Zum Hauptinhalt springen

Alles begann bei «Tim und Struppi»

Apokalypse in Bern: Im Comic «The Fall» thematisiert Jared Muralt, was Menschen zu Monstern macht. Der Berner Comiczeichner hat weltweit eine wachsende Fangemeinde.

In der Werkstatt: Jared Muralt im Büro der Blackyards in der Berner Matte.
In der Werkstatt: Jared Muralt im Büro der Blackyards in der Berner Matte.
Raphael Moser

Müllberge, Rauchwolken, kaputte Fassaden und Autowracks säumen die Strassen. Das Radio verkündet nur noch Schreckensnachrichten: globale Wirtschaftskrise, kriegsähnliche Zustände, Millionen auf der Flucht, tödliche Grippewelle.

Im Comic «The Fall» versinkt die Erde und mit ihr Bern im Chaos. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen ein Vater und seine beiden Kinder, die plötzlich ums Überleben kämpfen müssen in ihrem eben noch vertrauten Zuhause.

«Ich finde die postapokalyptische Stimmung visuell spannend», sagt der Berner Comiczeichner und Illustrator Jared Muralt über sein neustes Werk. Auf den ersten Band werden weitere Bände folgen, die jeweils in drei Teilen erscheinen. «Mich interessiert vor allem auch, welche Regeln des menschlichen Zusammenlebens nicht mehr gelten, wenn sich die Zivilisation auflöst.»

Auch seine früheren Comics «The End of Bon Voyage» und «Hellship» spielen im Kontext von Krieg oder Katas­trophen. Dabei geht die Bedrohung keineswegs von Aliens oder Monstern aus: Der Mensch ist des Menschen Wolf, wie der Philosoph Thomas Hobbes sagen würde.

Wobei, Tiere in fantastischen Dimensionen bevölkern diverse Bilder von Illustrator Jared Muralt. Sein Plakat mit dem Riesenfisch, der auf seinem Rücken eine Stadt trägt («Sinbad Fish City», 2013) schmückt manche Wohnung. Gleich ein ganzes Buch ­gefüllt hat er mit Tiefseeangler­fischen, die an schwimmende Frankensteins erinnern. «Mit dem Meer fühle ich mich verbunden», sagt er. Vielleicht habe es mit seinem Vater auf Sardinien zu tun, den er nicht kennt.

Von den Meistern gelernt

Das Handwerk hat sich der 36-Jährige grösstenteils selbst beigebracht. Alles begann bei der Ligne claire des «Tim und Struppi»-Erfinders Hergé. «Als Kind schienen mir diese Comics so real, dass ich es fast nicht wagte weiterzublättern, wenn etwas Unheimliches passierte», erzählt er. Unermüdlich kopierte er die klar umrissenen Figuren und ­reduzierten Hintergründe des franko­belgischen Stils.

Wichtige Vorbilder sind für ihn auch der französische Science-Fiction-Meister Moebius, der Basler ­Enrico Marini, der Amerikaner Winsor McCay und weitere europäische sowie japanische Maler. Neben seiner Lehre als Dekorationsgestalter beim Warenhaus Globus besuchte Muralt Kurse im Akt- und Figurenzeichnen an der Schule für Gestaltung in Bern, wo er bereits den Vorkurs absolviert hatte.

Er übte, bis er irgendwann da war, der «Strich», wie es im Fachjargon heisst: ein persönlicher, unverkennbarer Stil. «Heute entscheidet meine Hand beim Zeichnen einen gewissen Teil selbst», sagt Muralt. Er arbeitet immer parallel an mehreren Seiten in verschiedenen Stadien.

Für das «Modellieren», also das genaue Entwerfen der Panels mit dem Bleistift, braucht er innere Ruhe. Als entspannter empfindet er das finale Nachziehen der Linien mit Tusche und das Kolorieren, das er teils mit Pinsel, teils am Computer macht. Es dauert manchmal lange, bis er zufrieden ist, dies auch beim Skript.

Fans bei Marvel

«Er ist ein Arbeitstier, sehr fo­kussiert und selbstkritisch», beschreibt Silvio Brügger seinen Kollegen. Mit ihm, Christian Calame und Philipp Thöni führt Muralt seit 2008 das Blackyard-Büro für Grafik, Illustration und Typografie im Mattequartier. Sie beliefern nationale Kunden wie den Bund, die Swisscom oder den Fussballverband, aber auch die Region.

Ihre Plakatkunst, etwa für den Dachstock der Reitschule oder die «Aare You Safe»-Kampagne, fällt in Berns Strassenbild auf und landet öfter in Ausstellungen und Einkaufskörben als im Altpapier. Kurzum: Das Geschäft läuft so gut, dass sie kaum Zeit finden für die angedachte Sonderedition zu ihrem zehnjährigen Jubiläum.

Blackyard sei für ihn auf jeden Fall ein Ort zum Altwerden, sagt Jared Muralt, der seit einem Jahr Vater von Zwillingen ist. Er ist dort, wo er hinwollte – und noch weiter. Im sozialen Netzwerk Instagram empfehlen ihn Zeichner aus aller Welt weiter, die Fans reichen bis in die legendären Marvel Studios in den USA.

Sogar die «New York Times» und J. K. Rowlings «Harry Potter»-Imperium Pottermore haben schon für Illustrationen bei ihm angeklopft. Wenn er davon spricht, schüttelt er lachend den Kopf. Seine Faszination für die «kleinen, in sich ­abgeschlossenen Biotope des ­Comics» hat ihn an unerwartete Orte gebracht.

Jared Muralt: «The Fall», Band 1. Tintenkilby-Verlag, Bern 2018.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch