Abgründiges Irland

Krimi der Woche: Krumme Deals und blutige Gemetzel liefert Autor Declan Burke in seinem Buch «Slaughter’s Hound», das ungewöhnlich beginnt.

Über seinen Heimatort schreibt Burke: «Sligo nennt sich Stadt, weil es eine Kathedrale hat und Heroin.» Foto: Kathy Burke

Über seinen Heimatort schreibt Burke: «Sligo nennt sich Stadt, weil es eine Kathedrale hat und Heroin.» Foto: Kathy Burke

Der erste Satz
Es war einer dieser seltenen schönen Abende, an denen sich ein Spaziergang am Hafen lohnt, der Mond so fett und weich wie ein frisches Kissen in einem altmodischen Hotel und eine brausende Brandung mit Wellen, die silbrig-grün schäumen, und ein Vogel, von dem du noch nie gehört hast, zwitschert das traurige Lied von einem Ort, den du mal gekannt haben könntest, nun aber sehr wahrscheinlich nie mehr besuchen wirst, Mitte Juni, schon fast Mitternacht, und ein laues Lüftchen weht, so ein Abend also, der wie gemacht ist für einen langen Spaziergang mit einer Frau, die gerne lange Spaziergänge unternimmt und dabei nur wenig redet und dieses wenige so leise murmelt, dass du Mühe hast, sie zu verstehen, ihr Lachen tief und kehlig, mit einem trockenen Humor und einem Hang zu Anzüglichkeiten, Augen wie der verschleierte Spiegel des nächtlichen Himmels, mit einem Blinken, das von den reflektierenden Sternen kommen oder der erste Funke einer sich regenden Absicht sein könnte, die du vorsichtig mit sanften Worten und einer zarten Berührung am rechten Ort anfachen solltest, oder du wirst den Rest deines Lebens und vielleicht die ganze Ewigkeit damit verbringen, dich zu fragen, was hätte sein können, nur wegen des Fehlens eines sanften Wortes und einer redlichen und zärtlichen Berührung.

Das Buch
Eben hat ihm Finn Hamilton noch von seinen Plänen, mit seiner Freundin Maria in deren Heimat Zypern auszuwandern, vorgeschwärmt. Doch kaum steht Harry Rigby neun Etagen tiefer neben seinem Taxi, mit dem er seinem Kumpel Finn ein paar Beutel Gras liefern wollte, schlägt ein menschlicher Körper in das Auto ein, das sogleich in Flammen aufgeht. Hat sich Finn tatsächlich aus dem neunten Stock in den Tod gestürzt? Oder hat ihn jemand aus dem Fenster geworfen? Doch niemand sonst schien im alten Lagerhaus am Hafen von Sligo gewesen zu sein.

So beginnt an einem eigentlich wunderschönen Sommerabend der Krimi «Slaughter’s Hound» des Iren Declan Burke. Darin reaktiviert er nach etlichen Jahren den Helden aus seinem Debüt «Eight Ball Boogie». Damals war Harry Rigby noch eine Mischung aus Journalist und Privatdetektiv. Jetzt, nach einigen Jahren in der Psychiatrie, nachdem er seinen Bruder getötet hatte, fährt er Taxi. Was vor allem eine Tarnung für zwielichtige Geschäfte wie Drogenhandel ist. Mit Finn Hamilton hat Harry in der geschlossenen Abteilung ein Zimmer geteilt. Finn, Spross einer der reichsten Familien der Region, hat Liegenschaften der Familie abgefackelt. Die Hamiltons sind aber «erst seit fünfhundert Jahren in Irland ansässig»: «Hier bei uns bedeutet das allenfalls, dass man mal kurz reingeschaut hat.»

«Slaughter’s Hound» ist eine einfallsreiche, spannende Geschichte, die schon mal in blutige Gemetzel ausartet.

Declan Burke breitet einmal mehr eine pechschwarze und ziemlich wüste Geschichte aus, in der seine Heimatstadt Sligo, in der es offenbar nur noch abwärtsgeht, eine wichtige Rolle spielt. «Das letzte Mal, als jemand neue Jobs in Sligo annonciert hatte, war das Königin Medb, weil sie noch ein paar Speerwerfer für ihren Rinderraub von Cooley brauchte», heisst es einmal. Oder: «Sligo nennt sich Stadt, weil es eine Kathedrale hat und Heroin.» So hält sich nicht nur Harry mit krummen Deals über Wasser. Finn verkauft unter anderem gefälschte Kunst. Und auch Finns Mutter muss schauen, wie sie die Reste ihres Immobilienimperiums noch gewinnbringend einsetzen kann. Rücksichten kennt sie dabei nicht.

«Slaughter’s Hound» ist eine einfallsreiche, spannende Geschichte, die schon mal in blutige Gemetzel ausartet. Dabei ist nicht alles so, wie es vordergründig scheint. Burke erzählt in starker Sprache, die bei aller Gewalt immer wieder auch poetische Momente hat. Gescheit baut er allerlei Anspielungen und Bezüge zu Geschichte, Politik und vor allem auch zur Popkultur ein und würzt das Ganze mit viel tiefschwarzem Humor. Eine höchst bekömmliche Mischung für Liebhaber von echten Noir-Krimis, bei denen am Ende nicht alles gut ist.

Die Wertung

Der Autor
Declan Burke, geboren 1969 in Sligo, Irland, ist Journalist und Schriftsteller. Er rezensiert Krimis und Filme für verschiedene Medien in Irland und Grossbritannien; in der «Irish Times» hat er eine Krimikolumne, und er betreibt den Blog «Crime Always Pays» über Kriminalliteratur. Bisher hat er sechs Kriminalromane veröffentlicht, der siebente, «The Lammisters», erscheint im Dezember 2019. «Eight Ball Boogie» war 2003 sein erster Roman (2018 auf Deutsch erschienen unter dem Originaltitel wie auch alle anderen Übersetzungen), es folgten die beiden ebenfalls auf Deutsch vorliegenden Titel «The Big O» (Original 2007; Deutsch 2016) und «Absolute Cool Zero» (2011; 2014). Letzterer wurde 2012 mit dem Goldsboro Award als «Best Comic Crime Fiction» ausgezeichnet. Die Figur des Harry Rigby aus seinem Debüt nahm Burke 2012 in «Slaughter’s Hound» (2012; 2019) wieder auf. Declan Burke lebt mit seiner Frau und einer kleinen Tochter in Wicklow, einer Kleinstadt an der Ostküste Irlands, südlich der Hauptstadt Dublin.


Declan Burke: «Slaughter’s Hound» (Original: «Slaugther’s Hound», Liberties Press, Dublin 2012). Aus dem Englischen von Robert Brack. Edition Nautilus, Hamburg 2019. 383 S., ca. 30 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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