Der aufregendste Schriftsteller Polens

Szczepan Twardoch provoziert Landsleute und Regierung mit seinem Umgang mit der Geschichte. Sein neuer Roman stellt eine Stadt in den Mittelpunkt, die geprägt ist von Sex, Crime and Drugs.

Hassmails bekommt in Polen jeder, der einigermassen bekannt ist – sagt Szczepan Twardoch. Also er auch. Foto: Doris Fanconi

Hassmails bekommt in Polen jeder, der einigermassen bekannt ist – sagt Szczepan Twardoch. Also er auch. Foto: Doris Fanconi

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«I hate it!» Ich habe die Frage noch nicht zu Ende formuliert, schon unterbricht er mich: Er hasst das Etikett des «polnischen Hemingway», das ihm ständig angeklebt wird. Nur weil Hemingway auch geboxt habe. Sonst habe er nichts mit ihm gemein, nicht die Themen, nicht die Lebensweise, schon gar nicht den lakonischen Stil. Der seine, wild und opulent, erinnert, wenn schon, viel eher an Autoren, die er als wirkliche Vorbilder empfindet: Louis-Ferdinand Céline etwa oder Alfred Döblin. Und das Boxen? Das hat er sich beibringen lassen für seinen neuen Roman, der im Original «Król» heisst, «König», und auf Deutsch eben: «Der Boxer».

Szczepan Twardoch hat – soweit man das unter dem Jackett beurteilen kann, das er im Frühstücksraum eines Zürcher Mittelklassehotels trägt, wo wir uns unterhalten – keine Boxer-, jedenfalls keine Schwergewichtsfigur. Sein Held ­Jakub Shapiro dagegen schon. Die Eröffnungsszene des Romans, eine literarisch-dramatisch brillante Ouvertüre, zeigt ihn im Kampf gegen Andrzej Ziembinski vom Club Legia Warschau, einen polnischen Faschisten. Shapiro gehört zum Verein Makkabi, natürlich, denn er ist Jude. Und der «King» seines Viertels, als rechte Hand des Mafiabosses Jan Kaplica.

Ein Jude als skrupelloser und zugleich sympathisch gezeichneter Verbrecher? So einen kennen wir aus der deutschsprachigen Literatur nicht. «Seine gelassene Selbstsicherheit ruhte auf sicheren Fundamenten: einer dicken, von einem Gummiband zusammengehaltenen Rolle von 5000 Zloty in der einen Innentasche seiner Jacke und einer zweiten von 500 Dollar in der anderen; in der rechten Manteltasche ruhte die Pistole, in der linken Hosentasche hatte er 200 Zloty in kleinen Scheinen, in der rechten einen Schlagring, in den Muskeln die Kraft, ihn auch zu benutzen, und im Herzen die Bereitschaft zur Gewalt.»

Dieser jüdische Mafioso ist der Held in Twardochs Roman, der in einem ­Warschau spielt, wie wir es noch nie ­gelesen haben. Eine «verfluchte, muffige, nach Schlamm, Scheisse, Knoblauch und Weihrauch stinkende Stadt», meint Jakub, als er einmal genug von ihr hat – und sich doch nicht von ihr trennen kann.

Ein zerrissenes Land

Wir sind im Jahr 1937 und begleiten Jakub auf den Streifzügen durch sein Reich. Durch Läden, in denen er Schutzgeld eintreibt, durch Bars, in denen er und seine Helfershelfer sich volllaufen lassen, in Bordelle, wo zwölfjährige Mädchen von Kunden oder Kumpanen ruiniert werden. Es ist eine Stadt der Gier, der Exzesse, der Lebenslust und der Gewalt. «Es gibt kein Problem, das nicht mit Gewalt gelöst werden kann», sagt einer aus dem Kreis der vielen Fraktionen, die sich bekämpfen. Und der ­Autor breitet durchaus nicht den Schleier der blossen Andeutung über diese «Lösungen».

Polen steht 1937, wie viele Demokratien der Zwischenkriegszeit, am Rand des Kollapses. Der junge Staat hat einen Krieg mit der Sowjetunion, einen Staatsstreich und zahlreiche Staatskrisen durchlebt. Zwei Lager mit diversen Unterlagern und den entsprechenden bewaffneten Milizen kämpfen um die Macht. Die Übergänge zwischen Staatsspitze und Unterwelt sind fliessend. Als der Pate einmal verhaftet wird, erwirkt der Staatspräsident selbst seine Freilassung; die beiden sind alte Kameraden, Untergrundkämpfer in der Russenzeit. Am Schluss aber kippen die politischen und die Machtverhältnisse, und Kaplica, der sich unantastbar glaubte, landet im KZ Bereza Kartuska, wo er zu Tode gequält wird.

Szczepan Twardoch hat genau recherchiert; gerade wo es um Gewalt geht, darauf legt er Wert, ist nichts erfunden oder ausgeschmückt – die auf Vernichtung zielenden Verhältnisse im polnischen KZ nicht und nicht die bestialischen Hinrichtungsmethoden der Mafiosi. Das Zerstückeln und In-Lehmgruben-Entsorgen von «Kunden», die ihr Schutzgeld nicht zahlen konnten, ist verbürgt, sagt der Autor. Jeden Nostalgieverdacht – dieses Warschau ist doch so lebendig! Faszinierend! Wie Berlin oder New York in den Roaring Twenties! – weist er weit von sich. Um den «Sound» der Zeit zu treffen, hat er unendlich viel gelesen, vor allem Memoiren, Tagebücher, Zeugnisse der Zeitgenossen. Und sich dann die Freiheiten des Romanciers erlaubt.

Sein «Boxer» ist in Polen ein Bestseller, nicht zuletzt, weil Twardoch dort so prominent wie umstritten ist. Er provoziert gern. Bekommt jede Menge Hassmails – und nimmt sie auf die leichte Schulter. Jeder, der einigermassen bekannt sei in Polen, bekomme Derartiges, sagt er. Für einen Schriftsteller hat er seltsame Hobbys: Neben dem Boxen faszinieren ihn auch Waffen und schnelle Autos. Er verkehrt nicht in Intellektuellenzirkeln, sondern lebt nach wie vor in Pilchowice, einem Dorf in jener Region, die früher Schlesien war.

Was es heisst, Schlesier zu sein

Und die auch jetzt Schlesien heissen sollte, findet Szczepan Twardoch, der sich nicht als Pole, sondern als Schlesier definiert – wie 300'000 Landsleute. Nach einer Gerichtsentscheidung, die einem Verein verbot, in seinem Namen die «schlesische Nation» zu führen, postete Twardoch auf Facebook: «Fuck you, Poland.» Selbstverständlich mit anschliessendem Shitstorm – und einem Gerichtsverfahren wegen Beleidigung Polens.

Was es denn heisse, Schlesier zu sein, frage ich. «Eigentlich nichts», grinst er, kommt dann aber auf die Sprache, das Schlesische oder «Wasserpolnische», eine eigene Sprache zwischen Polnisch und Tschechisch mit deutschen Einsprengseln. Er selbst spricht sie noch mit seinem 98-jährigen Grossvater. Seit vier Jahrhunderten lebt seine Familie in derselben Gegend und hat so oft den Landesherrn gewechselt, dass entweder die Identität verloren geht oder – wie bei Twardoch – sich erst recht Eigensinn ausbildet.

Und ein kritischer Blick auf nationale Mythen und Tabus. Wer über Polens Vergangenheit schreibt – schon «Morphin», das 2014 auf Deutsch erschien, spielte in den späten Dreissigerjahren – bekommt es mit der Vergangenheitspolitik der PIS-Regierung zu tun, nach der die anderen immer die Bösen und die eigenen immer die Helden und Opfer waren. Ein brandneues Gesetz verbietet es sogar, von polnischer Mitverantwortung für den Holocaust zu sprechen.

Absurd, findet Twardoch. «Die polnische Führung verhält sich wie ein sechsjähriges Kind», sagt er, und mit kleinen Kindern sei schwer zu diskutieren. Dabei sind die Fakten seit langem bekannt, historisch aufgearbeitet und auch vielfach literarisch gestaltet (man denke nur an Andrzej Szczypiorskis «Schöne Frau Seidenman» aus dem Jahr 1986). Twardoch fasst den Erkenntnisstand so zusammen: «Es gab Polen, die Juden geholfen haben. Es gab Polen, die froh waren, dass die Deutschen sie von den Juden befreiten. Und es gab Polen, die aktiv beim Holocaust mitgewirkt haben.» ­Warum jetzt dieser «Backlash», die Rückkehr zu ahistorischer Schwarzweissmalerei?

Mit der verordneten Geschichtsklitterung bringe Polen seine letzten Freunde gegen sich auf, sagt Twardoch.

Da hat auch der eloquente Autor keine schnelle Antwort parat. Wahrscheinlich müsse man diesen Backlash im Zusammenhang mit dem gezielt kultivierten Nationalismus sehen, der wiederum der Versuch einer Klammer sei, um ein divergierendes Land zusammenzuhalten. Denn der Aufschwung, den der Eintritt in die Europäische Union dem Land tatsächlich gebracht habe, sei an vielen Polen vorbeigegangen.

Dumm sei das geschichtslenkende und -klitternde Gesetz auch, weil es ­Israel gegen Polen aufbringe – und damit dessen engste Verbündete, die USA. «Polen tut alles, um es sich mit seinen letzten Freunden zu verderben», meint Twardoch. Er kann sich aufregen – warum schreibt er nicht darüber? Die Gegenwart sei ihm zu nah, zu chaotisch, zu undurchschaubar für Literatur; er habe es versucht, aber «es tönte immer falsch». Umso besser gelingt es ihm, Töne, Milieu und Stimmung jener Zeit zu vergegenwärtigen, über der schon der Schatten von Weltkrieg und Holocaust liegt – was jeder Leser weiss und mitdenkt und der Lektüre eine zweite, unheimliche Dimension verleiht.

Im Auge des Pottwals

Für die handelnden Personen ist die Geschichte noch offen: Wo der Boxer Shapiro noch unbedacht in den Tag hinein lebt, bereiten andere Juden die Emigration vor, planen Rechtsradikale einen Staatsstreich, der auch die Vertreibung oder Ghettoisierung des «jüdischen Elements» vorsah. Haben also die Deutschen letztlich auf furchtbare Weise vollendet, was polnische Faschisten sowieso vorhatten? Twardoch kann diese provozierende Leseart verstehen. Historisch betrachtet, sei sie aber falsch: Der polnische Antisemitismus war zwar stark ausgeprägt, aber nicht rassisch motiviert, und er war nicht auf Vernichtung aus.

Sein Roman betreibt weder historische Aufklärung für Ignoranten, noch will er Lehren für die Gegenwart ziehen. Es ist grossartige Literatur, ein Fest der Sprache, ein Tanz auf dem Vulkan, ein raffiniertes Spiel mit der Erzählperspektive, eine Galerie farbiger, stark konturierter Figuren. Ein Schuss Kolportage ist auch dabei. Und ein ganz besonderer Protagonist: ein Pottwal, der über der Stadt schwebt und sein müdes Auge auf die Todgeweihten richtet. Das zum Symbol verdichtete Verhängnis. Szczepan Twardoch ist erst 38 und schon ein grosser europäischer Erzähler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 17:49 Uhr

Szczepan Twardoch: Der Boxer. Roman. Aus dem Polnischen von Olaf Kühl. Rowohlt, Berlin 2018. 464 S., ca. 29 Fr.

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