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Franz Hohler findet als Dichter zu sich selbst

Franz Hohler ist das, was man einen Gutmenschen nennen kann. Davon braucht es mehr. Aber wie gut ist seine neue Prosa?

Mehrere Generationen sind mit seinen Texten und Gestalten aufgewachsen: Franz Hohler. Foto: Urs Jaudas
Mehrere Generationen sind mit seinen Texten und Gestalten aufgewachsen: Franz Hohler. Foto: Urs Jaudas

Nie zuvor hatten Menschen so viel Lebenszeit zur Verfügung; nie zuvor gab es so viele Schriftsteller wie heute. Ein umfangreiches Alterswerk ist inzwischen nichts Spezielles, sondern Standard. Buch folgt auf Buch. Wer schreibt, der bleibt. Einer der bleibendsten ist Franz Hohler, der im März 77 Jahre alt wird.

«Fahrplanmässiger Aufenthalt» heisst seine Sammlung neuer Texte, viele davon lesen sich wie alte. Bekannte Gefühle, vertraute Probleme. Kein Aufreger? Macht nichts. Gemeinsam mit einem Schriftsteller zu altern, kann in unruhigen Zeiten etwas sehr Beruhigendes haben.

Hohlers Grundhaltung ist massvoll kritisch und leise humorvoll. Redlich, wie er ist, schreibt er hier nur über das, was er kennt: über seine Reisen als Autor, über das Altern, den alltäglichen Wahnsinn zwischen Supermarkt und Bancomat, das Gewusel und Gelärm der Gegenwart – und über das Verlangen nach Ruhe. Konzentration und Kräfteschonung: 112 Seiten mit 43 Texten. In «Das Konzert» etwa gibt es nichts anderes zu hören als Stille, das aber absolut.

Keine weltfremde Baldrian-Prosa

Dabei fabriziert Hohler keine weltfremde Baldrian-Prosa. Die erste Geschichte deutet im Titel an, wohin die Lesereise gehen wird: «Nach Europa». Die Story: Auf einer Wanderung durch die Alpenidylle erreicht der Erzähler einen Bergsee – und sieht dort ein Schlauchboot mit «dunkelhäutigen Menschen» herankommen, die seine Hilfe brauchen. Er kann nicht anders, als das Boot am rettenden Ufer festzumachen. Gut so? Hohler halt. Er kann nicht anders als Mitleid haben.

«Flüchtlingsmanifest» heisst ein weiterer Text. Zitat: «Für uns sind Flüchtlinge vor allem eine Bedrohung. Sie bedrohen die Selbstverständlichkeit unseres Normalbetriebs. Wir vergessen, dass sie es sind, die bedroht sind, und dass sie deshalb kommen.» Vielleicht sind sie bedroht. Vielleicht auch nicht. Hohler bohrt nicht nach. Nichts davon, was mit den Flüchtlingen geschehen soll. Sicher ist nur: Flüchtlinge stören den Normalbetrieb. Und die Störung eingefahrener Betriebsabläufe ist Hohlers Thema, ist Anliegen des Dichters.

Auf der Oberfläche, in Reisegeschichten wie «Kreutzersonate», handelt es sich nur um verspätete Züge, geschlossene Bahnhofswirtschaften und die vergebliche Hoffnung auf eine Tasse Kaffee. Im Untergrund vieler Geschichten aber rumoren die tödlichen Maschinerien von Krieg, KZ und Totalitarismus mit ihren Nummern, Zahlen, Selektionen. Egal, ob Hohlers Reisen ins Schwäbische oder nach Russland führen, nach Sarajewo, Kiew, Usbekistan oder Odessa: Seine Gedanken führen ihn stets zurück – zu den Kriegsopfern, Hungertoten, begrabenen Dichtern und immer wieder zu den «Kindlein», die unschuldig sterben müssen. Ja, Franz Hohler ist das, was man einen Gutmenschen nennt. Davon braucht es mehr. Aber ist auch seine Prosa gut?

Als Dichter kann Hohler abheben

Was zu Beginn als störend empfunden werden kann, sind die Kurzschlusshandlungen: Hohler hat einen Hang, kleine private Alltagserlebnisse mit der grossen Politik kurzzuschliessen. In «Plötzlicher Kindstod» geht es um den Tod einer jungen Amsel an der heimischen Balkontür. In «Enten» dann geht es um junge Entlein, die sich in einem Bahntunnel verirren, und weiter zu den Flüchtlingen, denen der Familiennachzug untersagt wird. So geht eins ins andere, in Motiven zwar fein gesponnen, aber falsch gewichtet, unverhältnismässig, deshalb sentimental.

Glücklich ist, wer vergisst und sich der anderen Hälfte des Buchs widmet. Denn hier findet Hohler als Dichter, nicht als Moralapostel, zu sich selbst. Er hebt ab. Er fantasiert. Er erfindet rätselvolle Parabeln, absurde Märchenstücke und spleenige Anekdoten auf hohem Niveau. «Der Schwimmer» – eine glückselige Nahtod-Erfahrung. «Strafvollzug»: Ein Eisberg kommt in die Hölle, er muss schmelzen, wieder und wieder, und der Teufel weiss nicht, warum, ein williger Vollstrecker. «Zur Trauung»: Scheidungsquote und Hoffnungsschimmer gehen zum Standesamt. Kann diese Ehe klappen?

Hohlers Denkstücklein sind schwebeleicht und pointensicher. Speziell der letzte Text amüsiert. In «Dichterleben» wird Franz Hohler mit dem toten Max Frisch verwechselt. Macht nichts. Er ist gerne Dichter und am liebsten ein lebender.

Franz Hohler: Fahrplanmässiger Aufenthalt. Luchterhand, München 2020. 112 S., ca. 25 Fr.

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