«Genozid-Leugner» – «Grösster Poet unserer Sprache»

Peter Handkes Nobelpreis sorgt für Zorn. Grund: Handkes Zuneigung zu Serbien und Slobodan Milosevic.

Erhielt den Nobelpreis für das Jahr 2019: Schriftsteller Peter Handke. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Erhielt den Nobelpreis für das Jahr 2019: Schriftsteller Peter Handke. Foto: Keystone

Im Nobelpreis für Peter Handke spiegeln sich die Konflikte des zerbrochenen Jugoslawien. Der serbische Kulturminister erklärt, Handke hätte den Preis «schon längst bekommen müssen». Die kosovarische Botschafterin in den USA dagegen bezeichnet die Wahl als «schändlich».

Peter Handke hinterfragte Mitte der 90er – nach Ende des Bosnienkriegs – in seinem Reise-Feuilleton «Gerechtigkeit für Serbien» die Darstellung Serbiens in den westlichen Medien. Handke trat zudem aus der katholischen Kirche aus und in die serbisch-orthodoxe Kirche ein – weil der Papst nicht klar genug Stellung genommen habe gegen den Kosovokrieg. 2004 besuchte Handke Slobodan Milosevic, als dieser sich vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag verantworten musste, und zwei Jahre später hielt er beim Begräbnis des serbischen Ex-Diktators eine Rede.

Der frühere kosovarische Aussenminister Petrit Selimi fragt auf Twitter, ob die Stockholmer Akademie diese Rede bei der Beurteilung des Werks berücksichtigt habe. Handke sei ein «Genozid-Leugner».

Süffisanter Zizek

Kritische Stimmen sind auch in der literarischen Welt zu vernehmen, etwa seitens des amerikanischen PEN-Club. Dieser kritisiert in einer Pressemitteilung, mit Handke werde ein Schriftsteller für seine «sprachliche Genialität» gefeiert, der gründlich dokumentierte Kriegsverbrechen immer wieder hinterfragt habe. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek wies im «Guardian» süffisant darauf hin, Handke habe früher die Abschaffung des Nobelpreises gefordert. «Dass er ihn nun bekommt, bestätigt seine Einschätzung.» Die britische Zeitung erinnerte zudem an eine drastische Aussage von Jonathan Littell aus dem Jahr 2008: «Er mag ein fantastischer Künstler sein, aber als Mensch ist er mein Feind … he’s an asshole

So brüsk die Ablehnung seiner Gegner, so euphorisch ist die Reaktion seiner Freunde und Fans. Mit Handke sei «der grösste Poet unserer Sprache» prämiert worden, meint der Schriftsteller Michael Köhlmeier. Und nicht minder begeistert zeigte sich die österreichische Autorin Elfriede Jelinek, die den Nobelpreis 2004 erhalten hatte: «Grossartig! Er wäre auf jeden Fall schon vor mir dran gewesen.»

lsch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt