seiner skizzenhaften und etwas klischierten Entourage. Einen Vorteil hat das: Wir können unser eigenes Kopfkino anwerfen und uns das Ganze ausmalen, wie wir wollen. Olten, alles aussteigen. Endstation Sehnsucht.

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