Bohnenpflücken in Nicaragua

Was haben die Eltern damals in Nicaragua gemacht? Der sehr lesenswerte Roman «Schwirrflug» der Solothurnerin Regula Portillo begleitet zwei Schwestern auf ihrer Spurensuche.

Harte Arbeit für die gute Sache: Bohnenpflücker in Nicaragua.

Harte Arbeit für die gute Sache: Bohnenpflücker in Nicaragua.

(Bild: Keystone)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Die Schwestern Alma und Judith wachsen ganz normal im Frei­burger Hinterland in einem Einfamilienhaus auf. Sie wissen vage, dass ihre Eltern in den 1980er-Jahren in Zentralamerika ge­wesen sind. «Ich habe immer an Abenteuer und Ökotourismus gedacht, wenn sie Nicaragua erwähnt haben», sagt nun Judith. Die Schwestern sitzen in der ­elterlichen Wohnung in Bern, graben in alten Fotos, während sie aufräumen.

Mutter und Vater sind tot, kurz nacheinander gestorben. Und jetzt stellt sich ­heraus: In Nicaragua waren sie nicht als Touristen, sondern aus politischer Überzeugung. Ruth und Markus Gerber gingen als Brigadisten nach Zentralamerika, zusammen mit Hunderten ­anderen Schweizern, sie wollten den Sandinisten helfen, der ehemaligen Guerillaorganisation, die 1979 an die Macht kam – «am Alltag des revolutionären Aufbauprozesses teilnehmen», wie Markus in einem Brief schrieb.

Harte Arbeit, jeden Tag

Das ist die Ausgangslage von «Schwirrflug», dem ersten Roman der Solothurnerin Regula Portillo. Er stützt sich auf historische Dokumente und ist als Geschichte doch frei erfunden. So fiebert man mit den beiden Schwestern mit, als sie kurz darauf nach San Felipe in Nicaragua abreisen. Sie wollen das Land entdecken, in dem ihre Eltern Fronarbeit geleistet haben. Abwechslungsweise wird dabei aus der Sicht von Alma und von Judith berichtet. Dazwischen eingestreut sind Ruths Kapitel, die einen Einblick geben, wie es damals in Nicaragua wirklich war.

Regula Portillo, die heute in Frankfurt am Main lebt, gelingt es, die Stimmung unter Briga­disten nachvollziehbar wieder­zugeben. Die Tage waren geprägt von harter Arbeit, tagelanges Bohnenpflücken auf den Feldern wurde abgelöst von der Grundsteinsetzung für neue Gesundheitszentren oder Kindergärten. Und dazu die ständige Angst davor, zwischen die Fronten von Revolutionstruppen und Contras zu geraten. «Als der Text stand, habe ich ihn einem ehemaligen deutschen Brigadisten zum Lesen gegeben; diese letzte Überprüfung war mir wichtig», sagt die 38-jährige Autorin. Der Brigadist hatte nichts auszusetzen.

Aufs Thema gestossen war Portillo, als sie während ihres Studiums ein Auslandsemester in Nicaragua machte. «Ich wusste sehr wenig über die sandinistische Revolution und die welt­weite Solidaritätsbewegung, die diese ausgelöst hat», sagt sie. Es ergab sich, dass Portillo eine österreichische Filmemacherin an zahlreiche Gespräche mit ehemaligen Brigadisten, die in Nicaragua geblieben waren, begleiten konnte. Ihr Interesse war geweckt. Zurück in der Schweiz, forschte sie wochenlang im Sozialarchiv in Zürich.

Präzis und knapp

Nach und nach kommen Alma und Judith in «Schwirrflug» den Beweggründen ihrer Eltern auf die Spur. Und auch der geheimnisvolle Paul, dem die Eltern damals nach Nicaragua gefolgt sind, nimmt Konturen an. Mit all dem Wissen hegen die Schwestern plötzlich einen schrecklichen Verdacht.

Die Sprache von Regula Portillo bleibt dabei von Anfang bis Schluss präzis und knapp. Weder Verschnörkelungen oder sprachliche Spielereien noch abge­droschene Sätze stören den Lesefluss. Gerade in dieser Reduktion aufs Wesentliche liegt die Kraft dieses kurzen Romans, der sich schliesslich zaghaft zu einer Liebesgeschichte mausert.

Regula Portillo: «Schwirrflug», Edition Bücherlese, 246 Seiten.

Berner Zeitung

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