Zum Hauptinhalt springen

Ansichten eines gewieften Losers

Ein Junkie als Sympathieträger? Klar – wenn er Goalie heisst, aus Langenthal kommt und sich als Philosoph des Alltags entpuppt. In seinem Mundart-Romandebüt «Der Goalie bin ig» macht Pedro Lenz die Welt auf rührende Weise plausibel.

«Hier habe ich als Kind gschuttet.» Pedro Lenz zeigt euphorisch auf eine abgezäunte Wiese hinter dem Bahnhof. Es sei ihm früher nie aufgefallen, aber der Rasen sei leicht abfallend. Und da hinten, hinter dem Kreisel, das sei seine alte Schule. Und gewohnt habe er auf der anderen Strassenseite, ein paar Einfamilienhäuser hinter dem Schuttplatz. Und, und, und. Pedro Lenz ist in seinem Element. Hier, im unscheinbaren Langenthal, ist der 45-Jährige aufgewachsen. Und hier, im unscheinbaren «Schummertau», so das Pseudonym seiner nebelverhangenen Heimat, begegnen wir auch seiner Romanfigur, einem kleinen Junkie namens Goalie. Eigentlich heisst er Ernst, aber seit einer komischen Geschichte nennen ihn alle nur Goalie, obwohl er im Schutten zu gut war, um ins Goal gesteckt zu werden. Dafür hat man ihn später in die Kiste gesteckt, als man ein Kilo Rauschgift bei ihm fand. Jetzt ist er entlassen worden und gibt sich mächtig Mühe, wieder Fuss im Leben zu fassen.

Pedro Lenz, woher kennen Sie das Junkiemilieu so genau? Pedro Lenz: Aus meiner Jugend. Anders als in Bern haben wir in Langenthal keine abgeschottete Junkieszene. Hier gab es damals zwei Beizen, wo sich alle jungen Leute trafen. Die Junkies hatten immer die abenteuerlichsten Storys auf Lager, der eine war schon in der Kiste, ein anderer in Indien. Für einen 16-Jährigen wie mich verkörperten sie eine faszinierende Erwachsenenwelt, wie ich sie von zu Hause nicht kannte.

Sind Sie auch mal abgestürzt? Nicht wirklich. Wahrscheinlich weil ich aus einem wohlbehüteten Elternhaus stamme. Ich war eher der Beobachter. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass manch eine Geschichte etwas nachgebessert war, aber Junkies müssen ja dauernd irgendwelche Storys erfinden, wieso sie die geliehenen fünfzig Stutz gerade nicht dabei haben.

Der Titel «Der Goalie bin ig» klingt wie «Der Loser bin ig». Ja, niemand geht beim Schutten freiwillig ins Goal. Hingegen kann man sich auch aus der Verliererrolle heraus eine Identität schaffen. Es kommt nur darauf an, wie man sein Leben deutet. Ich kenne einige Loser, die sich ihre Welt so zurechtlegen, dass sie glücklich sind. Meist sind dann andere an ihrem Schicksal schuld oder die Situation oder das schlechte Wetter. Wieso auch nicht, wenns funktioniert?

Mussten Sie früher auch ins Goal? Nein, ich war im Schutten zwar nicht so gut, aber es ging ja vielmehr darum, wer eine grosse Klappe hatte. Und darin war ich tatsächlich gut.

Natürlich ist auch der Goalie ein gewiefter «Laferi» mit ausgeprägtem Hang zu gedanklichen Endlosschlaufen. Doch so verschroben sein «Gliir» auf den ersten Blick erscheinen mag, um sieben Ecken bringt er es dann doch auf den Punkt. Wenn er sich etwa mit Charlie Chaplin vergleicht, dem immer irgendein «Seich» passiert und über den immer alle lachen. «Aber im Ungerschied zu däm Charlie Chaplin hani mini Roue nie chönne useläse», lautet des Goalies Fazit. Trotz manch bitterer Erkenntnis bewahrt er sich jedoch seinen Schalk, mit dem er nebenbei auch noch die kleinstädtischen Machtgefüge blossstellt. Im Grunde ist dieser sympathische Unterhund nichts weniger als ein Philosoph des Alltags, der die Welt auf rührende Art plausibel macht. Allerdings versagt auch die schlauste Alltagsphilosophie, wenn einen die Liebe überkommt. Der Goalie verguckt sich nämlich ausgerechnet in die anderweitig liierte Serviertochter Regula. Klar, bleibt ihm am Schluss nur die undankbare Rolle des platonischen Frauentrösters.

Heisst erwachsen werden auch die Einsamkeit ertragen? Erwachsen werden heisst vor allem begreifen, dass man das eigene Wohlbefinden nicht auf andere delegieren kann. Sprich: Wenn ich jemanden gefunden habe, der mich liebt, gehts mir deswegen noch lange nicht gut.

Aber Ihr Goalie glaubt das. Er meint auch, Regula mit seinen Geschichten erobern zu können. Und das ist genau sein Problem. Früher dachte ich, wenn ich einer Frau imponieren will, muss ich ihr meine zehn besten Geschichten erzählen. Aber vielleicht hätte ich lieber mal nachgefragt, wie es ihr geht.

Frauen wollen also lieber einen soliden Typ als einen Abenteurer? Nach meiner Erfahrung suchen Frauen für eine Partnerschaft einen Mann, der weiss, was er will. Genau wie Regula eben. Vielleicht ist er nicht so gspürig und witzig, aber er kann ihr eine Zukunft bieten. Die anfängliche Exotik eines Bohémiens verleidet Frauen schnell. Männer sind da viel romantischer veranlagt.

Bleibt die Frage, warum Pedro Lenz den Roman auf Mundart verfasst hat. Ungeübte Leser werden ihn dafür am Anfang verfluchen. Denn anders als im Hochdeutschen, wo man beim Lesen Wörter automatisch ergänzt, lassen einen Ausdrücke wie «Schueu» oder «gspüut» erst einmal verzweifeln. Ein demütigendes Erstklässlerfeeling begleitet die ersten Kapitel. Doch dann entwickelt die sperrige Mundart eine heimelige Melodie, und auf einmal glaubt man sich mittendrin, im kleinkriminellen Langenthal, mitgerissen vom eigentümlichen Groove eines vermeintlichen Goalies.

Was kann man in Mundart besser als auf Hochdeutsch? Man kann Unmittelbarkeit besser imitieren. Wenn ich Dialoge auf Mundart schreibe, habe ich genau im Ohr, wie die Figuren sprechen. Auf Hochdeutsch klingen meine Dialoge wie im «Tatort». In Deutschland fällt mir dann auf, dass die gar nicht so sprechen wie im Fernsehen.

Warum bezeichnen Sie das Buch als Spoken-Word-Roman? Bei Dialektromanen habe ich oft das Gefühl, da wolle mir einer beweisen, dass Berndeutsch eine blumige Sprache ist. Statt «zittere» steht da etwa «schlöderle». Das hat etwas Museales. Mein Text orientiert sich an der Alltagssprache, er ist rhythmisiert, sodass man ihn auch mündlich lesen kann, und es klingt «normal».

Pedro Lenz: «Der Goalie bin ig». Verlag Der gesunde Menschenversand, 183 Seiten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch