Die grosse Kunst des Agentenhandwerks

Krimi der Woche: Alte Spione, die sich jagen, Terror und Oligarchen – all das verpackt Mick Herron in «Dead Lions». Der Roman ist gespickt mit brillanten Dialogen.

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Für seine Krimiserien erhielt Herron mehrfach Preise. Foto: Alberto Venzago (Diogenes)

Der erste Satz
In Swindon war eine Sicherung durchgebrannt und hatte das gesamte Gleisnetz im Südwesten lahmgelegt.

Das Buch
Ein heruntergekommener alter Mann sitzt tot in einem Bus an der Endstation. Herzversagen offenbar. Doch bei Jackson Lamb läuten die Alarmglocken. Denn der Mann war früher Agent des britischen Geheimdienstes MI5. Sein Tod muss einen Grund haben. Denn: «Man konnte die Seiten wechseln, seine Geheimnisse verkaufen, seine Erinnerungen an den Höchstbietenden verschachern, aber einmal Agent, immer Agent; alles andere war nur Tarnung.»

Lamb ist der Chef der «Slow Horses», die uns der britische Autor Mick Herron vor einem Jahr mit dem so betitelten Roman erstmals auf Deutsch vorstellte. Diese lahmen Gäule sind Agenten, die «im Park», dem MI5-Sitz am Regent’s Park, in Ungnade gefallen sind – weil sie eine Operation versiebt haben oder weil sie zu viel trinken zum Beispiel – und nun im «Slough House» mit vorwiegend sinnlosen Arbeiten beschäftigt werden.

Doch Jackson Lamb ist ein alter Hase, der mit abenteuerlichen Alleingängen gern die etablierten Kollegen düpiert. So auch in «Dead Lions», dem zweiten Band der in Grossbritannien sehr erfolgreichen Romanserie. Der Tote im Bus wurde tatsächlich umgebracht, offenbar von einem russischen Agenten. Dass jemand dieser Spur nachgehen würde, war auch die Idee der Täter, und vor allem, dass aus der sorgfältig gelegten Spur am Ende jemand beim Geheimdienst falsche Schlüsse ziehen würde.

Herrons Betrachtungen sind meistens ziemlich witzig.

Täuschungen aller Art, die grosse Kunst des Agentenhandwerks, ziehen sich denn auch durch die ganze Geschichte, in der es unter anderem um einen angeblichen russischen Oligarchen, eine grosse Zelle von «Schläfern» aus der Sowjetzeit in einem englischen Provinzkaff und um einen 9/11-artigen Terrorangriff auf das Londoner Hochhaus «The Needle» geht. Dass es dabei in der City ziemlich drunter und drüber geht, liegt auch daran, dass alle auf ihrem Wissen hocken, ganz nach der Agentenmaxime: «Finde alles raus, was du kannst, gib aber nichts preis.»

Herrons höchst unterhaltsame, aber auch ganz schön hintergründigen Romane leben von komischen Situationen und brillanten Dialogen. Manche seiner Betrachtungen mögen zwar etwas langatmig sein, sie sind aber nie langweilig und meistens ziemlich witzig. Etwa, wenn er die Stellvertreterin der MI5-Chefin deren Reaktion auf die Ausgabensperre beim Geheimdienst erklären lässt: «Sie will nicht, dass überhaupt irgendetwas passiert, ob gut oder schlecht. Bring ihr den Kopf des nächsten Bin Laden auf dem Silbertablett, und sie würde sich Sorgen machen, woher das Tablett käme und dass es jemand als Spesen absetzen wollte.»

Die Wertung

Der Autor
Mick Herron, geboren 1963 in Newcastle-upon-Tyne, studierte Englische Literatur in Oxford. Sein erster Roman war 2003 der erste Band einer Reihe um die Privatdetektivin Zoë Boehm in Oxford, von der bis 2009 vier Bände erschienen. 2010 startete er mit «Slow Horses» die Slough-House bzw. Jackson-Lamb-Serie, in der in diesem Jahr bereits der sechste Roman, «Joe Country», erschienen ist. Die Serie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Herron veröffentlichte zudem drei Romane ausserhalb seiner Serien. Nach «Slow Horses» (2018) ist «Dead Lions» sein zweites Buch, das auf Deutsch erscheint. Mick Herron lebt in Oxford.


Mick Herron: «Dead Lions» (Original: «Dead Lions», Soho Crime, New York 2013). Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes, Zürich 2019. 478 S., ca. 32 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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