«Ich finde diese Swissness unerträglich»

Samstagsinterview

Pedro Lenz über sein neues Buch, die Angst vor einem Burn-out und die verlorene Würde der Büezer.

«Weil wir in engen Verhältnissen leben, haben wir immer das Gefühl, wir müssten weg»: Pedro Lenz, Schriftsteller.

«Weil wir in engen Verhältnissen leben, haben wir immer das Gefühl, wir müssten weg»: Pedro Lenz, Schriftsteller.

(Bild: Adrian Moser)

Christoph Lenz@lenzchristoph

Muss man sich Sorgen um die Schweizer Unternehmer machen? Um die Unternehmer? Da mache ich mir keine Sorgen.

Erstaunlich ist es aber schon: Sie haben sich auf gefährdete Randfiguren spezialisiert. Ihr neuster Held in «I bi meh aus eine» ist nun ein Unternehmer, der es in Argentinien zu grossem Reichtum bringt. Im Grunde genommen ist auch er eine Randfigur, auch als erfolgreicher Hochstapler. Ich habe das Dorf, das er gegründet hat, ja besucht. Es hat mich deprimiert. Er gilt dort als Held. Aber alle Dorfbewohner sind sich bewusst, dass er ein Halunke, ein Gangster war.

Er hat die Mündelkasse seines Emmentaler Wohnorts geplündert. Das war der Grund für seine Flucht nach Südamerika. In der Schweiz wäre er für den Diebstahl belangt worden. Unterwegs hat er dann die Identität gewechselt. Er hat der Witwe eines Arztes dessen Papiere abgekauft. Aber im Dorf gibt es auch Gerüchte, er habe den Arzt selbst umgebracht, um an die Papiere zu gelangen.

Was hat Sie an diesem Hochstapler fasziniert? Als Künstler ist man selber nie ganz gefeit vor dem Gedanken, dass alles nur ein grosser Wirbel sein könnte. Ein bekannter Schriftsteller sagte einmal, er habe manchmal die Vorstellung, dass an einer seiner Lesungen ein Lehrer aufstehe und sage: «Gib es zu, es ist alles nichts, was du schreibst!» Diese Angst kenne ich auch ein wenig.

Sie fürchten sich davor, enttarnt zu werden? Es ist vielleicht eher die Furcht davor, nicht richtig verstanden zu werden, nicht enttarnt im Sinn eines Hochstaplers, denn Hochstapelei betreibe ich ja keine. Ich betreibe meine Arbeit ernsthaft und bleibe normalerweise bei den Stoffen, die ich sehr gut kenne.

Zum Beispiel Fernweh und Ausbruch. Das sind sehr schweizerische Themen. Weil wir in engen Verhältnissen leben, haben wir immer das Gefühl, wir müssten weg. Ich habe sehr früh gemerkt, dass ich kein Pioniertyp bin. Bei mir paart sich das Fernweh sehr schnell mit Heimweh. Ich ginge nur in die Ferne, wenn ich dazu gezwungen wäre, so wie die, die aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verlassen müssen. Wir sind in der privilegierten Lage, dass wir verreisen und wieder heimkehren können.

Schaut man sich ihre Agenda und Ihren Output an, bleibt fürs Reisen ohnehin keine Zeit. Wie können Sie dieses Pensum durchhalten? Ich bin ziemlich diszipliniert. Am Morgen arbeite ich hier in Bern, am Nachmittag gehts dann auf die Reise für die Lesungen.

In der Regel haben Sie vier bis fünf Auftritte pro Woche. Daneben schreiben Sie Literatur und Kolumnen. Wie schafft man das? Ich arbeite viel, aber ich empfinde es nicht so. Klar, mit einer Familie ginge es nicht.

Und wie erleben Sie es, stets auf einer Bühne zu stehen? Das ist wohl das Schwierigste. Mein Vorteil ist, dass ich sehr gerne Menschen habe. Und im Unterschied zu Rockmusikern gehe ich nach der Lesung meistens direkt heim.

Wo holen Sie sich bei diesem Pensum die Inspiration? Das ist interessant, ich habe den Eindruck, dass ich inspirierter bin, wenn ich ausgelastet bin. Wenn ich im Rahmen eines Stipendiums längere Zeit an einem Ort lebe und nur schreibe, habe ich mehr Mühe. Andere Schriftsteller haben einen Brotjob als Lehrer. Mein Brotjob ist das Auftreten.

Welches Bild der Schweiz gewinnt man, wenn man sie so intensiv bereist? Ich kenne die ganze Deutschschweiz, auch Ortschaften, die man nie besuchen würde. Oberglatt zum Beispiel. Ich habe das Gefühl, dass es eine Kluft gibt zwischen den Zentren und der Agglomeration. Die aus den Vororten wissen genau Bescheid über sich und über Zürich. Die lesen ja ihr Lokalblatt und auch noch den Tagi. Aber die von Zürich wissen nicht Bescheid über die aus dem Vorort, weil sie eben nie eine Zeitung aus dem Zürcher Hinterland lesen.

Gibt es Unterschiede beim Publikum? Das ländliche Publikum ist dankbarer.

Wie verhindern Sie, dass Ihre Mundarttexte die Heimattümelei befeuern? Es passiert öfters, dass mir jemand auf die Schultern klopft und sagt, da ist endlich einer, der unsere Werte verteidigt. Dann frage ich nach, was das heissen soll. Meist wird dann unsere wunderschöne Sprache gerühmt. Ich versuche dann, das Missverständnis aufzulösen.

Wie? Ich bin ja ein halber Ausländer und will keinen Heimatschutz betreiben. Dass ich in Mundart schreibe, ist ein stilistischer Entscheid, kein politischer. Dort, wo die Leute anfangen, sich in der Sprache zu suhlen, wird es gefährlich. Dem versuche ich Inhalte entgegenzuhalten, mit Unreinheiten. Man muss die Sprache nicht pflegen, weil sie nämlich nicht krank ist.

Ist die Mundart ein Zufluchtsort für Überfremdungsängste? Die Mundart ist vor allem und zuerst unsere Sprache. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist ein seltsames Phänomen. Viele Schweizer haben das Gefühl, sie seien in einer Minderheit. Nur noch Fremde hier, als Einheimischer ist man niemand mehr – das ist das Gefühl von ohnmächtigen Leuten, die in der Bude nicht mehr viel zu sagen haben. Sie haben einen italienischen Chef, und dann wird erst noch der Jugoslawe Vorarbeiter und nicht sie. Aber wenn man die Fakten anschaut, sieht es anders aus.

Auch Ihre Mundartliteratur verdankt ihren Erfolg teilweise diesem Trend zur Rückbesinnung auf sogenannte nationale Eigenheiten. Oder nicht? Ich finde diese Swissness unerträglich. Überall Schweizer Kreuze und Sennenhemden. Aber es ist klar, dass das einen positiven Einfluss auf meine Buchverkäufe hat. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand seine Heimat gerne hat, aber es darf nicht ausschliessend oder abwertend sein. Mich stört, wenn man sagt, wir Berner hätten die schönste Sprache der Welt. Das ist eine Idiotie. Zu glauben, man sei besser als alle anderen, das ist für mich eine Art von dumpfem Rassismus.

Diese Gefühle werden teilweise von Politikern gezielt bewirtschaftet. Es scheint, als sei dagegen kein Kraut gewachsen. Nun, man sollte den Unterprivilegierten die Würde auf eine andere Art zurückgeben, als es derzeit geschieht. Wir sollten sie ihnen im Alltag geben. Damit es nicht einem Multimilliardär überlassen ist, ihnen zu versprechen: «Ich gebe euch Würde.» Ich glaube, man kann vielen Büezern auch erklären, dass sie zwar ein wenig das Nachsehen haben in diesem Wettrennen. Dass sie aber andere Qualitäten haben, die zählen, die wichtig sind.

Konkret? Man kann es politisch ausdrücken. Darum bin ich für die 1:12-Initiative. Das ist eine Möglichkeit, den Arbeitern und Angestellten Würde zurückzugeben. Im Ernst: Wie muss sich denn einer vorkommen, der hundertmal weniger verdient als der Oberste in seiner Firma und der diesen dann auch noch bewundert und wählt. Das ist ein Paradox, das schwer aufzulösen ist.

Andererseits haben Sie den Linken kürzlich vorgeworfen, dass sie – im Unterschied zur SVP – zu wenig zu den einfachen Leuten gehen. Das war ein heikler Vorwurf, Levrat hat da sofort widersprochen, er ist ja einer, der viel in den Dörfern draussen ist. Aber es gibt schon linke Exponenten, die nur urban und cool sein wollen, und die gehen mir auf den Geist. Zuhören, die Hand geben – das haben die Brunner-Toneli-Figuren eben gelernt. Und diese kleinen Details gehören zum Menschsein. Einige Linke haben das vergessen.

Was schlagen Sie vor? Die müssten endlich mehr aus dem Büro herauskommen und rausgehen zu den Leuten. Es gibt manche Figuren, die können das. Der Couchepin ist zum Beispiel so einer.

Inwiefern? Der kommt also zu uns in die Beiz, ins Flügelrad in Olten, und schüttelt allen die Hand. Der weiss ein Jahr später noch haargenau, was er mit wem besprochen hat. Ich will damit nicht sagen, dass ich auf seiner Linie bin. Aber er hat den Dreh raus. Er fragt, wie viel die Serviertochter verdient, wie viel Umsatz der Wirt macht. Er fragt auch mich, was brauchst du noch vom Staat, was hältst du von Pro Helvetia. Ob er dann die richtigen Schlüsse zieht, das ist dann die Frage. Aber er ist wach.

Inwiefern schöpfen Sie bei Ihren Kleine-Leute-Geschichten aus Ihren Erinnerungen als Maurer auf dem Bau? Ich habe viele Erinnerungen. Aber das verstehen die Leute manchmal falsch. Ich war sieben Jahre lang Maurer. Dabei habe ich aber nicht nach Geschichten gesucht, das war einfach mein Leben.

Können Sie das ausführen? Es ist nicht das Gleiche, wie wenn ein Wallraff sagt, jetzt tauche ich für zwei Monate bei McDonald’s ein. Wallraff wusste immer, dass er wieder in seine Welt zurückkehren konnte. Für mich gab es keine andere Welt. Ich habe auch nicht bei jedem Pausengespräch gedacht, dass das ein guter literarischer Stoff wäre. Ich habe mit den anderen Arbeitern diesen Alltag durchlitten. Das macht es eher schwieriger, darüber zu schreiben. Da kommen Gefühle hoch von Frustration, von Unverstandensein.

Sie sind heute als Autor sehr gefragt. Wie gehen Sie mit der Vorstellung um, dass diese Erfolgswelle auch wieder abebben könnte? Ich kann mich glücklich schätzen. Manche Sachen sind gut und gross herausgekommen, manche Sachen weniger, aber sie werden nicht kaputt gemacht. Die Angst, es könnte mal vorbei sein, die trage ich vor mir her. Beruhigend ist, dass ich mir in den letzten 12 Jahren eine kleine finanzielle Sicherheit schaffen konnte. Ich gebe nicht viel Geld aus, könnte also eine Durststrecke durchstehen. Doch letztlich hat ja fast jeder Angst. Der Journalist, dass seine Zeitung hopsgeht, der Mechaniker, dass seine Bude dichtmacht.

Und die Angst vor dem schwarzen Loch, dass Ihnen plötzlich keine Geschichten mehr einfallen, kennen Sie die auch? Da fürchte ich mich eigentlich mehr vor Depressionen oder einem Burn-out. Allerdings vermute ich, dass dies eine Frage der Früherkennung ist. Ich glaube, ich bin einer, der seinem Umfeld wohl schon sehr früh signalisieren würde, dass es gerade nicht gut geht. Ich bin nicht der Typ, der ohne Gefühl geradeaus in eine Wand läuft. Nicht so wie die vielen Manager, die sagen: «Und dann bin ich am Morgen aufgestanden und ich realisierte, dass ich kaputt bin.» Ich habe grossen Respekt vor schwarzen Löchern. Wenn ich merke, es zieht mich nach unten, versuche ich rasch, Hilfe zu holen.

Die Ideen scheinen Ihnen also nicht auszugehen. Die Angst davor, nicht mehr kreativ sein zu können, die kenne ich natürlich schon. Da geht es mir nicht anders als anderen Berufsleuten. So wie der Maurer Angst hat, plötzlich keine Kraft mehr zu haben. Bei uns ist es die Kraft der Imagination und vor allem die Möglichkeit, sie umzusetzen, die abhandenkommen kann. Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass es Schriftstellern an Ideen mangeln könnte. Ich habe Milliarden Ideen. Das Problem ist, sie umzusetzen.

Wie steht es um den hochdeutschen Roman, der vor Jahren angekündigt wurde? Der hat mit meiner Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zu tun. Ich habe dort erlebt, wie es ist, wenn man sich öffentlich der Kritik aussetzt. Ich kannte zwar die Spielregeln, war aber doch ziemlich naiv, bin einfach hingefahren und habe gelesen. Die einen Autoren macht die Jury eine halbe Stunde lang kaputt, mich haben sie nur 10 Minuten drangenommen, weil sie zum Mittagessen wollten. Das hat mir die Lust an diesem Text genommen. Zwar habe ich es später noch lange mit dem Roman probiert, aber im Moment liegt er auf Eis.

Dafür macht Ihre Geschichte «Der Goalie bin ig» jetzt Karriere. Erst auf der Bühne des Stadttheaters, bald schon wird er im Kino aufgeführt. Können Sie den «Goalie» loslassen? Das musste ich lernen, und es war nicht einfach. Beim Theater – da hatte ich schon die Erfahrung mit dem Film – sagte ich: Macht, was ihr wollt, ich habe keine Zeit. Die haben dann was Wunderbares gemacht. Beim Film war es anders. Da hatte ich die naive Idee, ich müsste dort, am Set, sein und den «Goalie» in den Fingern behalten. Das war ein schwieriger Prozess. Es gab da diese Phase, in der ich das Gefühl hatte, er entgleite mir. Und ich müsste um ihn kämpfen. Leichter wurde es erst, als ich realisierte, dass der Film ein ganz anderes Medium ist und dass der «Goalie» auch nicht mehr so viel mit mir und meiner Figur zu tun haben muss.

Was heisst das? Die Geschichte wird jetzt sehr stark getragen vom Schauspieler, von Marcus Signer. Aber auch von der Regie, dem sehr guten Bilddirektor, dem Kamerachef, das ist nun wirklich nicht mehr mein Metier. Anfangs versuchte ich zwar, um einzelne Formulierungen in den Dialogen zu kämpfen. Doch dann habe ich verstanden, dass die Filmleute genau wissen, was sie machen. Ich habe den «Goalie» inzwischen im Rohschnitt gesehen. Und es ist wirklich einer der schönsten Filme, die ich je gesehen habe. Obwohl es kein Pedro-Lenz-Film ist, sondern einer von Sabine Boss. Da gibts zum Beispiel dieses Lied von Tom Waits, da könnte ich weinen. Und Züri West hat auch eins geschrieben.

Der Bund

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