Die ganze Welt auf einer Scheibe

Terry Pratchett, der Meister der anarchisch-humoristischen Fantasy, ist tot. Lange vor «Harry Potter» und der Fantasywelle spielte er mit mythologischen Traditionen.

Die Scheibenwelt war seine erfolgreichste Erfindung: Der britische Autor Terry Pratchett. (15. Juni 2012)

Die Scheibenwelt war seine erfolgreichste Erfindung: Der britische Autor Terry Pratchett. (15. Juni 2012)

(Bild: Keystone Alessandro Della Bella)

Der britische Fantasy-Autor Terry Pratchett gehörte zu den ganz Grossen seines Genres. Er spielte seit den 1970er-Jahren vergnügt mit allen nur denkbaren fantastischen und mythologischen Traditionen – lange vor J. K. Rowlings «Harry Potter» und der sogenannten Fantasywelle und lange bevor George R. R. Martin, Neil Gaiman und Patrick Rothfuss mit ihren grenzüberschreitenden, literarisch anspruchsvollen Romanen weit über die Fantasy-Gemeinde hinaus Welterfolge zu feiern begannen.

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Sein postmodern-verspielter Umgang mit dem Genre, das man auch heute noch gern mit auserwählten Helden und epischen Schlachten verbindet, trug ihm eine hingebungsvolle Fangemeinde ein – und den Ritterschlag durch Königin Elizabeth; seit 2008 durfte er sich Sir Terry nennen. Seine Scheibenwelt-Romane wurden in 37 Sprachen übersetzt und rund 60 Millionen Mal verkauft.

Das klassische Personal der Tolkien-Tradition

Diese Scheibenwelt, der Schauplatz von nicht weniger als 40 Romanen und Pratchetts erfolgreichste Erfindung, ist eine wilde Mischung aus Fantasy-, Märchen-, und Science-Fiction-Versatzstücken. Und viel mehr als das: Sir Terry gelang es, schlicht und einfach alles in seine fantastische Parallelwelt zu packen, was die menschliche Fantasie sich jemals ausgedacht hat. Auch vor der Realität machte er nicht halt: Konflikte aus Politik und Wirtschaft liess er, zur Kenntlichkeit verzerrt, besonders gern einfliessen.

Das klassische Personal der Tolkien-Tradition – Zauberer, Zwerge, Goblins und Orks – koexistiert in der Scheibenwelt mit historischen Figuren, vom alten Ägypten bis in die Gegenwart. Die Basis dieses überbordenden literarischen Kosmos ist von der indischen Mythologie inspiriert: Die Scheibenwelt ist flach und wird von vier Elefanten getragen, die ihrerseits auf dem Rücken einer Sternschildkröte stehen. Ganz in der Tradition der westlichen Literatur steht dagegen die Art, wie das Netz, das Pratchetts Romane untereinander und mit der ganzen Weltliteratur verbindet, in den Büchern selbst zum Thema wird: Eine der schönsten Figuren ist der Bibliothekar der Unsichtbaren Universität. Eines Tages wird er in einen Orang-Utan verwandelt, was seine Sprachfähigkeit zwar auf «Ugh» reduziert, ihn aber nicht daran hindert, den Überblick über sämtliche Bücher, die jemals geschrieben wurden, zu behalten – denn er beherrscht den sogenannten «L Space», der alle Bibliotheken durch Raum und Zeit miteinander verbindet.

Doch was Pratchetts Werk am allermeisten auszeichnet, ist sein anarchisch-unbekümmerter Humor – denn die Lust daran, den Dingen ihre bizarrste Seite abzugewinnen, überträgt sich mit Macht auf die Leser, sofern sie ein Flair für irrwitzige Weltentwürfe haben.

Ende 2007 trat Pratchett mit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, dass er an einer seltenen Form von Alzheimer erkrankt sei. Er engagierte sich in den letzten Jahren seines Lebens für die Erforschung der Krankheit und setzte sich für die Legalisierung der Sterbehilfe in Grossbritannien ein. Terry Pratchett starb am Donnerstag im Alter von 66 Jahren in seinem Haus in Wiltshire.

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