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Ein Buch für alle, die gern im Schnee versinken

Hansjörg Schertenleibs «Palast der Stille» ist klein und liegt in Maine: In seinem neuen Buch berichtet der Schweizer Schriftsteller über sein Leben und Schreiben in der Natur.

Christine Richard
Winter in Maine 2018. Foto: Stan Farrell/AP, Keystone
Winter in Maine 2018. Foto: Stan Farrell/AP, Keystone

Es ist sehr leise in diesem Buch. Es schneit und schneit. Im warmen Cottage knistert Birkenholz. Die Katze Smilla schläft. Der Schriftsteller sitzt am Tisch und schreibt. Er schreibt, wie es schneit, wie er Holz holt, weshalb die Katze «Smilla» heisst, woher er den Tisch hat und warum er schreibt.

Der Schriftsteller ist der Schweizer Hansjörg Schertenleib. Geboren 1957 in Zürich, aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, gehänselt wegen seiner Brille. Als Kind Mitglied einer Bubenbande, später Einzelgänger. Ausbildung zum Schriftsetzer, bis er Schriftsteller werden will. Er wird von Urs Widmer und Renate Nagel ermuntert. Er veröffentlicht Erzählungen, Gedichte, Romane und Theaterstücke. Als Hausautor am Theater Basel schreibt er die Bühnenfassung von Fritz Zorns Kultbuch «Mars»; es inszeniert der wunderbar zornige Johann Kresnik. Er verdichtet auch Hermann Burgers «Schilten» für das Theater; es inszeniert der wunderbar sanfte Jossi Wieler. Bei der Uraufführung im Kannenfeldpark ist es Februar und schneit.

1996 wandert Schertenleib für viele Jahre nach Irland aus. Es regnet, «pissing rain». Er zügelt weiter nach Maine. Es schneit, der Blizzard tobt. Mit seiner Frau hat er auf Spruce Head Island ein Cottage, 57 Quadratmeter klein, mit Blick auf den offenen Atlantik. Von all dem berichtet er jetzt. Der Schriftsteller als junger und als älterer Mann: Muss man das wissen?

«Kiefern sind die besten Übersetzer des Windes»

Gegen Ende seines neuen Buchs stapft er auf Schneeschuhen durch das tiefe Weiss. Schnee sei stiller Beifall für die Erde, meinte sein Kollege Markus Werner einmal. Wie eindrücklich formuliert. Der Mann in Maine wandert weiter. Er besteigt auf einer Kiefer seinen Ausguck oben: «Kiefern sind die besten Übersetzer des Windes.» Es sind schöne Sätze, sie fallen selten; wie vereinzelte Flocken.

Das Buch ist ein Gang in die Stille. Der Anfang wirkt leicht manieriert, unmotiviert der Wechsel zwischen Ich und Er. Ausgangspunkt ist Henry David Thoreaus «Walden», der Aussteiger-Klassiker von 1854. Thoreau ist derzeit wieder angesagt. Schertenleib überstrapaziert die Zivilisationskritik nicht. In Schwenks zwischen Zürich, Irland und Maine wechselnd, konzentriert er sich im wesentlichen auf die Natur.

Zwar schildert er, wie ihm die Polizei bei einer AJZ-Demo in Zürich den Arm brach. Zwar kritisiert er die politische und künstlerische Indifferenz am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er lehrte. Was er anpeilt, ist aber keine Gesellschaftskritik. Es ist vielmehr ein Geisteszustand: «Er liebt den Zustand, in den er sich schreibend versetzt: auf schläfrige Weise konzentriert, der Welt enthoben.» Es ist dies der Zustand einer Katze. Es ist auch der halb abwesende Zustand, in dem sich seine Mutter befand, lesend am Küchentisch. Es ist der Zustand, in den sein Onkel Leopold versunken war, werkelnd im Schuppen. Zwischen Handwerk, Lesen und Schreiben existiert eine geistige Ähnlichkeit.

Es ist, wie es ist

Es schneit, wenn es schneit, und es ist, wie es ist. Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Handlung, keine Story. Es ist eher, als wachse diesem schmalen Buch hier und da ein Zusammenhang zu, naturhaft quasi. Da ist zunächst der «beinmagere Hund», erhängt an einer Drahtschlinge, entdeckt als Kind, nie vergessen. Dann in Maine der ausgeweidete Hund im Eis, das gefrorene Hinterbein in der Luft. Dann die abgerissenen Beine junger Soldaten 1945. Schliesslich ein Hund, gebraten und gegessen von Leuten auf der Flucht. Der Schriftsteller sitzt und schreibt: «Auch Hunde warten sitzend.»

«Palast der Stille» heisst diese 170-seitige Zwischenbilanz von Hansjörg Schertenleib. Wen mag das interessieren? Zunächst alle, die den Schriftsteller kennen; die wissen wollen, wie er lebt, warum er schreibt. Dann alle, die dabei sind, das einfache Leben zu entdecken. Alle, die da sitzen, lesen, schreiben, schnitzen. Den Wind hören und manchmal Musik; Creedence Clearwater Revival, «Long As I Can See The Light». Am Ende alle, die gerne im Schnee und in sich selbst versinken.

Hansjörg Schertenleib: Palast der Stille. Kampa, Zürich 2020. 176 S., ca. 24 Fr.

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