Dieser Mann lässt Gehirne rauchen

Mit «Hass» bringt der schwedische Krimiautor Arne Dahl seine Thrillerserie zum fulminanten Abschluss.

Vor ein paar Jahren war der schwedische Schriftsteller Jan Arnald drauf und dran, sein Krimi-Ich sterben zu lassen, wie er kürzlich verriet. Nie mehr unter Pseudonym schreiben! Arne Dahl einfach in die Wüste schicken und wieder ernsthafte Literatur verfassen. Der 52-jährige Autor hatte da gerade seine standesgemäss auf zehn Fälle angelegte Thrillerserie um die legendäre A-Gruppe – eine Stockholmer Sondereinheit für Gewaltverbrechen – beendet und seinen Ruf als «Dante der Kriminalliteratur» gefestigt.

Der Vergleich mit dem Dichterfürsten des europäischen Mittelalters speist sich aus der Vorliebe beider, souverän und mit hohem ethischem Anspruch aus den Themen ihrer Zeit zu schöpfen (bei Dante: Trennung von Staat und Kirche, kriegerische Unruhen, Weltordnung; bei Dahl: Finanzkrise, Wohlfahrtsstaat, Globalisierung). So wie der Italiener einst seinem Leser einen Spiegel zur Selbsterkenntnis bieten wollte, so will auch der Schwede seine Mitmenschen zum Denken anregen: «Das Lesen meiner Bücher soll Spass machen, aber auch ein bisschen wehtun.» Läuterung als Markenzeichen – ja, das passt tatsächlich auf beide Meisterschreiber.

Notbremse gezogen

Mitten in der Krise zog Jan Arnald dann doch noch die Notbremse und erinnerte sich an seine Prä-Arne-Dahl-Zeit als Literaturkritiker und «akademischer Schriftsteller» von Essays und Gedichtbänden. «Da wurde mir klar: Ich liebe das Krimigenre zu sehr. Ich habe gar keine Geduld für langweilige Literatur. Arne Dahl durfte nicht sterben!» Und als hätte er etwas gutzumachen an seinem Pseudonym, legte er zackig mit einer neuen, vierteiligen Thrillerreihe los.

In der Europol-Serie steht wieder ein hoch spezialisiertes Ermittlungsteam im Fokus – die zehnköpfige Opcop-Gruppe, eine geheime operative Einheit der europäischen Polizeibehörde –, doch diesmal bewegen sich die Supercops im Kampf gegen das Böse auf internationalem Terrain. Jetzt geht es nicht mehr nur um das schwedische, sondern um das weltweite Verbrechen, die grassierende, sich globalisierende Gewalt. In «Gier», dem 2013 auf dem deutschen Buchmarkt erschienenen Auftakt des Krimiquartetts, gehen der Elitetruppe Finanzhaie einer Mafiaorganisation ins Netz. Im Folgeband «Zorn» thematisiert der Autor den Missbrauch der Genforschung, in «Neid» den politischen Lobbyismus und das verantwortungslose Geschäft mit der Energie. Nun bringt der letzte Roman der Tetralogie unter dem Titel «Hass» die aufgespannten Handlungsstränge zum fulminanten Abschluss.

Grandioser Kameraschwenk

Es ist der 2.Mai, die Sonne steht im Zenit, und der Himmel ist weit über die paradiesische Südseeinsel gespannt. Aber statt der zu erwartenden Hängematten und Sonnenschirme entdeckt man zwischen buschigen Pflanzen, Kokospalmen und Pandanusbäumen eine Entsalzungsanlage, Solarzellen, Elektronik, Baumaterial. In einem grandiosen Kameraschwenk zoomt sich Arne Dahl aus den Kumuluswölkchen über dem Tuamotu-Archipel hinab auf das namenlos bleibende Selbstversorgerpaar in seinem Ende-der-Welt-Refugium. Die Idylle dauert kaum ein paar Seiten, dann setzt eine einschlagende Drohne die Insel in Brand. Müssig, den komplexen, actionreichen Handlungsverlauf nacherzählen zu wollen: Eine schwedische IT-Firma wird Opfer einer Hackerattacke. Chinesische Forschungslabors arbeiten an der genetischen Manipulation des Menschen. Die kalabrische Mafia erpresst den Opcop-Chef mit einem brutalen Rachefeldzug. Und dann schicken Unbekannte auch noch eine Videobotschaft mit Hinweisen auf zwei totgeglaubte Undercoveragenten.

Gewalt explodiert

Arne Dahl gibt wieder mal alles: Die Gewalt explodiert, die Gehirne der Ermittler rauchen, und am Horizont taucht ein so monströses Bild von Europa auf, dass man sich am liebsten in einem roten Schwedenhäuschen verstecken würde. Er legt fabelhafte falsche Fährten, schlägt Haken, spiegelt sich ins Denken der Täter, bringt frühere Abenteuer erneut zum Gären und lässt Traumata wieder aufbrechen. Der Logik seiner Geschichte schadet das nicht. Im Gegenteil: Auch wer die früheren Bücher des Bestsellerautors aus Stockholm noch nicht kennt, kann mit «Hass» den Einstieg in den Dahl-Kosmos schaffen – und sich dann quasi rückwärts durch seine Romane lesen.

Berner Zeitung

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