Porträt einer trostlosen Zeit

Im neuen Roman «Geh, wilder Knochenmann!» von Werner Ryser lauert der Tod überall. Und: Das Leben der drei Protagonisten scheint stets die schlimmstmögliche Wendung zu nehmen.

<b>Schreibt aus der Perspektive</b> der Schwachen und Ausgegrenzten: Autor Werner Ryser (Archivbild).

Schreibt aus der Perspektive der Schwachen und Ausgegrenzten: Autor Werner Ryser (Archivbild).

(Bild: Jürg Kilchherr)

Mirjam Comtesse

«Geh, wilder Knochenmann!», so heisst das neue Buch von Werner Ryser. Der Titel bezieht sich auf ein Gedicht von Matthias Claudius: «Vorüber! Ach, vorüber!/Geh, wilder Knochenmann!/Ich bin noch jung, geh, Lieber!/Und rühre mich nicht an!» Die Ankündigung wird erfüllt: In der Geschichte lauert der Tod überall.

Der Basler Autor ist spezialisiert auf historische Romane («Das Ketzerweib», «Walliser Totentanz»). Dieser spielt nun im Emmental in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Im Mittelpunkt stehen die drei Geschwister Simon, Esther und Jakob, die auf dem Auenhof in Langnau leben und nach dem Tod des Vaters zu Waisen werden. Das bedeutet auch den sozialen Abstieg: Simon wird verdingt und Esther muss als rechtlose Magd auf dem Hof weiterarbeiten. Jakob, der vom Dorfpfarrer und dessen Frau aufgenommen wird, hat nur scheinbar mehr Glück.

Das Leben der drei scheint stets die schlimmstmögliche Wendung zu nehmen. Werner Ryser zeigt dadurch die Schrecken der damaligen Zeit auf: das Verdingwesen, der Aberglaube, das Ausgeliefertsein junger Frauen und die Rücksichtslosigkeit der Grossbauern.Das Los der Geschwister berührt, auch weil man weiss, dass es früher vielen Kindern ähnlich erging. Doch neben den vielen trostlosen Passagen wünschte man sich als Leser ab und zu auch mal fröhliche Momente.

Der Autor schreibt aus der Perspektive der Schwachen und Ausgegrenzten. So prangert er die historischen Verhältnisse an und macht gleichzeitig bewusst, wo noch heute die Gefahren lauern: in unbegrenzter Macht und schnellen Vorurteilen.

Geschrieben ist das Werk in einer ruhigen, klaren Sprache, durch die man sich direkt in die alten Zeiten zurückversetzt fühlt. Zum Beispiel, wenn Werner Ryser beschreibt, wie der elfjährige Simon den Tod seines Vaters erlebt: «Der Vater lag auf dem Tisch. Seine Kleider zerrissen und schmutzig, sein zerschlagenes, blutverkrustetes Gesicht bleich. Simon wusste sofort, dass er tot war.»

Erst am Ende des Buchs keimt Hoffnung auf: 1866 bricht Simon zusammen mit seinem Bruder auf nach Georgien, wo sie ein neues Leben aufbauen wollen. Dort wird die Geschichte weitergehen: Im Jahr 2020 soll der Fortsetzungsroman «Die grusinische Braut» erscheinen.

Werner Ryser: «Geh, wilder Knochenmann!», Cosmos-Verlag, 255 Seiten. Buchvernissage: 26.3., 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern.

Berner Zeitung

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