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Das Bundeshaus in Flammen

Möglich, dass der Buchtitel stimmt: «Aus uns ist nichts geworden» erzählt von der 80er-Jugend, an die der Berner Autor Michael Sasdi im Subito-Slang zurückdenkt.

Er verlebte seine Jugend zu der Zeit, in der sein Roman spielt: Autor Michael Sasdi.
Er verlebte seine Jugend zu der Zeit, in der sein Roman spielt: Autor Michael Sasdi.
zvg

Die 68er haben schon ganze Bibliotheken gefüllt, nun sind die 80er dran. Sachbücher über die No-future-Generation mehren sich. Im Kino läuft gerade «Platzspitzbaby», ein Film über das Leben mit drogensüchtigen Eltern. Und literarische Rückgriffe auf die Dekade, in der Selbstzerstörung chic war, gibt es auch schon. Was die schreibenden Zeitzeugen zutage fördern, sind meist Räubergschichtli, die vom einzigen Plus leben, das die 80er gelten liessen: Kreativität.

So macht auch David, Protagonist in Michael Sasdis Roman «Aus uns ist nichts geworden», in seiner WG vor allem Kunst. Wenn Monika vorbeikommt, die sich gern mit Messern an die Handgelenke geht, will sie das auch abgelichtet haben, posiert mit einem schneeweissen Schaufensterpuppenmann in der Badewanne, und David holt die Leica.

In der Dunkelkammer lassen sie dann das Blut ins Entwicklerbad tropfen, montieren verschiedene Negative übereinander und nennen das Resultat «Blutpüpperich auf renitenter Kuh». Sinn ergeben muss, ja darf das alles nicht, aber dann – «dann kam der Herbst und mit ihm die ­Politik».

Berner Hotspots

Politisch ist Michael Sasdis zweiter Roman nicht. Vielmehr vermittelt der 52-Jährige die Stimmung des Jahrzehnts, in dem er selber jung war. Insbesondere sprachlich lässt er jene Generation aufleben, die das blumige Gefasel der Hippies und die ellenlangen Reden der 68er verabscheute und mit Kurzformeln um sich warf wie mit Pflastersteinen. Alles musste damals subito passieren, klaro?

Wer Präsi einer IG im AJZ sein wollte, musste mindestens in Nica Soli-Arbeit geleistet und eine Uzi im Keller haben. Hasch hiess Ha und Heroin H, sprich englisch: Eitsch. Für Alt-Achtziger funktionieren diese Codes wie eine Zeitmaschine, sofort ist man wieder dort. Für heutige Jugendliche hingegen bleibt wohl vieles in diesem Roman rätselhaft.

Historisch ist Sasdis Buch auch nicht. Zwar hat der Autor einst Geschichte studiert, doch schon sein erster Roman, «Melchers Abschied» (2005), erzählte vom Leben im Berner Oberland des 18. Jahrhunderts eher anekdotisch als faktentreu. Der neue Roman spiele «irgendwo in der Schweiz» der bewegten 80er-Jahre, heisst es auf dem Umschlag.

Doch unschwer ist in den Details Bern zu erkennen. Wenn die Jungen einen Stall mit angrenzender «Stallhalla» besetzen, so ist die Reitschule nicht weit. Der Comandante dort mit seiner «Militanzia» erinnert stark an Aktivist Fashion und den Schwarzen Block. Auch das Bundeshaus ist immer in Reichweite, wobei es bei Sasdi in Anlehnung an «Züri brännt» bombardiert wird und mitsamt der herausgeputzten Innenstadt in Flammen aufgeht.

Plot mit Unstimmigkeiten

In der Berner Edition Eigenart erschienen, ist dieser Roman tatsächlich eigenartig, im guten wie im weniger guten Sinne. Der Autor lässt sich – ganz Kind der 80er-Jahre – nicht fremdbestimmen im Ausbau der realen Geschehnisse. Er führt sie fiktiv weiter, «dorthin, wo die Jugend die Bewegung gerne gehabt hätte: direttissimo in die Revolte». So löst sich die Handlung im letzten Drittel auf in einem Rausch zwischen Rocky Horror Picture Show und dereguliertem Guerillakrieg.

Dass dafür vor allem die Cannabisfraktion aus dem nahen Bauernland verantwortlich ist, wirkt unglaubwürdig im urbanen Plot. Ebenso die Entwicklung Davids, der sich von einer Jungfaschistin mit SS-Uniform zum kommerziellen Fotokünstler umerziehen lässt, wo er doch in die Freundin seiner Mutter, die leidenschaftliche Feministin Alexandra und die inzwischen an der Nadel hängende Monika verliebt ist.

Was bleibt ihm da anderes übrig, als sich doch noch in die Flammen zu stürzen? Etwas ratlos kommt man runter von diesem Lesetrip und fragt sich, was sonst noch so geworden ist aus denen, die in den 80er-Jahren jung waren.

Michael Sasdi: Aus uns ist nichts geworden. Roman. Verlag X-Time, Edition Eigenart.

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