Georgien – Europa in Asien

Das Land im Kaukasus ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Deshalb erscheinen gerade Regalmeter georgischer Literatur auf Deutsch. Leitmotiv ist der Kampf gegen die Unterdrückung.

Das alte, patriarchale Georgien existiert noch, doch wird eifrig dagegen angeschrieben: Die georgische Hauptstadt Tiflis mit der Festung Narikala (oben links). Foto: Istockphoto

Das alte, patriarchale Georgien existiert noch, doch wird eifrig dagegen angeschrieben: Die georgische Hauptstadt Tiflis mit der Festung Narikala (oben links). Foto: Istockphoto

Es ist wahnsinnig heiss hier, ständig fächern sich alle Luft zu. Auf dem Dach eines der berühmten Tifliser Schwefelbäder steht ein Männerchor und singt einem Kamerateam gregorianische Choräle vor. Auf dem Bürgersteig bellt eine frisch geföhnte ältere Dame ohne Eile einen irritierten Labrador an. Und über allem thront auf einem Bergkamm, am höchsten Punkt über der Stadt, ein gigantisches, blinkendes Riesenrad. Es ist wie bei Fellini.

Von den europäischen Hauptstädten aus gesehen, liegt Georgien eigentlich schon in Asien, eingeklemmt zwischen Tschetschenien, der Türkei, Aserbeidschan und Armenien. Trotzdem hat Georgien alle grossen Entwicklungen der europäischen Moderne mitgemacht.

Totengräber Stalin

Der grösste georgische Modernisierer des 19. Jahrhunderts hiess Ilia Tschawtschawadse: Er übersetzte Shakespeare und Goethe, gründete die Nationalbank und die Universität und führte die nationale Befreiungsbewegung an. Heute sind nahezu alle wichtigen Institutionen des Landes nach Tschawtschawadse benannt. In seiner Literaturzeitschrift «Iweria» hatte er auch die ersten Pamphlete des jungen antirussischen Rebellen Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili gedruckt. Der junge Nationalist wechselte später auf die Seite der prorussischen Marxisten und bekam wegen seiner eisernen Faust bald den Spitznamen Stalin («Der Stählerne») verpasst.

Stalin zog zum Studium nach Moskau, und als er zurück­kehrte, so geht ein beliebter Witz, hatte er die Rote Armee dabei. Danach war Georgien, das traditionsreiche christliche Kulturland, von der inneren Landkarte der Europäer weitgehend verschwunden. Auf die Fremdherrschaft der Perser, Osmanen und Russen war die Sowjetunion gefolgt. Nach der Unabhängigkeit 1990 leistete sich das Land einen Krieg gegen Russland, der darin mündete, dass heute zwanzig Prozent des Landes besetzt sind.

In diesem Jahr ist Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse, weshalb in diesen Tagen ganze Regalmeter georgischer Literatur auf Deutsch erscheinen.

Der Kampf gegen Unterdrückung ist das Leitmotiv in der georgischen Gegenwartsliteratur.

Besuch bei Davit Gabunia, dem 36-jährigen Dramaturgen des Tifliser Art District Theatre. An diesem Wochenende läuft hier ein Stück, das im Jahr 1937 spielt. Darin wird ein georgischer Schriftsteller von den Stalinisten verhaftet und erschossen. Die Witwe bittet bei einem sowjetischen Beamten um Auskunft über den Verbleib ihres Mannes. Der Beamte will im Gegenzug Sex, und am Ende des Stücks zwingt er die Tochter des Ermordeten, ihn zu heiraten. Auf das Tifliser Theaterpublikum übt das Stück eine sehr unmittelbare Wirkung aus. Ein Viertel der Zuschauer sitzt in den Theatersesseln und weint.

Als er mit ein paar Freunden das Theater gegründet habe, sagt Gabunia, habe es in dieser verlassenen Kirche weder Licht noch Heizung gegeben. Dann gelang ihnen das Erfolgsstück «Frauen von Troja». Seitdem kommt regelmässig Unterstützung von Georgien und der EU, und das Art District Theatre ist heute ein vollwertiger Offspace. 111-mal hätten sie das Stück bislang gespielt, auf allen wichtigen europäischen Festivals. Nur die Einladungen aus Russland hätten sie ausgeschlagen, wegen der Besatzung. Eine Einladung aus dem Iran haben sie auch zurückgewiesen, weil die Schauspielerinnen Kopftücher und langärmlige Shirts hätten tragen müssen, was ebenfalls nicht infrage kam, schliesslich gehe es im Stück um die Unterdrückung der Frau.

Eine Welt des Schmerzes 

Der Kampf gegen Unterdrückung ist vielleicht das dominante Leitmotiv in der georgischen Gegenwartsliteratur, weshalb sie in der westlichen Kultur, in der es ja auch unentwegt um Emanzipation und Befreiung geht, unmittelbar anschlussfähig ist.

In Davit Gabunias Roman «Farben der Nacht» geht es um einen arbeitslosen Tifliser, der von seinem Fenster aus eine schwule Affäre zwischen einem selbstbewussten Homosexuellen der jungen georgischen Generation und einem hochrangigen Politiker beobachtet. Der hat Frau und Kind und kann nicht zu seiner Sexualität stehen. Als der Protagonist den Politiker erpresst, geht dieser auf alle Forderungen ein und erhängt sich dann. Der raffiniert gebaute Roman erzählt von einem postsozialistischen Georgien, in dem die junge Generation, die eher Englisch spricht als Russisch, gegen die Traditionalisten noch immer wenig Chancen hat.

Die Psychotherapeutin und Schriftstellerin Tamar Tanda­schwili, die auch einen Emanzipationsroman geschrieben hat, nur viel radikaler, sagt: «Wir haben den Diskurs, der im Westen seit Jahrzehnten geführt wird, innerhalb von fünf Jahren aufgeholt.» Tandaschwili hat in Europa und den USA studiert. Als sie nach Tiflis zurückkehrte, fing sie an, als psychologische Beraterin für georgische Frauen- und LGBT-Organisationen zu arbeiten. So lernte sie eine Welt kennen, von deren Existenz sie keine Ahnung hatte: Leid und Schmerz in allen Schattierungen, Vergewaltigung, Züchtigung, Verzweiflung, Selbstmorde. Das alte, patriarchale Georgien, das ihr, obwohl sie in Tiflis aufgewachsen ist, bis dahin entgangen war.

Zurück mit dem Menschenrechtsvokabular im Gepäck

Nebenbei arbeitete sie an ihrer Dissertation. Ihr Roman ist eine rasende, wütende Gewaltorgie, in der eine maskuline Allianz aus orthodoxer Kirche und konservativen Politikern Frauen und Homosexuelle unterjocht. Das Buch wurde in Georgien unmittelbar zum Skandal und machte Tandaschwili auf einen Schlag berühmt.

Eines der interessantesten Wörter in diesem Roman, der auf Deutsch den leicht umständlichen Titel «Löwenzahnwirbelsturm in Orange» trägt, ist das Adjektiv «humanrightisiert». Bei Tandaschwili ist der Westen, von dem sich viele Georgier Grosses erhoffen, keinesfalls eine reine Verheissung. Es gebe eine ganze Generation von georgischen Männern, sagt sie, die – ausgestattet mit Stipendien – im Westen studiert hätten und mit einem ganzen Paket an Menschenrechtsvokabular zurückgekehrt seien, nur um hier dann einfach genauso weiterzumachen wie ihre Väter.

Emanzipation als Gefängnis

Einerseits sei es gut, dass Frauen und Homosexuelle endlich auch in Georgien um ihre Rechte kämpften. Andererseits sei es mit der Emanzipation auch so eine Sache. An ihren Patientinnen beobachte sie häufig, dass der Kampf um Unabhängigkeit ihr ganzes Leben bestimme, was dazu führe, dass sie keine Kraft mehr hätten, eine «normale» Persönlichkeitsentwicklung zu durchlaufen. «Wenn man Soldat ist und ständig kämpft, kann man nicht gleichzeitig Philosoph sein.» In diesem Sinne sei die Emanzipation auch ein Gefängnis. Ans Aufhören ist natürlich trotzdem nicht zu denken.

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