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Der Mörder ist immer der Autor

Schreibtischtäter unter sich: Reinhard Kleist widmet dem Musiker Nick Cave, der bald seinen 60. Geburtstag feiert, eine etwas andere Biografie, die virtuos mit Fakten und Fiktionen spielt.

Tac, tac, tac, krschl: Nick Cave rückt seinen Figuren an der Schreibmaschine zu Leibe.
Tac, tac, tac, krschl: Nick Cave rückt seinen Figuren an der Schreibmaschine zu Leibe.
zvg

Auffallen. Anderssein. Schocken. Darum geht es Nick Cave schon in frühen Jahren. Bloss nicht von Mittelmass und Spiessigkeit umarmt werden. Seine Identität als Künstler baut auf die heldenhafte Pose des Rebellen. Beinahe manisch arbeitet Cave an seinen Geschichten als Reflexion seiner eigenen Geschichte. «Wenn ich schreibe, bin ich wie Gott, Herr über eine eigene Welt», erklärt der auf dem Fussboden hockende Sonderling, um ihn herum das totale Chaos, und fährt fort: «Wenn ich aufhöre, ist da nur noch dreckige Realität.»

Deshalb ist der Musiker und Schriftsteller Nicholas Edward Cave, vor 60 Jahren, am 22. September 1957, in einem schwer aussprechbaren australischen Kaff geboren, in Reinhard Kleists Comicbiografie sehr oft an seiner Schreibmaschine zu sehen. «Tac, tac, tac», hallt es durch die Seiten, wenn Cave wieder an seinen Texten für Songs oder Romane tippt. In dieser düsteren, morbiden, abgründigen Sphäre ist er der allmächtige Schöpfer, der seinem erschaffenen Personal übel mitspielt, den Daumen hebt oder, wie meistens, unheilvoll senkt.

Daran hat sich sein in Berlin ­lebender Comicbiograf nun er­innert und ihn schnurstracks in dessen eigene blühende Fantasie aus Mord und Totschlag, Liebe und Hass, Schuld und Sühne hin­eingezogen. Von einer typischen Biografie, die die Lebensdaten referiert und illustriert, kann deshalb auch nicht die Rede sein, Kleist konfrontiert den Künstler mit seinem Werk, lässt ihn darein tief ein- und abtauchen, sodass die faktische und die fiktionale Ebene verschwimmen.

Figuren aus Cave-Songs

Sein mehr als 300 Seiten langer biografischer Comicroman gliedert sich in fünf Kapitel, die alle mit einem Titel aus Nick Caves Werk überschrieben sind. Und das natürlich nicht grundlos, denn sie alle dürfen ihre Rolle spielen, die todgeweihten Hauptfiguren aus Caves Welten. Der junge Ausreisser aus «The Hammer Song», der alte Knacki aus «The Mercy Seat», die schöne Elisa Day aus «Where the Wild Roses Grow» oder der stumme Euchrid Eucrow aus dem Roman «And the Ass Saw the Angel» («Und die Eselin sah den Engel»). Sie er­zählen von sich und ihrem Ur­heber, dem «Schreibtischtäter».

Im Kapitel «The Mercy Seat» ist so der vom Song bekannte Gefangene auf seinem Weg zum elektrischen Stuhl zu beobachten, flankiert von Textzeilen, und plötzlich taucht Nick Cave auf, in einem Studio in London, ge­rade bei der Aufnahme eben dieses Songs, und er schreit An­weisungen in die Runde, ein egomanes Ekel, das nur in seiner ­Musik lebt. Sein Todeskandidat bittet um Gnade und weist darauf hin, dass er nichts dafür könne, was ihm angedichtet wurde, denn das habe mehr mit seinem Er­finder als mit ihm zu tun. Doch kein Erbarmen: Am Ende wird Cave in der Uniform des Vollzugsbeamten zur Tat schreiten und den entscheidenden Hebel umlegen. Der Mörder ist, wie in anderen Fällen im Band auch, eindeutig der Autor.

Schlichtweg fulminant

Im letzten Kapitel «Higgs Boson Blues» stellen ihn die vorher ­aufgetretenen Hauptfiguren schliesslich zur Rede. Ein Disput auf Augenhöhe, Vorwürfe auf der einen, Rechtfertigungen wie «Meine Schöpfung ist ein Spiegel meiner eigenen Welt, sie wird genährt durch meine Erfahrungen, mein Leben» auf der anderen ­Seite. Der gerechten Rache für ihr schrecklich ausgedachtes Stellvertreterleben nimmt sich dann Reinhard Kleist an: Der mächtige Schöpfer Cave wird selbst zur machtlosen Figur, gefangen in einem eigenen Song.

Dem aussergewöhnlichen Ansatz stehen die aussergewöhnlich gestalteten Seiten in nichts nach. Die sperrigen schwarzweissen Zeichnungen aus präzisen Linien und scharfen Kanten, kompakten Schraffuren und dunklen Flächen brechen die Seitenstruktur immer wieder rigoros auf für intensive, explosive, bisweilen apokalyptisch anmutende Szenerien aus dem schicksalhaften Dasein der durch Caves Texte geisternden Kreaturen und erinnern in ihrem Stil mitunter an expressionistische Radierungen.

Wie Reinhard Kleist, für bis­herige Bände wie «Cash», «Cas­tro», «Der Boxer» oder «Der Traum von Olympia» zu Recht mit Lob und Preisen überhäuft, das Leben und Werk von Nick ­Cave verarbeitet, ist schlichtweg fulminant. Reinhard Kleist:«Nick Cave – Mercy On Me», 328 Seiten, Carlsen-Verlag.

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