Je grösser Köppels Erfolg, desto starrer seine Ansichten

«In Badehosen nach Stalingrad»: Eine neue Biografie zeigt unbekannte Seiten des umstrittenen Journalisten und Politikers. Zeit für ein Treffen.

«Mein Leben ist ein Selbstfindungsprozess»: Roger Köppel in der Wandelhalle des Nationalrats. Foto: Thomas Egli

«Mein Leben ist ein Selbstfindungsprozess»: Roger Köppel in der Wandelhalle des Nationalrats. Foto: Thomas Egli

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Ein Sommertag verglimmt über der Piazza Grande von Locarno, es ist im ­August 1993, Filmfestival. Das Signet einer Grossbank erscheint auf der Leinwand. Auf der Piazza pfeifen ein paar, um zu zeigen, wie mutig sie den Kapitalismus bekämpfen. Der Typ neben mir sagt: «Die Bank müsste denen eine Kreditkarte geben, auf der in Schnürlischrift ‹Fuck the System› draufsteht.» Der Typ heisst Roger Köppel. Er befindet sich noch in seiner lockeren Phase, im Lausbubenmodus, wenn man so will.

Wenn Journalisten befangen sind, sollten sie in den Ausstand treten oder ihre Befangenheit deklarieren. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Roger war mein Nachfolger im Kulturressort des «Tages-Anzeigers», und obwohl wir politisch inkompatibel sind und ich immer mehr erschrecke über vieles, das er schreibt, obwohl mich sein Bekehrungseifer anstrengt und seine Rechthaberei noch mehr, kommen wir gut miteinander aus. Ich halte ihn für brillant, herzlich und lustig, wenn er nicht gerade wütend ist.

Auch Daniel Ryser ist ein Kollege von mir und ich eine der Quellen für sein Buch, der ersten Biografie über den umstrittenen Publizisten und Politiker. Eine von sehr vielen Quellen, ­Daniel hat intensiv recherchiert. Die ­Biografie ist nicht autorisiert, aber Ryser hat ausführlich mit Köppel gesprochen. Und mit sehr vielen anderen. Wer das Buch liest, weiss nachher, wie Köppel funktioniert.

Unwillen im Café Sprüngli

Ich treffe Köppel dort, wo Rysers Biografie anfängt: im Zürcher Café Sprüngli. Ich habe Roger schon schneidend erlebt, nachtragend, tobend und dozierend bis zur Unzugänglichkeit. Heute finde ich ihn charmant, witzig, redefreudig und interessiert. Nur ab und zu blitzt sein Unwille auf. Als ich behaupte, er sei ja kaum je im Parlament, herrscht er mich an, er habe 82 Prozent aller Abstimmungen absolviert, und er finde es grossartig, das Parlament zu erleben.

«Zu behaupten, ich hätte mich verhärtet, das ist genau dieser pseudolinke Jargon, wonach nur die Weichen ein Herz haben und wir ein Stück Stein.»Roger Köppel

Als ich ihm vorwerfe, was praktisch jeder Gesprächspartner in Rysers Buch gleich empfindet, dass Köppel sich nämlich im Laufe seines Aufstiegs immer mehr verhärtet habe, sieht er das auch überhaupt nicht so – und kommt im Laufe unserer Unterhaltung immer wieder darauf zurück:

«Zu behaupten, ich hätte mich verhärtet, das ist genau dieser pseudolinke Jargon, wonach nur die Weichen ein Herz haben und wir ein Stück Stein. Mit solchem Zeug kann ich nichts anfangen. Mein Leben ist ein Selbstfindungsprozess, ich wachse am Widerstand. Härte ist keine verlässliche Kategorie für mich, ich versuche möglichst ehrlich und intellektuell stringent zu argumentieren.»

Video: Als Köppel Steve Bannon nach Zürich holte

Trumps umstrittener Einflüsterer folgte dem Ruf des «Weltwoche»-Verlegers. (März, 2018)

Roger Köppel wuchs unter traumatischen Umständen auf, die Daniel Ryser in seinem Buch eindringlich nachzeichnet. Seine Eltern liessen sich scheiden, als Roger 8 Jahre alt war, seine Mutter litt an Depressionen und warf sich unter den Zug, Roger war damals 13, ein Jahr später starb sein Vater an den Folgen seiner Trunksucht. Die Familie war deswegen verarmt und musste von einer Villa auf dem erhabenen Pilotenhügel von Kloten in eine billige, dunkle Wohnung zügeln. Mit diesem doppelten Trauma und dem gesellschaftlichen Abstieg erklärt sich Ryser, warum Köppel dermassen getrieben ist, warum er so konsequent den Aufstieg sucht:

«Köppel hat den Absturz erlebt und will das auf keinen Fall nochmals durchleben, darum sein unbedingter Wille zum Aufstieg, sein brennender Ehrgeiz. Dabei ist er gerade kein Stratege, auch wenn er Trends sehr schnell antizipieren kann, das zeichnet ihn auch als Publizisten aus. Aber er selber spickt herum wie eine Kugel in einem Flipperkasten. Es treibt ihn einfach immer weiter, er ist ein unruhiger Geist, manchmal wirkt er geradezu gehetzt, noch ein Auftritt, noch ein Termin, noch ein Artikel.»

Warum hat sich Roger Köppel dermassen radikalisiert? Er nennt das Verhalten der anderen, auf das er reagiere:

«Ich bin allergisch auf das Gut­menschentum, auf Leute, die sich auf einer moralisch höheren Stufe wähnen und hochtrabend und unehrlich auf­treten – diese Haltung kann ich nicht ausstehen.»

Nächtliche SMS

Ein Klotener Jugendfreund sagt es in ­Rysers Biografie so: Er habe Roger ­einmal gefragt, warum er politisch so hart geworden sei, zum Beispiel ein derart grosser Gegner des Sozialstaats. Köppels Antwort: «Ich hatte jede Ausrede, abzustürzen. Wenn ich es geschafft habe, kann es jeder schaffen.» Roger Köppel arbeitet hart, quält seinen Körper bis zum Dünnsein. Seine nächtlichen SMS an die Redaktoren sind berüchtigt, auch weil viele davon gute Ideen enthalten.


Video: Weltwoche Daily mit Roger Köppel Sondersendung vom WEF aus Davos. Video: Youtube/DIE WELTWOCHE (Wochenmagazin)


Damit schaffte er es bis weit oben, und er schaffte das schnell. Köppels Aufstieg ist beispiellos. So schnell von ganz unten nach weit oben, das haben ihm nur wenige nachgemacht. Studium der Philosophie und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, währenddessen freies Schreiben für die NZZ, zuerst über Sport, dann über Musik und Film. Mitte der Neunzigerjahre holt ihn Roger de Weck zum «Tages-Anzeiger», einige Jahre später ernennt ihn Esther Girsberger zum Chefredaktor des «Magazins», wo Köppel seine publizistische Brillanz beweist. Damals habe es viele Leute gegeben, sagt die ehemalige «Magazin»-Redaktorin Gabriele Werffeli in Rysers Buch, «die ihm sehr nahe waren». Das habe er später verschwiegen. Bei der «Welt» bringt Köppel als Chefredaktor halb Deutschland, bei der «Weltwoche» als Chefredaktor und Verleger zwei Drittel der Schweiz gegen sich auf. Mit einem historischen Stimmenrekord wird er im Oktober 2015 zum Zürcher SVP-Nationalrat gewählt. Mit seiner in Vietnam geborenen Frau Bich-Tien und den drei Kindern lebt er in einem Haus in Küsnacht. Über Privates redet er nicht.

Wie Roger Köppel zu dem wurde, der er ist, hat Ryser in langen und lange zitierten Gesprächen ergründet. Er redete mit Förderern wie Christoph ­Blocher, mit ehemaligen Schulkollegen und Lehrern, Leuten aus dem Studium, mit Freunden und Politikern, Untergebenen und Kontrahenten – mit allen, die ihn erklären konnten. Daniel Ryser, der ehemalige Redaktor beim «Magazin» und der «WochenZeitung», der mittlerweile für die «Republik» schreibt, ist bekannt und ausgezeichnet für seine aufwendigen Recherchen. Ein toller Schreiber ist er auch.

Zunehmende Radikalisierung

Und er hat viel über Köppels Leben herausgefunden, das er unpolemisch nacherzählt. Trotz seiner traumatischen Kindheit war Roger bei seinen Mitschülern beliebt, er brachte sie zum Lachen und riss sie mit seiner Energie mit. Er interessierte sich von Kindesbeinen an für Kriege, später für Geschichte und Politik, er war neugierig, fragte und wollte wissen, las viel und schnell, das tut er bis heute, wobei er seine Gegenüber immer wieder mit seinem Wissen beeindruckt.

Wie er dieses Wissen nutzt, ist eine andere Frage. Was in den Neunzigern im «Tages-Anzeiger» mit einem Grundsatzartikel begann, der den programmatischen Titel «Keine Macht den Gutmenschen» trug, hat sich zu einer zunehmenden politischen Radikalisierung entwickelt und dem Trotz, systematisch das Gegenteil dessen zu schreiben, was der «linksliberale Mainstream» von sich gibt, wie er uns andere nennt.

«Denn Christsein heisst, einem Endkampf entgegenzugehen.»Roger Köppel im Magazin einer Freikirche

Systematisch ergreift er Partei für die Ungeliebten von Trump bis Orban, von Bannon bis Berlusconi oder Blatter, von der SVP zur AfD. Allerdings redet er auch mit Bichsel, Hürlimann und Muschg. In Streitgesprächen fällt er anderen ins Wort und herrscht sie an, ihn ausreden zu lassen, vertritt unbeirrbar seine Überzeugung, Selbstkritik kommt kaum je vor, alle anderen sind Ideologen, er nicht. Immer wenn das ­deutsche Fernsehen einen Radikalen braucht, holt es ihn, und er sagt dann, was kein Deutscher zu sagen wagt. Er ist ein Geisterfahrer, der alle anderen für Geisterfahrer hält. Sogar zu einem kriegerischen Gott hat er gefunden, auch darin mit seinem Helden Blocher kompatibel. «Denn Christsein heisst, einem Endkampf entgegenzugehen», schrieb er im Magazin einer Freikirche.

Er fiebere immer mit der Aufregung des letzten Buchs, des letzten Gesprächs, der letzten Kontroverse, sagt Daniel Ryser. Roger Köppels Ehrgeiz und sein Geltungsbedürfnis würden ihn in die jeweils extremste Position jagen, mit der er am meisten provozieren und die grösste Aufmerksamkeit auslösen würde. Wobei er sicher sei, dass Roger Köppel glaube, was er sage. «Aber er glaubt es umso überzeugter, je mehr Leute ihm widersprechen.» In seinem Büro hat Köppel nur die schlimmsten Schlagzeilen über sich selber aufgehängt.

Je grösser der Erfolg, desto starrer

Ryser hat ein kritisches, aber faires Buch geschrieben. Auch Roger Köppels Stärken kommen darin vor, sein schreiberisches Talent, der Charme, den er ausstrahlen kann, auch sein Humor. Was aber klar wird beim Lesen des Buchs: Je grösser Köppels Erfolg wurde, desto starrer wurden seine Ansichten. Was er bis heute mit demselben Starrsinn verneint. Natürlich.

Seine Überzeugungen stossen ab, machen fassungslos. Aber langweilig wird einem bei Roger Köppel nie. Wie bei Christoph Blocher muss man früh aufstehen, wenn man argumentativ gegen ihn bestehen will. Und wenn er an einem Samstag nach Frauenfeld reist und dabei zwei Stunden lang ohne Manuskript redet, hören ihm alle zu und bereiten ihm am Ende eine Ovation. Wie viele Parlamentsmitglieder schaffen das?

Am Schluss unserer Unterhaltung im Café Sprüngli frage ich ihn, warum er allem widerspreche. «Das ist überhaupt nicht wahr», sagt er, und ich freue mich über die geschenkte Schlusspointe. Dann fängt er an zu argumentieren. Und meine Pointe ist futsch.

Daniel Ryser: «In Badehosen nach Stalingrad. Der Weg von Roger Köppel». Echtzeit-Verlag, 272 Seiten. 36 Franken (Am 14. Oktober tritt Daniel Ryser im Zürcher Kaufleuten auf.) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.09.2018, 20:08 Uhr

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