«Ich war das perfekte Opfer»

Michelle Hunziker über ihr persönliches #MeToo, ihre Zeit in der Sekte und die Frage, warum ihr Aufmerksamkeit früher so wichtig war.

Michelle Hunziker: Die Sekte war Schuld am Ehe-Aus mit ihrem damaligen Ehemann Eros Ramazotti. (Video: Vizzr)

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Michelle Hunziker, Sie haben gerade Ihre Autobiografie veröffentlicht. Darin geht es vor allem um die fünf Jahre, in denen Sie Anhängerin einer Sekte waren. Warum haben Sie das jetzt aufgeschrieben, zehn Jahre später?
Weil ich mich in einer Phase meines Lebens befinde, in der ich wirklich sagen kann: Ich bin glücklich und habe zum ersten Mal echte Stabilität. All das hat nur mit meinem Privatleben zu tun, im Job hatte ich eigentlich früh Erfolg. Nun wollte ich mit der Vergangenheit abschliessen und vielleicht so anderen Abhängigen helfen auszusteigen.

Im Buch schreiben Sie: «Ich habe jede Nacht durchgeheult.» Vor der Kamera wurden Sie in derselben Zeit zu einem Symbol der Leichtigkeit. Wie geht das?
Ich weiss es nicht. Mein Vater war ähnlich. Er war schwerer Alkoholiker und vor allem später, als meine Mutter ihn verlassen hatte, oft unglücklich. Aber durchs Leben ging er wie Charlie Chaplin. Er hatte ein nettes Wort für jeden, war immer lustig, obwohl er süchtig war und meist hoch verschuldet. Für mich war das ein grausamer Zwiespalt. Er war mein Held. Eine fantastisch sensible Person. Leider war ich auch irre wütend auf ihn. Denn wenn er trank, wurde er von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde. Dann vergass er mich und alles andere.

Sie schreiben auffallend hart über sich selbst. Unsicher, naiv und immer auf der Suche nach Applaus seien Sie gewesen, «eine Aufmerksamkeitsbettlerin».
Finden Sie? Ich würde eher sagen, ich war ehrlich mit mir selbst. Um die Wahrheit kommt ja sowieso keiner herum. Ich halte sie für das Gegenteil von hart.

Wieso das?
Wahrheit ist der einzige Weg, um sich selbst zu vergeben. Und es stimmt ja: Ich habe um jede Aufmerksamkeit gebettelt. Ich fühlte mich nicht wert, geliebt zu werden, weil mein Vater eben häufig betrunken war und meine Mutter so viel arbeiten musste, um seine Probleme auszugleichen. Ein Kind versteht das nicht. Also habe ich alles getan, um anderen zu gefallen.

Ihre Mutter zog mit Ihnen nach Italien, wo Ihre Schweizer Schuljahre nicht anerkannt wurden. Mit 17 brachen Sie die Schule ab, um in Mailand Model zu werden. Dort wohnten Sie in einem Loch neben einem Pornokino und wurden von Model-Kolleginnen ausgeraubt.
Mailand Anfang der Neunzigerjahre war krass. Richtig gefährlich für ein Mädchen in meinem Alter. Mein Alltag bestand darin, mir sagen zu lassen, wie scheisse ich aussah. Meist von Männern in irgendwelchen Agenturen, die mich nicht wollten.

Warum tut man sich das an?
Ich brauchte das Geld, ganz einfach. Auch, um meiner Mutter zu beweisen, dass ich es schaffe. Alle hatten immer gesagt, warum modelst du nicht, du bist blond und siehst gut aus. Ein Jahr lang hielt ich durch. Aber Modeln liegt mir einfach nicht. Ich war weit unter 1,80 Meter und eher der Typ muskulöses Schweizer Naturmädchen. Das Einzige, was infrage kam, war Dessouswerbung.

Sie haben dann Eros Ramazzotti kennen gelernt. Er war 15 Jahre älter und damals einer der grössten Popstars Europas. Viele warfen Ihnen vor, nur durch Ihre Heirat Karriere gemacht zu haben. Hat Sie das gekränkt?
Nein. Was sollen die Leute auch anderes denken, wenn du mit 19 einen Popstar heiratest? Natürlich brachte das Aufmerksamkeit. Ich bin immer dazu gestanden, schliesslich war ich verliebt, und es war eine tolle Zeit. Aber das Gerede hat mich auch motiviert, mir selbst eine Karriere aufzubauen, es allen zu beweisen.

Wieso sind Sie später in eine Sekte geraten? In einer Zeit, in der Sie alles zu haben schienen: Geld, Schönheit, Berühmtheit.
Weil all das eben nicht glücklich macht. Um in eine Sekte zu geraten, reicht es, im falschen Moment die falsche Person zu treffen. Ich war das perfekte Opfer: Ehekrise, Lebenskrise, ich wusste nicht, mit wem ich reden sollte. Da kommt eine Frau, die psychologisch geschult ist, umarmt mich und sagt: Ich liebe dich wirklich, alle anderen benutzen dich nur. Das hat gereicht.

Es ging um Energiefluss und Auserwähltsein. Warum haben Sie an so etwas geglaubt?
Kurz zusammengefasst, klingt das Programm jeder Sekte irre, aber die gehen ja sehr subtil vor. Bei jedem Mitglied ist die Strategie ganz auf die individuellen Schwächen abgestimmt. Mit meinem Vaterkonflikt hatte die Heilerin einen perfekten Hebel.

Warum sind so viele Schauspieler und Entertainer bei Scientology?
Weil man im Showbusiness ein grosses Ego braucht, sonst könnte man diesen Job gar nicht machen. Und weil dieses Ego danach gefüttert werden muss. Warum trinkt sich eine grossartige Künstlerin wie Amy Winehouse tot? Weil es sehr schwer ist, wenn dir Zehntausende auf einer Bühne zujubeln und du im Hotel feststellst, dass du allein bist. Dass die Leute nicht dich meinen, sondern eine Projektion. Erst wenn du damit zurechtkommst, erst wenn du auch Bestätigung anderswo findest, bist du gerettet.

Sie haben Ihre Karriere auf Berlusconi-Kanälen begonnen. Sind aus Torten gesprungen oder auf Rollschuhen durchs Studio gerast. Hatten Sie nie Probleme mit dem Frauenbild dieser Sender?
Das Frauenbild im italienischen Fernsehen der Neunzigerjahre war grauenhaft. Aber als ich aus Torten gesprungen bin, war ich 17. Seither hat sich viel getan in Italien. Die meisten wichtigen Formate werden heute von Frauen präsentiert. Und ich war immer der Meinung, dass man sich auch im Unterhaltungsfernsehen als Frau wehren kann. Selbstironie ist da gut. Ein Witz schafft Distanz in der Intimität.

Das müssen Sie erklären.
Ironie sublimiert den Sexappeal. Mir war wichtig, ein Image als Vamp oder Rivalin für andere Frauen zu vermeiden. Daher habe ich immer versucht, mich selbst auf die Schippe zu nehmen. Klar haben die Sender probiert, mich ins Klischee der sexy Blondine mit Décolleté zu pressen. Aber ich habe es oft ins Comedyhafte verdreht, damit es nicht funktionierte.

Wie haben Sie das gemacht?
Mit 25 war ich Co-Moderatorin in der Show «Scherzi a parte». Der Moderator hatte die dämliche Idee, dass ich im Abendkleid die Treppe herunterkomme, er zieht am Rock, und ich stehe im Bikini da. Als Retourkutsche habe ich dann Machowitze gerissen und ihn in der Sendung ein bisschen blöd aussehen lassen. Charmant und subtil, aber die Botschaft kam an. Seitdem hat mich keiner mehr gebeten, knapp bekleidet vor eine Kamera zu treten.

Sie setzen sich seit Jahren mit einer eigenen Stiftung für Frauenrechte ein.
Aber da geht es um Gewaltopfer in Beziehungen. Gewalt gegen Frauen ist in Italien ein massives Problem. 2017 wurden 260 Frauen von ihren Ex-Partnern umgebracht. Viele Frauen wissen nicht, wohin sie nach Übergriffen fliehen sollen. Unsere Stiftung nimmt sie auf, ermutigt sie, ihre Peiniger anzuzeigen, und hilft ihnen, den Prozess durchzustehen, was sehr hart ist.

Sie haben Ihren Ex-Agenten der sexuellen Belästigung bezichtigt. Öffentlich und lange vor #MeToo. Warum?
Ein Reporter des Satiremagazins, das ich moderiere, arbeitete an einer Geschichte über einen Agenten, der seit 30 Jahren junge, meist minderjährige Mädchen sexuell erpresst haben soll, indem er ihnen vorgaukelte, sie im Showbusiness gross rauszubringen. Als ich den Namen hörte, fiel ich fast vom Stuhl. Es war derselbe, der mich erpresst hatte, als ich 17 war.

Was genau heisst «erpresst»?
Er hatte mich in einer Agentur kennen gelernt und wirkte seriös. Irgendwann sagte er, wenn ich ins Fernsehen wollte, müsste ich Mut beweisen und mit ihm ins Bett gehen. Meine Mutter hatte mich auf solche Situationen vorbereitet. Ich war daher in der Lage, Nein zu sagen. Aber ich habe nichts weiter unternommen, ich hatte zu viel Angst. 20 Jahre später fand ich, dass ich schlecht für Frauenrechte eintreten und dazu schweigen kann. Ich wollte den Mädchen da draussen sagen, dass es möglich ist, Nein zu sagen. Ein Aspekt, der mir in der #MeToo-Debatte zu kurz kommt.

Was ist Ihre Haltung?
Ich will niemanden verurteilen. Aber es ist doch so: Als Gewaltopfer in einer Beziehung hat man kaum Chancen. Als junges, unerfahrenes Mädchen hat man kaum Chancen. Aber als arrivierte Schauspielerin bei einem Filmproduzenten kann man schon mal Nein sagen. Schon um zu zeigen, dass das möglich ist. Manche dieser Frauen verstehe ich nicht. Nicht alle sind immer nur Opfer.

Ihr Ex-Agent hat Sie wegen Verleumdung verklagt.
Der Richter hatte unser mit versteckter Kamera aufgezeichnetes Filmmaterial über diesen Mann, der am Fliessband Minderjährige genötigt hatte. Und wer war die Angeklagte? Ich, die ich von ihm belästigt worden war. Mir machte das nichts mehr aus, aber es geht ums Prinzip, denn genau das passiert vielen Frauen. Am Ende wurde ich aber freigesprochen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.10.2018, 06:08 Uhr

Ihr Lachen kennen alle

Michelle Hunziker (41) verarbeitet in ihrer eben erschienenen Autobiografie «Ein scheinbar perfektes Leben» ihre Mitgliedschaft in einer Sekte. Die Moderatorin war 13?Jahre mit Eros Ramazzotti liiert, 2014 heiratete sie den Trussardi-Erben Tomaso Trussardi. Sie hat drei Töchter. (red)

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