Kunst als Trennungstherapie

Die deutsche Autorin und Wahl-Bündnerin Angelika Overath erzählt in ihrem neuen Roman von Bildern, die zu sprechen beginnen.

In Angelika Overaths «Sie dreht sich um» reist der Leser mit der Protagonistin von Bild zu Bild: Ausschnitt des Buchcovers. Foto: PD

In Angelika Overaths «Sie dreht sich um» reist der Leser mit der Protagonistin von Bild zu Bild: Ausschnitt des Buchcovers. Foto: PD

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Wenn sie ein Bild anschaut, schaut das Bild zurück. In der NZZ veröffentlicht Angelika Overath immer wieder Bild­beschreibungen, die die Werke zum Leben erwecken und aus der Augenkunst Geschichtenkunst machen. Auch die Beschreibung von Paul Gauguins Gemälde «Jakobs Kampf mit dem Engel oder Vision nach der Predigt», mit der Overath in ihren neuen Roman «Sie dreht sich um» einsteigt, erschien dort im Herbst 2013. Aber jetzt schiebt die 1957 in Karlsruhe geborene Schriftstellerin zwischen die Passagen ihrer Gauguin-Beschreibung Erinnerungsschnipsel aus einer scheintoten Beziehung – aus der Sicht ­ihrer Heldin.

Anna, fünfzig Jahre alt, Journalistin, Mutter zweier erwachsener Kinder, ist ihrem Mann, einem Griechischlehrer, schon lang aus dem Blick gerutscht; und eines Tages stand da im Lehrerzimmer dieses «Reh», wie er sagt. Jetzt will es sich vom grossäugigen Bambi in eine Mutter verwandeln – und der Mann muss sich entscheiden. Anna, «schockgefrostet» durch all diese völlig unerwarteten Eröffnungen nach einem netten gemeinsamen Konzertabend, packt am folgenden Morgen eine Tasche, nimmt den nächsten Flug: München–Edinburgh. Nun steht sie also in der National Gallery der schottischen Kapitale, und auf einmal spricht eins der bretonischen Bauernmädchen auf Gauguins Bild zu ihr.

Das Bild zeigt von der Bretonin nur die weisse Haube und ein paar dunkle Locken, die sich im Nacken kräuseln – ein Nacken, der ein wenig bloss liegt, ­etwas Zartes, Verletzliches hat. Aber dann, während Anna sich in die Betrachtung versenkt, fliesst eine kräftige Stimme in den Raum hinein, berichtet von den Fantasien des Mädchens und von ihren Beobachtungen: «Der geflügelte Kampf ist er. Das haben wir begriffen, bevor er uns malte.» Kaum merklich bewegen sich die Haubenbänder der jungen Frau – und da geschieht sie, die Epiphanie, der titelgebende Augenblick: Sie dreht sich um. «Anna sah in die Augen des bretonischen Kindes, das durch Anna hindurchsah.»

Direkter könnte die Begegnung mit dem Kunstwerk nicht sein – und dichter dran am Leben Annas auch nicht, selbst wenn sie dies zuerst nicht bemerkt. Da steht der Maler also an einer Lebenswende, und die Bretonin ahnt es schon: «Als ich das Bild sah, wusste ich, er würde gehen. Familienvater, Bank­angestellter. Das war vorbei.»

Die Leidensgefährtinnen

Ist das alte Leben mit Anna für den Griechischlehrer auch vorbei? Die Frau in den besten Jahren erinnert sich an bessere – an Momente des Glücks, nach der Geburt des ersten Kindes etwa. Jetzt fühlt sie sich wie eine Fünfjährige, die sich verlaufen hat, «frischverlassen, mit einem flatternden Ich». Sie googelt die Bibelstelle über Jakobs Kampf mit dem Engel, «spürt» die Melodie der Bach­kantate «Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn». Sie betreibt, unbewusst, eine kunstsinnige Trennungstherapie.

Im Sinne dieser Therapie reist die Journalistin von Passionsstation zu Passionsstation, von Bild zu Bild: Die ma­gischen sieben werden es am Ende ­gewesen sein. Vilhelm Hammershøis «Interieur mit junger fegender Frau» von 1899 ist das zweite. Die Magd in dem strengen, schwarzen Kleid mit der weissen Schürze erzählt Anna von den Verhältnissen im Malerhaushalt, von dem Mann, der nur für seine Kunst lebt und alle ausbeutet mit seinem Blick – die ­eigene Frau, die Schwester, sie als Stubenmädchen sowieso. Auf dem Bild schaut sie mit gebeugtem Nacken zu Boden, doch bei Annas Besuch blickt sie kurz über ihre Schulter in den Aus­stellungsraum hinein.

Die Hinweise des Stubenmädchens führen die Fünfzigjährige zu noch einem Hammershøi-Bild, dann zu einem One-Night-Stand – «Anna, frischverlassen und frischgeliebt» –, und weiter, weiter, nach Boston, bis vor eins der vielen ­Porträts von Jo Hopper, die ihr Mann ­Edward von ihr gemacht hat: «Room in Brooklyn». Rückenansicht, sowieso: sie im Schaukelstuhl, aus dem Erkerfenster blickend; hell leuchtet der Nacken zwischen dunklem Kleid und dunklem Haar hervor. Ja, und auch diese Ehe war, soviel wird rasch klar, nicht der Himmel auf Erden. «In gewisser Weise war er mein Kind», meint Jo. Und weiter geht die Bilderfahrt.

«Arbeitslose Familienhirten»

Angelika Overath gelingt anhand dieses Museumsmarathons die sensible Verknüpfung von historischer Genderforschung, kunsthistorisch unterfütterter literarischer Bildaneignung und klassischer Ehegeschichte – die tatsächlich in der Versöhnung des alten Paars mündet. Und je länger man mitreist, desto bereitwilliger folgt man dieser Beziehungskunst-Führerin. «Wir haben die Kinder gehütet. Und dann standen wir da, zwei arbeitslose Familienhirten.»

Das Liebesdrama aus dem Geist der Midlife-Crisis verdünnisiert sich zwar im Lauf der Stationen zunehmend; fühlt sich an wie das konzeptuelle Sprungbrett unter den Füssen von «Sie dreht sich um». Aber als anspielungsreicher, poetischer und nur selten preziöser Guide, der Anna und uns zur Kunst hinführt, in sie hinein und danach durch sie hindurch ins Eigene, ist das Buch – das nicht unbedingt als Roman firmieren muss – top.

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