Das Leben, eine Flickschusterei

Der US-amerikanische Romancier Richard Russo legt in «Immergleiche Wege» vier Erzählungen vor – raffiniert gebaute Texte voller Menschenfreundlichkeit.

Jeder hat das Recht, nach Glück zu streben: Richard Russo. Bild: Witi de Tera (laif)

Jeder hat das Recht, nach Glück zu streben: Richard Russo. Bild: Witi de Tera (laif)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Die USA verfügen über eine Menge grossartiger Erzähler. Manche entdecken wir diesseits des Atlantiks mit Verspätung, einen Meister wie Richard Yates sogar erst posthum. Für Richard Russo – der Yates viel verdankt – kommt die Anerkennung noch rechtzeitig. Seit der Dumont-Verlag sich seines Werks angenommen hat, begeistert sich auch das deutschsprachige Publikum an Romanen wie «Ein grundzufriedener Mann» oder «Diese gottverdammten Träume» (Pulitzer-Preis 2002).

Es entdeckt bei Russo heruntergekommene Kleinstädte, deren Fabriken verlassen vor sich hinrosten und deren Bewohner wahrscheinlich Trump gewählt haben. Dieser Autor hat ein Näschen für Loser, die ihrem vermurksten Leben doch immer wieder mehr abgewinnen, als ihnen vermeintlich zusteht, und ein Händchen, sie in wirre Plots und rasend komische Dialoge zu verwickeln. Komik und Empathie sind überhaupt die Grundsubstanzen seines ganzen Werks, sie prägen auch die vier Erzählungen, die jetzt unter dem Titel «Immergleiche Wege» auf Deutsch erschienen sind.

Der Band erscheint wie komponiert, eine literarische Sinfonie – in der Abfolge der Sätze wie in der erzählungsübergreifenden Motivik. Alle vier spielen auf zwei Zeitebenen, Gegenwart und Vergangenheit, und sie verfahren dabei wie ein analytisches Drama: Ein weit zurückliegendes Ereignis taucht im Gedächtnis auf und wird erstmals und doppelt begriffen – nämlich in dem Sinne, den es seinerzeit hatte, und in seiner Bedeutung für das Hier und Jetzt.

Siegertypen sind das nicht

Milieu und Personal sind «gehobener» als in den genannten Romanen; «Reitersmann» und «Stimme» spielen an (nicht sehr renommierten) Colleges, der Held von «Eingriffe» ist Immobilienmakler, «Milton und Marcus» schliesslich versetzt uns nach Hollywood, wo ein Drehbuchschreiber, dessen Erfolg weit zurückliegt, es noch einmal wissen will (mit einem Skript über ein alterndes Gaunerpärchen, das den letzten Coup plant: Russo arbeitet gewissermassen auch mit erzählerischen Binnenreimen).

Auch wenn sie dem Mittelstand angehören: Siegertypen sind diese Helden nicht. Von den beiden College-Dozenten wird in verdächtiger Formulierung gesagt, sie seien zwar fleissig und korrekt, aber «nicht gut» – jedenfalls zu wenig für eine akademische Karriere. Den Makler hat die Immobilienkrise voll erwischt, eine Krebsdiagnose ängstigt ihn vor allem wegen der Behandlungskosten. Beim Drehbuchschreiber ist es die Frau, die Krebs hat, und eine Krankenversicherung hat er gar nicht mehr. Das Elend klopft also auch an die Türen der vermeintlich oder nur vorläufig Bessergestellten. Und manchmal sind sie es selbst, die ihm aus Schusseligkeit die Tür öffnen.

Kein #MeToo-Fall

Der alternde Dozent Nate hat seine Stellung verloren, weil er einer Studentin zu nahe getreten ist – kein #MeToo-Fall, vielmehr eine Übersprungshandlung aus fehlgeleiteter Fürsorge. Er wollte die brillanteste Essayschreiberin seines Seminars, eine Autistin mit dem ostinatohaft zitierten Namen Opal Mauntz, aus ihrer Isolation herausholen. Das geht fürchterlich schief, wird als Übergriff gedeutet und führt zu Nates Rauswurf.

Noch ein Jahr später drückt ihn die Blamage, als er mit seinem Bruder Julian an einer Venedig-Gruppenreise teilnimmt, die Russo zum tragikomödiantischen Höhepunkt des Bandes macht. Während er das Opal-Mauntz-Desaster um und um wälzt, an all seinen Fähigkeiten, ja an seiner Berufswahl zweifelt (hätte er nicht lieber Handwerker werden sollen, ist nicht Handwerk etwas Ehrliches, Literaturwissenschaft bloss brillante Schwindelei?), verirrt sich Nate in den Gassen, verliert die Gruppe, kämpft mit seinem neuen Smartphone, «völlig verspult», wie sein Bruder sagt. Der ist ein eitler Grosskotz, aber eigentlich ein von einem Hausbrand schwer traumatisiertes Kind, ausserdem pleite und zu feige, den «Versager» Nate um Geld zu bitten.

Breite, Tiefe und Fülle

Schon diese Erzählung, die zweite und mit 110 Seiten längste des Buchs, hat Breite, Tiefe und Fülle für einen Roman. Der Ton ist so, dass man gar kein Ende finden möchte: Slapstick und Melancholie gehen die schönsten Verbindungen ein. Und an jeder Ecke platziert der Autor wunderbare Beobachtungen, immer gefiltert durch das Bewusstsein eines kauzigen, liebenswerten Misanthropen, der an sich selbst irre wird.

So werden wir über die «Verdachtskultur» an amerikanischen Universitäten informiert – Russo, der an einigen Colleges gelehrt hat, weiss, wovon er spricht – und über das erstaunliche Verhältnis von Ansprüchen und Leistungen seiner Studenten. Die finden das öffentliche Vorlesen ihrer Essays «demütigend», geben sich in diesen Essays aber «damit zufrieden, dass ihre Argumente irgendwo in ihrer verschwommenen Prosa herumlungerten, wo sie der Leser mühsam suchen musste».

Die Thematik der feindlichen Brüder kehrt auch in «Eingriffe» wieder, wo des Helden Vater, ein mit seiner eng umschriebenen Existenz zufriedener Mensch, von seinem Bruder immer wieder zu «todsicheren» Geschäftsideen verführt, nein fast gewaltsam in sie hineingezerrt werden soll. Der Vater will aber einfach «nichts Besonderes» sein. Kein Glückssucher.

«Es gibt keine kleinen Leben», sagt Richard Russo und macht aus jeder seiner Figuren etwas Besonderes.Source

«Nichts Besonderes sein» – das durchzieht wie ein Leitmotiv die Erzählungen eines Autors, der einmal gesagt hat «Es gibt keine kleinen Leben» und der jede seiner Figuren zu etwas Besonderem machen kann. Was ja die ureigenste Aufgabe und Leistung der Literatur ist.

Die letzte, die Hollywood-Erzählung, versetzt einen «nicht besonderen» Menschen in die Welt der Stars, die sich jeden Wunsch erfüllen können und alle, denen es nicht so geht, als Niemande betrachten. Aber kurz bevor man hier piefige Moral wittern könnte, verrät Russo, dass ausgerechnet Superstar William Nolan von seinem Göttersitz aus bedauert, nicht mehr «just Bill» zu sein, der unbeschwerte Jüngling, der einst mit dem Rucksack durch Griechenland zog. In dem zehn Jahre alten Gauner-Skript glaubt er ebenjenen Bill wiederzufinden. Die Chance, die er dem Drehbuchautor gibt, ist also zuerst seine.

Das Recht auf Glückssuche

Russo gelingt es, Glanz und Brutalität Hollywoods gleichsam auszubalancieren, sodass der Held uns zugleich fasziniert und anwidert. Auch dieses Milieu kennt Russo aus eigener Erfahrung. Er hat selbst etliche Drehbücher geschrieben und liefert, wie als Bonustrack, Ausschnitte aus «Milton und Marcus», derart hinreissend, dass man unbedingt den Film realisiert sehen möchte.

Am Schluss der Geschichte schlägt Russo einen Bogen zur amerikanischen Verfassung, zum Recht, nach Glück zu streben. Nach mehr, so versteht er es, als viele «kleine Leute» glauben, dass ihnen zustehe. Tatsächlich enden alle vier Erzählungen nach mancherlei Verwirrungen mit der Hoffnung, es doch zu schaffen in der «elenden Flickschusterei», die das Leben ist. Hoffnung: in seriöser Literatur ein eher schwieriges Schlussgefühl. Aber Russo beherrscht auch das.

Richard Russo: Immergleiche Wege. Erzählungen. Aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont, Köln 2018. 302 S., ca. 35 Fr.

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