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Gespenster, die sich nicht abschütteln lassen

Nach dem eindrücklichen Bestseller «weiter leben» legt die jüdische Germanistin Ruth Klüger einen zweiten Band mit Erinnerungen vor.

Wieder ist der Titel klein geschrieben, und wieder tönt er lakonisch. Doch «unterwegs verloren» kann nicht einfach als die Fortsetzung von «weiter leben» gelten. Ruth Klügers 1992 erschienenen Erinnerungen an ihre Kindheit in den KZ Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt wurden 1992 überraschend ein Bestseller, mit 250`000 verkauften Exemplaren. Die knapp, nüchtern, manchmal fast salopp erzählte Geschichte vom Überleben des Wiener Mädchens in den Nazi-Vernichtungslagern bleibt ein erschütterndes Zeugnis.

«unterwegs verloren» ist anders. Ruth Klüger, die 77-jährige amerikanische-österreichische Germanistin, schaut nicht auf drei höllische Lagerjahre zurück, sondern auf die sechs Jahrzehnte danach, und am Ende steht nicht mehr das dem mörderischen Grauen entrissene Weiterleben, sondern der nahe Tod. Das neue Buch ist eine schonungslose Lebensbilanz, Altersmilde und Versöhnlichkeit sind fern, der Titel verrät Pessimismus.

Dabei setzt «unterwegs verloren» hoffnungsfroh ein. «Mit dem Alter weichen auch die Gespenster zurück», glaubt die Autobiografin. Die Gespenster der Vergangenheit sind die Toten, vor allem Schorschi, der Bruder, den die Nazis als 17-Jährigen ermordet haben. Aber auch Schorschi wäre heute alt. Und mit «weiter leben» ist bleibendes Zeugnis auch für ihn abgelegt. Fast ein Leben lang hatte Ruth Klüger die eintätowierte KZ-Nummer am Arm als Andenken an die Ermordeten getragen und damit auch in den USA, ihrem neuen Lebensort weit weg von Deutschland, Anstoss erregt. Nun will sie die Nummer weglasern lassen. «Je langsamer eine alte Frau auf der Strasse geht, desto schneller entfernt sie sich von den rückwärts laufenden Gestorbenen.»

Aber auch mit einer Operation lassen sich Gespenster nicht entfernen. Ruth Klügers Buch handelt von den Diskriminierungen und Kränkungen, die sie als Überlebende von Auschwitz erfahren hat. Oder als Frau. Oder als beides, so leicht ist das manchmal gar nicht zu trennen. Im Studium, im Karrieregerangel des akademischen Betriebs, immer wieder fühlt sie sich unfair behandelt, zurückgesetzt, beiseite geschoben. Dass sie es als Jüdin und Feministin zur angesehenen Professorin brachte, erfüllt sie mit berechtigtem Stolz.

Aber die Freude scheint auch vergiftet. Unentwegt stellt Klüger im Rückblick, harte, (selbst)kritische Fragen. Immer wieder sieht sie sich ungeliebt von der Um- und Mitwelt, selbst von jenen, die sie liebt. Böse Erfahrungen verarbeitet sie in Gedichten. Oder verdichtet sie zu Sarkasmen: «Ich war neun Jahre lang verheiratet, und am Ende der Ehe kam es mir vor, als falle ich aus dem Gefrierfach des Kühlschranks heraus, um endlich aufzutauen.»

«unterwegs verloren» bleibt ein kühles Buch, noch wo es sich in Zorn redet. Ein Buch der Abrechnung. Vor allem die Männer kommen schlecht weg. Vorgesetzte, Kollegen und Konkurrenten an der Uni, aber auch der Ex-Ehemann, der heute in hohem Alter in Berlin lebt, werden noch nach Jahrzehnten in schwärzesten Farben geschildert. Viel Bitterkeit hat sich da aufgestaut.

«Freundliche Kälte»

Auch die übrige Familie macht wenig Freude. Das Verhältnis zur Mutter, das schon in «weiter leben» gespannt war, bleibt schwierig. Eine Schwiegertochter sinnt nur darauf, Klüger zu beschämen. Die Beziehung zu den vier Enkeln will nicht gelingen. Und sogar die beiden Söhne bringen für ihre Mutter einzig «freundliche Kälte» auf.

Nur: Wollen oder müssen das die Leserinnen und Leser alles wissen? Dass sich die einsame, heimatlose Autobiografin zu den unglücklichen Seiten ihres Leben Fragen stellt, versteht sich. Dass es scharfe, unbequeme Fragen sind, beeindruckt. Doch macht eine Kindheit im KZ die Probleme einer Ehe von öffentlichem Interesse? Oder sind auch da die Gespenster der Vergangenheit am Werk?

In der «Alten Welt», wie der letzte Teil der Erinnerungen überschrieben ist, gehen die Gespenster noch mächtig um. 1963 ist Ruth Klüger erstmals seit 16 Jahren, seit ihrer Emigration in die USA, wieder in Europa. Zur alten Universitätsstadt Göttingen scheint sich eine «späte Liebe» anzubahnen, bis Deutschland sich auch da «zwielichtig» zeigt. So zwielichtig wie Freund Martin Walser, dessen Roman «Tod eines Kritikers» Ruth Klüger als klar antisemitisch interpretiert und damit ihre älteste Beziehung in Deutschland beendet.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit Wien, der Stadt der Kindheit und der ersten antisemitischen Demütigungen. Es ist ein Höhepunkt des Buchs. Glasklar und und unbestechlich schildert Klüger ihre Beobachtungen und ambivalenten Gefühle. Und zieht das ernüchternde Fazit: «Wiens Wunde, die ich bin, und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar. Läppisch gerät jeder Versuch, Versöhnung anzustreben.»

Die Gespenster suchen Ruth Klüger bis zuletzt heim. Auch im Alter weicht die unheimliche Vergangenheit nicht zurück. Der Epilog ist die Zurücknahme des hoffnungsfrohen Anfangs. «Je älter ich werde», liest man am Schluss der Erinnerungen, «desto deutlicher wird es, dass die Jugenderlebnisse nicht die geringste Absicht hatten, sich aus der Psyche zu entfernen.» Ruth Klüger wird mit dem Schatten von Auschwitz weiter leben müssen.

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