Dichtersohn in ewiger Stadt

Zwei Monate war er mit Stipendium in Rom, und schon ist ein Buch daraus geworden: Simon Strauss auf Sinnsuche.

«In Rom sein und hoffen, dass es jemand merkt»: Simon Strauss in antiker Umgebung. Foto: Musacchio, Ianiello (Pasqualini)

«In Rom sein und hoffen, dass es jemand merkt»: Simon Strauss in antiker Umgebung. Foto: Musacchio, Ianiello (Pasqualini)

Simon Strauss hat ein Romstipendium ergattert, zwei Sommermonate in einem Zimmer, das die Casa di Goethe zur Verfügung stellt. Im «Flieger» war die Klimaanlage ausgefallen, aber was heisst das schon, sagt der Autor, wenn man an die Beschwerlichkeit früherer Pilgerreisen denkt? «Romfahrer denken an Romfahrer», vor allem, wenn sie Schriftsteller sind und Grosses vorhaben in der Ewigen Stadt. Simon Strauss ist Theaterredaktor der FAZ, sein erster Roman «Sieben Nächte» hat Furore gemacht, was auch damit zu tun haben kann, dass er der Sohn des berühmten Autors Botho Strauss ist.

Ganz anders als etwa Rolf Dieter Brinkmann, der seinerzeit in der Villa Massimo vor Sehnsucht nach Grünkohl mit Pinkel fast verging, ist Simon Strauss entschlossen, seine römischen Tage mit Bedeutung aufzuladen. Ziel des Aufenthalts: «In Rom sein und hoffen, dass es jemand merkt. Sich vorstellen, dass der Aufenthalt wichtig wird.»

Damit der Aufenthalt wichtig wird, ist es gut, ein paar wichtige Leute zu kennen oder wenigstens zu ihnen vorgelassen zu werden. Mit grosser Selbstverständlichkeit trifft Strauss Kardinäle und Generäle und auch einen deutschen Professor, der als «der berühmteste Romhistoriker» vorgestellt wird.

Die «Pflicht zur Entscheidung»

So weit, so gut bildungsbürgerlich. Aber Strauss’ Ambitionen reichen weiter. Rom soll der Ort einer Befreiung und Genesung werden, Befreiung aus trüben Gedanken zur deutschen Gegenwart, und Genesung vielleicht von den unklaren Herzbeschwerden, die den noch jungen Mann seit einiger Zeit plagen.

Also streunt der Rombesucher durch die Stadt, stets auf der Suche nach dem Abenteuer. Dabei gelingen Strauss manche Alltagsskizzen, die einen in ihrer hintergründigen Leichtigkeit an «Paare, Passanten» denken lassen, das berühmteste Prosabuch seines Vaters. Ein Messerwerfer etwa bietet jedem, der sich bereitfindet, als Zielscheibe zu fungieren, 100 Euro an. Strauss willigt ein: «Ich dachte an meine innere Pflicht zur Entscheidung.» Als man ihm die Augen verbindet, versagen ihm die Knie.

«Die innere Pflicht zur Entscheidung», es sind wohl solche Formulierungen, die auch Strauss’ zweitem Buch den Verdacht eintragen werden, der Autor stehe irgendwie rechts. Als wolle er solche Vorwürfe vorab entkräften, begibt sich Strauss einmal auch in ein römisches Flüchtlingslager.

Das Ringen um Bedeutung

Interessanter als solche und andere Beobachtungen am empirischen Rom ist aber das innere Ringen des Autors um Bedeutung. Der Aufenthalt soll ja «wichtig» werden, aber wie kriegt man das hin? Die Welt soll romantisiert werden, aber Rom kann dem Sehnsüchtigen durchaus die kalte Schulter zeigen. Die Romanze mit der «Frau mit dem Leberfleck» kommt nicht recht voran, das Herz macht weiter Probleme, die Stadt schwitzt bei 45 Grad, die Römer sind weg und nur die Touristen da.

Dafür schwärmt Strauss von Novalis und seinem «Fühlvertrauen». Noch lieber als ein neuer Novalis wäre Simon Strauss allerdings wohl der nächste Friedrich Schlegel. Erst die romantische Ironie erfinden, dann mit anderen jungen Leuten eine Zeitschrift machen, die «Europa» heisst und natürlich schnell eingeht, später vielleicht katholisch werden, weil es die «Angst vor dem Transzendenzverra» gebietet: so kann man als Intellektueller «wichtig» werden.

Dass Simon Strauss gut zweihundert Jahre später an solche Ideen anknüpft, mag man für vermessen oder vielleicht sogar für «rechts» halten. Dennoch oder gerade deshalb hat Strauss immerhin sein Projektziel erreicht. Er war in Rom, und wir haben es gemerkt.

Simon Strauss: Römische Tage. Tropen, Berlin 2019. 142 S., ca. 28 Fr.

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