Die wütende Geliebte

Zwanzig Jahre nach ihrem Welterfolg «Der Gott der kleinen Dinge» legt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihren zweiten Roman «Das Ministerium des äussersten Glücks» vor.

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Sie ist wahrscheinlich nicht mal 1,70 Meter gross und wirkt auf Bildern so fragil, als müsste man sie mit Samthandschuhen anfassen. Doch der Eindruck täuscht. Denn Arundhati Roy, die mit ihrem 1997 erschienenen Debütroman «Der Gott der kleinen Dinge» die indische Gegenwartsliteratur im Handstreich auf eine neue Stufe hob, ist eine, die einstecken kann. Eine Kämpferin, die selbst ihre scheinbar haushoch überlegenen Gegner mit ihrer scharfen Zunge das Fürchten lehren kann.

In ihrem Roman, der sie weltberühmt und reich machte und ihr den renommierten Booker Prize eintrug, rieb sie sich an dem Land, aus dem sie kommt und das sie liebt. Und agierte wie eine von ihrem Angebeteten enttäuschte Geliebte. Sie kritisierte das herrschende Kastensystem, legte sich mit dessen politischen Führern an – und wurde so zur Stimme all derer, die man «die grosse Masse» nennt, zur selbst ernannten Anwältin der Unterdrückten, Ignorierten, Nichtgehörten. Doch sie vertrat deren Mandat nicht aus Selbstüberschätzung oder Grössenwahn, sondern weil sie ihr Land besser machen wollte und will – bis heute. Nicht wenige hassen sie dafür und nennen sie eine masslose «Übertreiberin».

Politische Schriften

«Meine Stimme hat Gewicht. Und mein Schweigen ebenso», bekannte sie kürzlich in einem Interview. Und sie redet viel in der Öffentlichkeit. Bezieht Stellung. Oft ungefragt. Schweigt an entscheidenden Stellen aber auch ebenso häufig. Sie lief Sturm gegen den geplanten Bau des Staudamms an der Narmada, gegen Indiens atomare Aufrüstung, den Hindu-Nationalismus in ihrem Land – oder den Irakkrieg. Nannte den Nationalheiligen Mahatma Gandhi einen «Bewahrer der Kasten» – und Osama Bin Laden das «Spiegelbild von George W. Bush».

Dabei wirkte sie oft verbissen, unbelehrbar. Und ihre Literatur, die sie überhaupt erst dorthin gebracht hat, wo sie seit inzwischen zwanzig Jahren thront, nämlich auf dem Herrscherinnensessel der indischen Gegenwartsliteratur, geriet darüber immer mehr in den Hintergrund.

Und endlich ein Roman

Arundhati Roy hörte nicht auf zu schreiben, natürlich nicht. Doch was sie schrieb, waren Polemiken, politische Essays, Pamphlete, in denen sie leidenschaftlich für ihre Anliegen – und die ihrer oft übergangenen Landsleute stritt. Das Resultat waren Bücher wie die Bände «Die Politik der Macht» von 2002 oder «Aus der Werkstatt der Demokratie» (2010), die ihr grossen Respekt und Bewunderung eintrugen.

Doch nun, nach langen Jahren des Streitens und der intellektuellen Abschweifung ist die inzwischen 56-Jährige zu ihren schriftstellerischen Wurzeln zurückgekehrt – und hat ihren zweiten, lang erwarteten Roman vorgelegt. Endlich. Er trägt den Titel «Das Ministerium des äussersten Glücks» – und ist ein typischer Roy. Bildersatt und so irrwitzig anekdotenprall, als bräche sich darin all das ungebremst Bahn, was sich in den zurückliegenden zwanzig Jahren literarisch in ihr aufgestaut hat.

Erzählt wie im Rausch

Roy, die sich als Drehbuchschreiberin verdingte und Aerobic-Kurse gab, ehe «Der Gott der kleinen Dinge» sie zu Asiens literarischer Göttin machte, schreibt ihr Buch wie im Rausch. Als wäre es unter Drogeneinfluss entstanden. Und auch diesmal stecken in all den Geschichten, die sie wie ein buntes Patchwork vor ihren Lesern ausbreitet, ebenso viel Liebe wie Wut. Und alle haben sie einen politischen Hintergrund.

Weitete sie in ihrem Erstling die Geschichte einer Familie zu einer Art Sozialgeschichte des damaligen Indiens, so liest sich «Das Ministerium des äussersten Glücks» wie dessen dunkler ­Zwilling. Und es finden sich darin viele jener typischen «Roy-Momente» wieder, für die man sie seinerzeit zu Recht pries: magisch-realistische Sequenzen, die kein anderer so schreibt.

Scharf am Kitsch vorbei

Trotzdem lässt einen die Lektüre des Buches ratlos zurück. Denn statt erzählerischer Strenge bietet es irgendwie von allem zu viel. Zu viel Unglück, zu viel Elendsromantik, zu viel grosses Weltgeschehen: 9/11. Transgender. Der Kashmir-Konflikt. Und so weiter. Vieles davon streift so, wie sie es erzählt, leider haarscharf am Kitsch vorbei.

Doch wenn sie ganz bei sich bleibt – und von der Weltlandkarte runterzoomt auf den umkämpften Alltag in den Strassen Neu-Delhis, dann gewinnen ihre Geschichten Magie und Grösse. So die anrührende Episode des namenlosen Alten, der seinen Hungerstreik als öffentliches Schauspiel vor laufenden Fernsehkameras zelebriert. Oder die vom im Abfall abgelegten Baby, dessen Geschichte sich wie ein Leitmotiv durch das Buch zieht. Dabei macht sie in allen ihren Geschichten stellvertretend fühlbar, was zahllose ihrer Landsleute umtreibt, nämlich das Gefühl, dass «die Unruhen in uns» stattfinden. Dass «der Krieg in uns» ist. In solchen Momente siegt die Literatin über die Polemikerin Roy.

Denn klar: Sie trifft ihn noch, den «Roy»-Ton, beherrscht ihn noch, den Zauber der literarischen Verführung. Trotzdem überwiegt am Ende die leise Enttäuschung darüber, dass weniger wahrscheinlich mehr gewesen wäre. Schade.

Arundhati Roy: «Das Ministerium des äussersten Glücks». Aus dem Englischen von Annette Grube. Verlag S. Fischer, Frankfurt, 560 Seiten (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 12:32 Uhr

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