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Fotobuch: Was bleibt, wenn die Bauern weg sind

Wild wuchernde Wiesen, eingefallene Stallruinen: Der Zürcher Fotograf Oliver Gemperle hat für einen Bildband das Bündner Calancatal besucht. Die Fotografien zeigen, wie sich die Abwanderung der Bergbauern dort auf die Natur auswirkt.

Ein letzter Zeuge: Die Ruine einer Bergbauernhütte erinnert in Oliver Gemperles Fotobuch «Calanca» an eine längst vergangene Ära.
Ein letzter Zeuge: Die Ruine einer Bergbauernhütte erinnert in Oliver Gemperles Fotobuch «Calanca» an eine längst vergangene Ära.
zvg

Herr Gemperle, warum interessierte Sie für die Fotoserie ausgerechnet das Calancatal? Oliver Gemperle: Vor sieben Jahren war ich zum ersten Mal im Calancatal wandern. Dabei kam ich an Orten vorbei, die vollkommen verlassen waren, vorbei auch an eingestürzten Ställen und zerfallenen Alphütten. Es war verrückt, zu sehen, dass es dies in den Schweizer Alpen gibt. Sonst ist in den Bergen ja alles aufgeräumt, gepflegt und touristisch. In diesem Moment kam mir der Gedanke, dass ein Fotobuch über die verlassenen Orte des Calancatals sehr spannend werden könnte.

Über das Tal ist wenig bekannt. Wie haben Sie recherchiert? Ich habe alle verfügbare Literatur über die Region gelesen. Und ich habe mir den «Topographischen Atlas der Schweiz» von 1872 beschafft. Das ist die erste detaillierte Landkarte, auf der zahlreiche heute verschwundene Gebäude und Alpwege noch eingetragen sind. Ich habe diese auf die neuen Karten übertragen und machte mich so auf die Suche nach den verlassenen Orten.

Eine detektivische Vorgehensweise Ja. Natürlich liegen auch einige Ruinen in der Nähe von Dörfern. Oftmals musste ich mich jedoch durch dichte Erlenwälder kämpfen, um an bestimmte Orte zu gelangen, an denen höchstens mal ein Jäger vorbeikommt.

Wie oft reisten Sie ins Calancatal für Ihre Aufnahmen? Ich arbeitete sechs Jahre an diesem Projekt und fotografierte während jeder Jahreszeit. Bei meiner Arbeit wähle ich nicht zwingend den optimalen Lichteinfall oder die besten Wetterverhältnisse. Denn die Bilder sollen eine Realitätserfahrung vermitteln, die massgeblich von einer momentanen Stimmung, von Licht und Wetter geprägt ist.

Welche Sujets suchten Sie? Mein Thema sind die Ruinen von historisch wenig bedeutsamen Orten. Seit den Anfängen der Fotografie waren Ruinen für Fotografen von grossem Interesse – seien es die Ruinen des antiken Rom oder die Tempelruinen von Angkor in Kambodscha. Beim Calanca-Projekt handelt es sich um bislang unbeachtete Ruinen, die jedoch die Vorstellungskraft des Betrachters gleichermassen anregen.

Inwiefern? Wenn man sich Bilder von Ruinen anschaut, fragt man sich unweigerlich, wie es früher dort gewesen ist. Auf meinen Bildern sind zwar keine Menschen zu sehen, aber trotzdem sind sie präsent: Der Betrachter stellt sich vor, wie das Vieh vor dem Haus gegrast hat oder wie Kinder vor einer Hütte gespielt haben.

Ist die Abwanderung von Bergbauern in städtischere Gebiete in Ihren Augen eine positive oder negative Entwicklung für die entsprechenden Gebiete? Es handelt sich um einen weit fortgeschrittenen Prozess, der in Tälern wie dem Calancatal nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Klar ist die Artenvielfalt grösser, wenn Bauern die Magerwiesen mähen, als wenn der Wald alles überwuchert. Und beim Anblick von Ruinen schwingt auch immer etwas Trauriges mit. In Italien wurde in einem Naturpark eine Besucherumfrage durchgeführt: Diese hat ergeben, dass den Touristen lauschige Wasserfälle am besten gefallen – negativ aufgefallen sind ihnen hingegen die Ruinen auf verlassenen Alpen. Erholungsuchende Wanderer wünschen sich meist eine heile Bergwelt.

Und Ihre persönliche Haltung? Ich finde es wichtig, dass es in der Schweiz wieder Platz für Wildnis, für Bären und Wölfe gibt. Aber das soll keinesfalls zulasten der letzten verbliebenen Bergbauern geschehen.

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