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Die Schlummermutter der Lower East Side

1961 zog die Bernerin Linda Geiser nach New York. 36 Jahre lang bot sie Schweizer Kulturstipendiaten eine Bleibe in Manhattan. Zwei von ihnen erinnern sich an die Zeit dort und stellen am Dienstagabend ihr Buch vor.

Willkommenskultur: Schauspielerin Linda Geiser an einem Benefizanlass im Swiss Institute in New York, das sie mitbegründet hat. Foto: Esther Michel
Willkommenskultur: Schauspielerin Linda Geiser an einem Benefizanlass im Swiss Institute in New York, das sie mitbegründet hat. Foto: Esther Michel

«Geisch zur Linda?», wurden eine hiesige Malerin oder ein Musiker sogleich gefragt, wenn sie ankündigten, für ein halbes Jahr nach New York zu ziehen. Die heute 83-jährige Berner Schauspielerin Linda Geiser hat ihnen ihr Haus in Manhattan ­geöffnet – und ihr Herz. Doch wie ist sie zu diesem «Red House» an schicker Adresse ­gekommen?

Auf Linda Geisers frühe Er­folge im Berner Atelier-Theater folgten Engagements in Hamburg und Berlin. 1961 zog sie zu einem Liebsten nach New York, wo sie auch nach dem Ende der Beziehung blieb und sich durchschlug: Sie spielte On- und Off-Broadway, auf Tourneen und in Sidney Lumets Film «The Pawnbroker». Daneben malte sie und produzierte Schmuck, Spiegelrahmen, Schutzengel oder Patchwork-Kleider. Und sie fand eine billige Wohnung in einem rot ­gestrichenen Reihenhaus an der 5. Strasse der Lower East Side – damals noch ein ärmliches Einwandererquartier.

Sie schaute so gut zu dem ­reparaturbedürftigen vierstöckigen Gebäude, dass es ihr die ­betagten Besitzer 1977 günstig verkauften. «Als Landlady hatte ich es nicht leicht», erinnert sich Geiser: «Die strengen Mieterschutzgesetze benachteiligen die Eigentümer, und immer ging ­etwas kaputt.»

Vieles konnte John Durgin reparieren, der Barman im Erdgeschoss, der Linda Geisers Lebensgefährte wurde. Er kümmerte sich um Linda Geisers «Red House», als Franz Schnyder die Schauspielerin in die Schweiz holte für seine Gotthelf-Verfilmungen oder den Antikriegsfilm «Der 10. Mai». Bekannt wurde sie auch als Mutter der Kummerbuben oder als Madame Blanc in der populären Schweizer Fernsehserie «Lüthi und Blanc».

Aber die Bernerin, die immer noch astreine Mundart spricht, blieb auf dem Boden: «Eine Karriere kann man das nicht wirklich nennen, ich habe einfach so herumgespielt. Aber es war lustig.»

Zwischen den Kontinenten

Bescheiden ist sie auch in Bezug auf ihre Verdienste um das Swiss Institute in New York, das sie mitbegründet hat. Herausragend unter ihren vielen Talenten ist das für die Freundschaft – sei es mit dem Kulturattaché oder den Polizisten vom benachbarten Posten, mit Künstlerinnen und Künstlern ihres Alters oder mit jüngeren Generationen. «Linda ist einer der ehrlichsten und direktesten Menschen, die ich kenne», sagt etwa der Berner Rapper Greis.

Von Linda Geisers dichtem Beziehungsnetz profitierten auch die 250 Schweizer Kunstschaffenden aller Sparten, die sie 36 Jahre lang in ihrem New Yorker Haus betreute. «Manche waren sensible Seelen, andere stillten ihren grossen Lebenshunger», sagt sie dazu. «Aber mit allen ging es gut.»

Die Journalistin und ehemalige Stipendiatin Gabriela Kaegi erinnert sich: «Linda spürte, dass ich die Stadt selber entdecken wollte, und verschonte mich mit Ratschlägen. Aber seit ich wieder zu Hause bin, meldet sie sich regelmässig – obwohl sie doch Gott und die Welt kennt.»

Begabte Netzwerkerin

1980 hatte Linda zusammen mit der Malerin Elsbeth Böniger und der Stadtschreiberin Elsbeth Schaad die Idee ausgeheckt, in ihrem Haus Kunstschaffende zu beherbergen. Ab 1982 mieteten Stadt und Kanton Bern gemeinsam eine Wohnung, die sie halbjährig teilten, ebenso ab 1989 das Atelier im Erdgeschoss. 1996 kam der Verbund der Westschweizer Kantone dazu, 2005 die Stadt Zürich.

Die Wohnung war gewöhnungsbedürftig: hintereinandergestaffelte kleine Zimmer, improvisiert eingerichtet, mit einer freistehenden Badewanne in der Küche. Auch wenn später viel renoviert und ausgebaut wurde, die Atmosphäre von Künstlerboheme blieb – und viele erinnern sich nostalgisch an die abendlichen Gesprächsrunden in Lindas Hinterhof.

Nun ist all das Geschichte, Linda Geiser hat das Haus verkauft, samt dem vollgestopften Keller geräumt und ist mit John Durgin in die nahe 11. Strasse gezügelt. Doch sie sagt: «Mit vielen, die vorübergehend bei mir wohnten, verbindet mich eine lebenslange Freundschaft. Ich muss hundertzehn Jahre alt werden, damit die Zeit für alle reicht!» Nicht zuletzt deshalb plant sie, ihre regelmässigen Besuche in der alten Heimat auszudehnen.

Wie geht es weiter?

Zwanzig bis fünfzig Bewerbungen gab es jeweils für das Berner New-York-Stipendium, und es ist noch immer sehr gefragt. Aber so günstige Mieten wie bei Linda findet man in Manhattan längst nicht mehr. Stadt und Kanton haben deshalb im trendigen, aber erschwinglicheren Brooklyn einen neuen Ort für ihre grössten Stipendien gefunden – allerdings der gestiegenen Kosten wegen nur für jeweils fünf Monate.

Die Künstlerorganisation «Residency Unlimited» vermittelt den Begünstigten individuell Wohngelegenheit und Atelierplatz, stellt einen multifunktionalen Raum in einer umge-nutzten Kirche zur Verfügung und hilft Kontakte knüpfen.

Der Schriftsteller Heinz Stalder, ebenfalls ein ehemaliger Stipendiat im «Red House», möchte dieses am liebsten verpacken und erhalten. Weil das nicht möglich ist, hat er wenigstens seine intensiven Erinnerungen aufgeschrieben. Und die Journalistin Gabriela Kaegi protokollierte ihre langen Gespräche mit Linda, die freimütig über ihr Leben berichtete. Zusammen mit vielen Fotos fügt sich das zum lebendigen Dokument einer Epoche und einer Persönlichkeit.

Gabriela Kaegi/Heinz Stalder: Auftritt Linda Geiser. Zytglogge-Verlag, 392 Seiten. Vernissage: 23.4., 20 Uhr bei Orell Füssli im Loeb. Lesung: 24.4., 20 Uhr in der Heitere Fahne Wabern.

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