Zum Hauptinhalt springen

Krimi & Emmental, das hat Hitpotenzial

Mit dem Sammelband «Mordsgeschichten» landete der Landverlag einen Überraschungserfolg. Soeben ist ein viel versprechender Nachfolgeband erschienen. Ein Blick in die Geschichte des jungen Emmentaler Verlages.

Von ihrem Haus im ländlichen Trubschachen aus verlegt Verena Zürcher erfolgreiche Mordsgeschichten und preisgekrönte Literatur.
Von ihrem Haus im ländlichen Trubschachen aus verlegt Verena Zürcher erfolgreiche Mordsgeschichten und preisgekrönte Literatur.
Thomas Peter

An den Burgdorfer Krimitagen 2008 wurde die Vernissage der «Mordsgeschichten» gefeiert. Kurz vorher hatte das Buchzentrum bei der Verlegerin Verena Zürcher angeklopft und ihr ein sagenhaftes Angebot gemacht: Einen provisorischen Abnahmevertrag, um das Buch schweizweit bei den Buchhandlungen auszuliefern. Der Sammelband mit den Krimigeschichten aus dem Emmental schnellte hoch auf Platz 11 der Schweizer Bestsellerliste, ein halbes Jahr später war die Auflage von 3000 Exemplaren bereits praktisch ausverkauft. Es war ein überraschender Erfolg für den neu gegründeten Kleinverlag.

Nun doppelt die Verlegerin nach: Soeben ist der Folgeband «Neue Mordsgeschichten» erschienen. Mit gleich drei weiteren Büchern, darunter Hans Herrmanns «Spukgeschichten», legt der Landverlag diesen Herbst ein ganzes Paket schaurig-schöner Geschichten vor. Das erstaunt, stecken wir doch in einer Wirtschaftskrise. Und ist nicht gerade das Verlagswesen eine besonders krisengebeutelte Branche?

Liebhaberprojekt

Das allererste Buch, das sie herausgegeben hatte, war «Am Schärme» über die Heimstätte Bärau bei Langnau, erzählt die 42-jährige Verena Zürcher. Das war noch vor den «Mordsgeschichten». Das Bärau-Buch war ein Liebhaberprojekt, das sie, die gelernte Journalistin, die sieben Jahre bei dieser Zeitung arbeitete, gemeinsam mit dem befreundeten Fotografen Hans Wüthrich realisiert hatte. Honorar für ihre Arbeit hatten die beiden nicht einkalkuliert, zwei Drittel der Druckkosten steuerten Sponsoren bei. Ziel war es, nichts draufzuzahlen.

Mit dem fertig gedruckten Buch unter dem Arm klapperten die beiden die Buchhandlungen in der Region ab und wurden bei Veranstaltern vorstellig. Bald konnten sie sich wider Erwarten je 10'000 Franken Honorar auszahlen. Ihren Anteil investierte Verena Zürcher umgehend in ihre nächste Buchidee, jene «Mordsgeschichten» aus dem Emmental. Innert einer Stunde sagten ihr zehn befreundete Schriftsteller und Journalisten am Telefon begeistert zu, eine Krimigeschichte für den Sammelband zu schreiben. Damit war das Projekt lanciert.

Das grosse Echo bei den Lesern kam dann aber auch für Verena Zürcher überraschend. Krimis aus dem Bernbiet haben eine Tradition, und das Emmental ist eine Marke, versucht sie sich den Erfolg zu erklären.

Erfolg? Ja, aber Verena Zürcher relativiert: Derzeit könne sie sich selbst etwa 1000 Franken pro Monat auszahlen, ihre Arbeitsstunden schreibe sie gar nicht erst auf. Für die weiterhin auch journalistisch tätige allein erziehende Mutter ist das verlegerische Engagement nur möglich, weil der Vater ihres viereinhalbjährigen Sohnes ihre selbstständige Tätigkeit unterstützt und ihr den Rücken freihält. Zudem hält sie ihre Fixkosten tief: Sie arbeitet von ihrem Haus in Trubschachen aus, muss keine Löhne zahlen, und Auftragnehmer aus dem Bekanntenkreis machen ihr Freundschaftspreise, um die Buchprojekte zu unterstützen. Und: Während Verlage normalerweise einen fixen Prozentsatz des Ladenpreises mit ihren Autoren vereinbaren, minimiert Verena Zürcher ihr verlegerisches Risiko, indem sie ihre Autoren erst bei Gewinn auszahlt, diesen dann aber hälftig teilt. So hält sie das Risiko ihres Unternehmens mit 5000 Franken in überschaubarem Rahmen.

Kein Businessplan

Reich werden möchte Verena Zürcher nicht mit dem Verlag, mittelfristig aber schon davon leben. Ob sie das mit spukigen Geschichten aus dem Emmental erreichen kann? «Einen dritten Band ‹Mordsgeschichten› wird es vermutlich nicht geben», so Zürcher, auch sie hält das Thema für ausgereizt. Ein Kinderbuch und ein Krimi vom Murtensee sind in der Pipeline. Aber: Einen Businessplan gibt es nicht im Landverlag, auch keine Strategie, keine Konkurrenzanalyse. Verena Zürcher vertraut auf ihr Bauchgefühl. So findet sich im bunt zusammengewürfelten Verlagsprogramm neben dem Znüni-Buch «Birnenzwerg und Apfelschwan» beispielsweise auch das literarische Erstlingswerk «Nachhernachher» von Marina Bolzli, das mit dem diesjährigen Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet wurde.

Die Vermutung bestätigt sich: Gutes Gespür, freie Hand, das solide Netzwerk einer Journalistin, sorgfältig kalkuliertes Risiko und leidenschaftliches Engagement scheinen die Ingredienzien für den Erfolg des jungen Verlages zu sein.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch