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«Das Ekzem war ihr Schicksal»

Der Besuch bei Zürcher Hausärzten lohnt sich: Patrick Frey hat Band 2 seines Romans für den Wartesaal vorgelegt. Er lebt von schrägen Patienten und feiner Satire. Ein Versprechen hält er jedoch nicht ein.

Liegt in Wartesälen der Stadtzürcher Hausärzte auf: «Hausarzt Dr. Bolliger – Das Ekzem war ihr Schicksal».
Liegt in Wartesälen der Stadtzürcher Hausärzte auf: «Hausarzt Dr. Bolliger – Das Ekzem war ihr Schicksal».

Patrick Frey hatte ganz offensichtlich viel Spass mit Dr. Bolliger, seinem zweiten Hausarztroman mit dem Titel «Das Ekzem war ihr Schicksal – Wenn ein Ausschlag die Liebe tötet». Das zeigt sich alleine schon an den Krankheiten, mit denen er «seine» Patienten plagt: Eine Investmentbankerin namens Florinda Fröhlich leidet an unerklärlichen Schwankungen ihres Gasvolumens (kurz, sie furzt in den unpassendsten Momenten), ein ehemaliger Irak-Flüchtling wird von einem mysteriösen Ameisenlaufen gequält, und Bolligers Vater kämpft gegen Hitzewallungen infolge erhöhten Konsums von Viagra und anderen Libido-Mittelchen aus dem Internet.

Einige Passagen in «Das Ekzem war ihr Schicksal» wirken so, als hätte Frey sie an einem Freitagabend geschrieben – übermüdet von der hinter ihm liegenden Arbeitswoche, mit euphorischem Blick auf das Wochenende. Die Ideen, die in solchen Momenten entstehen, in denen man sich in Blödeleien geradezu hineinsteigert, sind einmalig und machen Spass – auch wenn sie teilweise grenzwertig sind. Herrlich ist die Szene, in der Dr. Bolliger in einen Tagtraum verfällt, in dem unter anderem ein Chor aus geflügelten Golden Retrievern vorkommt, die alle aussehen wie Florian Ast.

Werbeaktion der Zürcher Hausärzte

Die Idee zum Arztroman stammt vom Verein Hausärzte der Stadt Zürich. Damit wollten sie ihre Patienten wieder für traditionelle Hausarztpraxen erwärmen und sich von den Walk-in-Praxen und Spezialärzten abheben. Vor genau zwei Jahren erschien der erste Band von Patrick Freys Hausarztroman mit dem Titel «Das Geheimnis des Tramführers». Er handelt von einem Zürcher Hausarzt mit Praxis am Goldbrunnenplatz, der sich nicht nur mit den Problemen seiner Patienten (die nicht immer medizinischer Natur sind), sondern auch mit denen seiner Familie herumschlagen muss. Nun legt der Kabarettist und Schauspieler Frey bereits das Folgewerk vor.

Freys Hausarztroman soll aber keine Parodie auf die Arzthefte am Kiosk sein, wie er in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagte (siehe Artikel zum Thema): «Die sind meist todlangweilig und haben fast nichts mit dem medizinischen Alltag zu tun. Meine Vorbilder waren eher Fernsehserien wie ‹Dr. House› oder ‹Grey's Anatomy›.»

Tatsächlich streut Frey immer wieder medizinische Fachbegriffe ein: Von einem überhöhten Hämoglobinwert, einer Flatulenzproblematik oder einer psychosomatischen Parästhesie ist die Rede. Ansonsten lehnt sich Freys Hausarztroman eher an die einfache, gesprochene Sprache an, viele Ausrufezeichen inklusive. Vereinzelt wird es fast schon poetisch: «…bis jeder Sinn zermahlen war, wie Mehlstaub in der Mühle» oder «Make-up verdeckt viele Probleme». Auch Stammtisch-philosophische Überlegungen haben Platz. «Finanzen und Flatulenzen, das passt doch ganz gut zusammen, beides hat viel mit heisser Luft zu tun und stinkt zum Himmel», lässt Patrick Frey seinen Protagonisten Dr. Bolliger denken. Das 64-seitige Werk soll schliesslich für das gesamte Spektrum der Patienten sein, die sich tagein, tagaus in einer durchschnittlichen Hausarztpraxis einfinden. Auch an ältere Semester wird gedacht – «In grosser Schrift» ist auf dem Titelblatt vermerkt.

Wo ist die Dreiecksgeschichte?

So packt Patrick Frey allerhand Themen in seinen Hausarztroman: Sowohl von Sans-Papiers, Santésuisse als auch von Xherdan Shaqiri ist kurz die Rede. Es finden sich darin Spitzen gegen Schönheitschirurgen (ausgerechnet ein solcher hat sich Dr. Bolligers Ex geangelt), gegen die neuenglische Wirtschaftssprache und gegen kuriose Erfindungen wie «Dog Dancing» oder «Mindfulness Based Stress Reduction»-Kurse. Das ist angesichts der bloss 64 Seiten problematisch. Weil Frey diese Themen jedoch alle bloss antippt, wirkt der Roman dennoch nicht überladen. Zudem kann eine gewisse Oberflächlichkeit zwischendurch ja ganz angenehm sein, besonders, wenn man im Wartezimmer einer Arztpraxis sitzt.

Bloss eine leise Enttäuschung bleibt am Ende für all diejenigen, die anhand des kitschig-romantischen Covers und der Hinweise auf den ersten Seiten eine heisse Liebesgeschichte erwartet haben, so wie es bei einem typischen Arztroman immer der Fall ist. Doch Patrick Frey wollte keinen typischen Arztroman, und so hat er seinem Hausarzt Dr. Bolliger (noch) keine passende Frau vergönnt. Bloss einige Liebeleien werden angedeutet, aber nichts Ernstes. Aber was nicht ist, kann ja noch werden – im Band drei, der hoffentlich noch kommen mag.

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