Lenz: «Meine Midlife-Crisis hatte ich zwischen 25 und 30»

Mit dem Roman «Der Goalie bin ig» ist der Schriftsteller Pedro Lenz seit drei Jahren erfolgreich unterwegs – an Lesungen, im Theater und nun auch im Kino. Angst, dass er den «Goalie» nie mehr toppen wird, hat der 48-jährige nicht.

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Lucie Machac@liluscha

Herr Lenz, sind Sie mit sich zufrieden? Pedro Lenz: Gleich zu Beginn eine so persönliche Frage.

Ich frage dies, weil Sie mit Ihrem Buch «Der Goalie bin ig» schon seit knapp 3 Jahren auf einer Erfolgswelle reiten. Mir gehts gut, weil ich das Gefühl habe, ich mache so viel, wie ich kann. Aber mit mir als Autor bin ich nicht unbedingt zufrieden. Mit dem «Goalie» habe ich popularitätsmässig zwar einiges erreicht, künstlerisch bin ich aber noch nicht dort, wo ich hin möchte. Ich will meine Geschichten noch besser erzählen können und mehr mit dem Text experimentieren.

Der «Goalie» wurde in mehrere Sprachen übersetzt, fürs Theater dramatisiert und gerade verfilmt. Ist er Ihnen noch nicht verleidet? Ehrlich gesagt nein, weil es für mich jedes Mal etwas Neues ist.

Was ist denn immer neu? Kürzlich war ich mit dem «Goalie» in Litauen. Dort war das Publikum überzeugt, dass es im «Goalie» um eine christliche Grundhaltung geht. Weil dieser kleine Junkie die Schuld auf sich nimmt. Ich denke mir dann: Aha, schön, aber beim Schreiben war mir das überhaupt nicht bewusst. Den Schotten in Glasgow war wiederum völlig klar, dass der «Goalie» ein Glasgower Underdog ist. Mein Argument, dass die Figur aus meinem Umfeld, aus Langenthal, stammt, war ihnen egal. Übrigens sind auch die Übersetzungen eine Offenbarung: Die Strafanstalt Witzwil heisst in der englischen Version «Jokeville».

Hat sich Ihre Beziehung zum «Goalie» in den 3 Jahren verändert? Das nicht, aber ich habe das Gefühl, dass ich diesen sympathischen Loser noch besser kennen gelernt habe. Ich habe Facetten an ihm entdeckt, die ich mir beim Schreiben nicht überlegt hatte. Im Theater wurde mir bewusst, dass der «Goalie» viel verletzlicher ist. Im Film fiel mir wiederum auf, dass einer, der so viele Niederlagen einsteckt, im Innern etwas sehr Lebensbejahendes haben muss.

Haben Sie keine Angst, dass Sie sich nun mit dem «Goalie» auf dem Zenit Ihrer Karriere befinden? Nein, diesen Gedanken habe ich nicht.

Vielleicht verdrängen Sie diesen Gedanken einfach nur erfolgreich. Vielleicht Jeder Künstler hat wohl einen besten Moment – und danach kommt noch das mittelmässige Alterswerk. Aber ich fühle mich trotz meiner 48 Jahre als relativ junger Künstler, weil ich relativ spät, Mitte 30, zu publizieren angefangen habe. Natürlich weiss man nie, ob einem nochmals so ein Buch gelingt, aber die Illusion begleitet mich nach wie vor.

Was kann den «Goalie»-Erfolg noch toppen? Ein Buch, das aus meiner Sicht interessanter und besser ist als der «Goalie».

Oder eine «Goalie»-Fortsetzung? Die spare ich mir fürs Alter auf (schmunzelt).

Aber Hand aufs Herz: Erfolg ist doch immer eng mit der Angst vor Misserfolg verbunden. Popularität ist mir nicht so wichtig. Meine grösste Angst als Künstler ist, dass mir jemand sagt: Jetzt wiederholst du dich aber! Eine andere Angst ist, dass alte Freunde sagen: Jetzt bist du nur noch mit dir selber beschäftigt.

Passiert Ihnen das? Manchmal. Zum Beispiel jetzt, wenn ich so viele Interviews gebe, da verliere ich ab und zu die Relationen. Ich hatte aber schon immer Menschen um mich, die mich bödelet haben. Wenn ich nach Hause kam und von Standing Ovations an meinen Lesungen vor 400 Leuten erzählte, sagte man mir, dass das zwar toll sei, aber der Abfallsack, den ich vergessen habe rauszubringen, stinke jetzt im ganzen Haus. In solchen Momenten weiss ich: Das ist mein Leben, das andere ist...

...das andere ist genauso ein grosser Teil Ihres Lebens, es ist Ihre Identität als Schriftsteller. Sicher. Und es ist sehr angenehm, wenn man von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ich habe mein Leben aber nie auf Erfolg hin geplant, und deshalb könnte ich gut damit leben, wenn es irgendwann stiller um mich wird. Ich hätte mehr Zeit für andere Dinge und für meine Freunde.

Haben Schriftsteller eigentlich so etwas wie eine Midlife-Crisis? Es gibt ja diese altbekannte Schriftstellerkarriere: Als Newcomer wird man gehypt, danach folgt meist eine Durststrecke, und wenn man die durchhält, kann man am Schluss Preise für sein Lebenswerk entgegennehmen. Quasi dafür, dass man durchgehalten hat. Ich habe aber das Gefühl, dass ich meine Midlife-Crisis schon zwischen 25 und 30 hatte. Damals war ich relativ unglücklich, weil ich wusste, dass ich gern Schriftsteller wäre, aber ich habe es lebensorganisatorisch nicht auf die Reihe gebracht.

Wie meinen Sie das? Ich hatte mehrere Nebenjobs, habe ein bisschen geschrieben und auch noch studiert. Ich kam aber zu nichts richtig. Im Unterschied zu anderen hatte ich lange das Gefühl, ich hätte kein ausgeprägtes Talent. Ein Schreibtalent hat man mir auch in der Schule nicht attestiert. Es fehlte mir deshalb auch an Selbstbewusstsein. Doch irgendwann habe ich beschlossen, dass ich mir mit 70 nicht vorwerfen will, ich hätte es versifft, Schriftsteller zu werden. Das war 2001, und mit dem Entscheid, nur noch vom Schreiben zu leben, war auch meine Midlife-Crisis durch.

Was denken Sie heute, welche Chance Sie verpasst haben? Das ist jetzt schon wieder sehr persönlich Eigene Kinder zu haben, ist vielleicht das Einzige, wovon ich im Sterbebett denken werde, das wäre toll gewesen. Aber vielleicht auch nicht.

Sie haben in den letzten Jahren angefangen, sich zunehmend politisch und gesellschaftlich zu äussern. Weshalb? Einerseits werde ich heute von den Medien öfter gefragt als früher. Andererseits bin ich ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Staatsbürger. Und als dieser habe ich eine dezidierte Meinung, die ich gern kundtue.

Worüber ärgern Sie sich momentan? Bei der Masseneinwanderungsinitiative der SVP sagen viele, es gehe ihnen darum, ein Zeichen zu setzen, ähnlich wie bei der Minarettinitiative. Das ist eine sehr gefährliche Aussage. Natürlich hätte jede Stadt gern nur gute Steuerzahler, jede Firma nur Topmitarbeiter, und wenn wir schon Ausländer ins Land holen, dann am besten nur die Braven und Gutausgebildeten, die sich subito integrieren. Wäre ich Vater, hätte ich am liebsten auch nur Superkinder, die supergut in der Schule und zu Hause superbrav sind. Aber die Welt funktioniert nicht so. Man vergisst heute, dass es eben noch die anderen gibt und dass es diese insgesamt auch braucht. Nehmen wir die Bauern. Viele von ihnen hätten gern eine Schweiz ohne Ausländer, fänden es aber praktisch, wenn ein günstiger Pole ihre Erdbeeren pflücken würde.

Dennoch ist die diffuse Angst vieler Schweizer vor dem Fremden eine Realität. Natürlich. Auch ich kenne die Angst, dass das, was mein gewohntes Leben ausmacht, von aussen ersetzt wird. Aber ich habe diese Angst nicht in Bezug auf ein Minarett, auf einen architektonischen Bau, sondern dann, wenn ich im Speisewagen statt eines Dreierli Dôle und eines Menüs nur noch eines der 17 aufgeschäumten Starbuckkaffees bestellen kann. Das nimmt mir die Heimat weg. Oder nehmen wir all die Multiplexkinos in der Peripherie, wo man mit dem Auto hinfährt...

... das gehört doch zu unserer westlichen Kultur. Also meine Kultur ist das nicht. Das ist amerikanisch. Aber wie so vieles aus den USA schauen wir es als unseres an. Deshalb denke ich auch, dass wir eine weit grössere Assimilierungsgabe haben, als wir glauben. Vor 50 Jahren hätte man gesagt: Was wollt ihr mit Pizza, Schweizer essen Kartoffeln! Heute ist Pizza Standard.

Wie würden Sie den heutigen Zeitgeist charakterisieren? Wir leben in einer Zeit des immer schnelleren Wandels, und das führt natürlich zu Unsicherheit. Früher hat ein Handwerker 50 Jahre lang an einer Drehbank gearbeitet, ist in die Gewerkschaft eingetreten und hat für bessere Löhne und Bildungschancen gekämpft. Sein Leben, seine Ideologie waren vorgegeben. Heute muss man in allem viel flexibler sein. Sei dies im Beruf oder in der Haltung. Man kann leichter in den oberen Mittelstand aufsteigen, aber auch leichter vom Mittelstand in die Gosse fallen. Als ich jung war, dachte ich, mein Geld sei in einer Schweizer Bank idiotensicher angelegt. Heute weiss ich nicht, ob es die Bank bei meiner Pensionierung überhaupt noch geben wird. In solchen unsicheren Zeiten sucht man verständlicherweise nach einfachen Antworten. Aber die gibt es nicht. Wer die Einwanderung in die Schweiz stoppen will, hat kein nachhaltiges Rezept.

Vielleicht kann man in unsicheren Zeiten auch nicht so viel Solidarität und Empathie verlangen wie in guten Zeiten. Das würde ich nicht unbedingt unterschreiben, aber ich frage mich manchmal, ob das schwindende Mitgefühl nicht auch mit der virtuellen Welt zu tun hat.

In welcher Hinsicht? Nehmen wir an, Britney Spears ist von ihrem Freund im Suff verprügelt worden und die News wird übers Internet auf allen möglichen Kanälen verbreitet. Empfindet da irgendjemand noch echtes Mitgefühl mit ihr? Es geht doch in erster Linie darum, ein voyeuristisches Bedürfnis zu befriedigen. Das geht heute so weit, dass, wenn einer auf der Strasse betrunken am Boden liegt, die Jungen, statt zu helfen, erst einmal das Handy zücken, den armen Mann filmen und die Szene dann auf Facebook stellen.

Sind Sie selber auf Social Media aktiv? Nicht mehr. Ich habe mal mit Facebook angefangen, und als ich mehrere Freundschaftsanfragen bekam, hatte ich einen Gewissenskonflikt, weil ich dachte, wenn ich zusage, gehe ich eine Verpflichtung ein, und wenn ich nicht antworte, beleidige ich jemanden. Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass es die Welt interessiert, was ich den ganzen Tag so mache. Es reicht, wenn ich es am Abend ein paar Kollegen in der Beiz erzähle.

Das sehen die Digital Natives entschieden anders. Und sogar ein paar analoge Zeitgenossen, ich weiss. Heute postet man einen Sonnenuntergang auf Facebook und erhält Reaktionen aus der ganzen Welt. Das scheint mir übrigens ein weiteres Phänomen unserer Zeit: Social Media geben uns die Illusion, wir seien als Einzelpersonen nicht nur für die Familie und Freunde wichtig, sondern für die ganze Welt. Dazu tragen auch die Castingshows bei

Aber zeigen Castings nicht eher, dass es jeder vom Nobody zum Superstar schaffen kann? Auch, aber dieser Ruhm vergeht sehr schnell. Meine Generation hat noch gelernt, dass es zum Erfolg keine Abkürzung gibt. Das geht nur über Leistung. Man muss in der Schule fleissig sein und später hart arbeiten. Heute schreibt man etwas im Internet, und schwups ist man ein bekannter Blogger. Ausserdem ist vielen Leuten nicht bewusst, dass sie eigentlich sehr private Dinge in die Welt hinausposaunen.

Oder es ist ihnen einfach egal, weil man das heute so macht. Heute verschiebt sich der private und öffentliche Bereich auf eine sehr eigenartige Weise. Einerseits gehen wir im Trainer und in Finken, die wir sonst nur in den eigenen vier Wänden tragen, die Zeitung am Kiosk holen. Oder wir teilen der Welt auf Facebook per Bild mit, wie sich das neue Sofa im privaten Wohnzimmer macht. Andererseits richten sich die Leute im öffentlichen Zug ein, als ob sie zu Hause wären. Sie ziehen die Schuhe aus, essen und telefonieren, als wären sie allein. Überhaupt scheint mir heute das Bewusstsein für eine Öffentlichkeit im Sinne einer Gemeinschaft immer mehr abhanden zu kommen.

Inwiefern? Man spricht über den Staat, als sei das ein abstrakter Moloch. Alle glauben, je weniger Steuern sie zahlen, desto besser. Niemand kommt mehr auf die Idee, dass Steuern uns allen, dem Gemeinwohl zugutekommen. Im Gegenteil: Autofahrer wollen nicht für die Bahninfrastruktur zahlen und Bahnfahrer nicht für die Strassen. Aber so funktioniert das Gemeinwesen nicht. Es funktioniert nach dem Prinzip der gegenseitigen Verantwortung. Leider scheint heute einer dem anderen nichts mehr zu gönnen, die Armen misstrauen den Reichen und umgekehrt. Der solidarische Gedanke ist unserer Gesellschaft abhandengekommen. Und falls Sie mich das noch fragen wollten: Ja, ich zahle gern Steuern!

Berner Zeitung

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