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Die Welt aus Sicht der Kröte

Seit fünf Jahren feiert die Buchreihe «Naturkunden» überraschende Erfolge. Der neue Band widmet sich einer Spezies, die im Ansehen der Menschen unverdient hinter den Eseln und Krähen rangiert.

Kröten sind faszinierende Tiere, wurden jedoch lange als Teufelswerk stigmatisiert. Bild: Arno Balzarini (Keystone)
Kröten sind faszinierende Tiere, wurden jedoch lange als Teufelswerk stigmatisiert. Bild: Arno Balzarini (Keystone)

Vor fünf Jahren begannen der Verleger Andreas Rötzer und die Autorin Judith Schalansky eine Lücke zu schliessen. Sie gründeten im Berliner Verlag Matthes & Seitz die «Naturkunden»,. Seither veröffentlichen sie Bücher eines Genres, das im angloamerikanischen Raum über eine jahrhundertelange Tradition verfügt. Nature-Writing nennt sich dies auf Englisch, und «Naturkunden» ist keine schlechte deutsche Entsprechung.

Es handelt sich um Bücher, die auf essayistische bis poetische, vor allem aber nicht akademische Weise die Natur und unser Verhältnis zu ihr erkunden, Tiere und Pflanzen, Landschaften und damit verbundene Denk- und Vorstellungswelten.

So erschien in den «Naturkunden» nach fast einem halben Jahrhundert beispielsweise ein Klassiker des Nature-Writings, der zugleich auch einen Klassiker der englischen Literatur darstellt: J. A. Bakers «Der Wanderfalke» von 1967. Es erschienen ausserdem verwandte Werke wie Nan Sheppards «Der lebende Berg» oder Annie Dillards «Pilger am Tinker Creek», und es wurden wunderbare Bildbände über Äpfel, Birnen oder Pilze publiziert.

Daneben entwickelten Schalansky und Rötzer eine eigene, von deutschen Autoren getragene Porträtreihe; über einzelne Tier- und Pflanzenarten. Schon die ersten Bände, Cord Riechelmanns «Krähen» und «Esel» von Jutta Person, waren für einen Verlag wie Matthes & Seitz ein relativ grosser Erfolg. Die Reihe hatte einen Nerv getroffen. In einer zusehends urbanisierten Welt, in der das Land den Bedürfnissen der Agrarindustrie entsprechend weitgehend entnaturalisiert ist, erscheint vielen Menschen das Grün, erscheint ihnen selbst das abseitigste Getier immer wertvoller.

Wer ganz unten ist,hat wenig Freunde

Und so greift man gerne zu den edel gestalteten und doch nicht sonderlich teuren Bänden der «Naturkunden», so auch zum jüngsten Produkt der Reihe, Beatrix Langners «Kröten».

Kröten rangieren im Ansehen sicher noch hinter Eseln und Krähen. «Die Welt aus den Augen der Kröte zu sehen», schreibt Langner, «heisst, ganz unten zu sein. Und wer ganz unten ist, hat eben wenig Freunde.» Keine andere Tierfamilie als die der Frösche und Kröten, der Unken und Krötenfrösche sei grausamer zugerichtet worden: «Von Naturforschern aufs Streckbrett genagelt und mit Stromstössen traktiert, von Ärzten als kühlende Pflaster auf Brust und Bauch ihrer Patientinnen gebunden, als lebendes Zellmaterial für Schwangerschaftstests missbraucht, mit ausgestochenen Augen und ausgerissenen Schenkeln gedörrt und lebendigen Leibes ausgeweidet, zieht ihre Leidensprozession durch die Jahrhunderte.»

Bis weit ins Mittelalter hinein gehörten sie einer feuchten und schleimigen, aber nichtsdestotrotz teuflischen Unterwelt an. Für Hildegard von Bingen war die Kröte ein stinkender, böser Heide. Und so warf man Ungläubigen auch vor, bei schwarzen Messen Anus und Maul von Kröten zu küssen.

Anschauliches, stilistisch brillantes Porträt

Dabei ist die Kröte ein äusserst faszinierendes und vielgestaltiges Tier. Das zeigt Langner in ihrem stilistisch brillanten Porträt anschaulich. Das zeigen auch die zahlreichen farbigen Abbildungen von Hieronymus Bosch über Maria Sibylla Merian bis zu den eigens für das Buch angefertigten Zeichnungen Falk Nordmanns.

Der neuseeländische Urfrosch etwa gehört zu den ältesten Bewohnern der Erde. Der nur acht Millimeter grosse Engmaulfrosch ist das kleinste Wirbeltier. Es gibt Baumfrösche, die Höhlen bauen und ihre Schwimmhäute als Gleitschirme benutzen, um von Ast zu Ast zu fliegen. Manche Froschlurche springen völlig fertig aus dem Ei, andere wachsen im Maul ihres Vaters heran. Der Krallenfrosch dagegen frisst den Grossteil seiner Kinder gleich wieder auf.

Die Gesänge der Kröten sind von mitunter meditativer Qualität. Doch sind sie, die früher die Brunnen und Keller, Dorfteiche und Viehtränken bewohnten, aus unserem Alltag längst verschwunden. Nach der Lektüre dieses Buchs möchte man am liebsten Busse tun und an Krötenwanderwegen Spalier stehen, um die wenigen Verbliebenen sicher über die Strasse zu geleiten.

Beatrix Langner: Kröten. Ein Porträt. Matthes & Seitz, Berlin 2018. 146 S., ca. 27 Fr.

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