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Scheinskandal um den Suhrkamp-Verlag

Uwe Tellkamps lang erwartete «Turm»-Fortsetzung wird nochmals verschoben. «Die Welt» heizt die Gerüchteküche an.

Marie Schmidt
Sein Roman «Der Turm» war eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahrzehnte: Uwe Tellkamp. Foto: Yvonne Schütz
Sein Roman «Der Turm» war eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Jahrzehnte: Uwe Tellkamp. Foto: Yvonne Schütz

Will der Suhrkamp-Verlag den neuen Roman von Uwe Tellkamp nicht drucken? Das ist nur ein Gerücht. Das Feuilleton der Zeitung «Die Welt» bastelt daraus einen Verdacht: Tellkamp habe die lang erwartete Fortsetzung seines Bestsellers «Der Turm» (2008) mit dem Titel «Lava» fertig, sein Verlag Suhrkamp wolle den aber nicht bringen. Womöglich wegen politischer Inopportunität – Tellkamp hat sich rechts positioniert. Erzählt man sich so. Nur belegen lässt es sich nicht.

Fakt ist: Der Roman, an dem Tellkamp seit zehn Jahren arbeitet, sollte im Herbst 2020 erscheinen, zum 30. der Wiedervereinigung (und zum 70. des Suhrkamp-Verlages). Die Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Postpischil begründet die Verschiebung: das Manuskript sei «noch nicht ganz fertig und auch noch nicht lektoriert». Man peile ein Erscheinen im Frühjahr 2021 an. Tellkamp verweist Anfragen direkt zurück auf Tanja Postpischil, die wieder dasselbe sagt.

Es gibt also keinen Skandal. «Die Welt» indes versucht weiter einen solchen zu konstruieren. Obwohl sich, wie es aus der Redaktion auf Anfrage heisst, seit dem Dementi von Suhrkamp an ihrem Informationsstand nichts geändert hat, machte man gar eine Umfrage unter Intellektuellen zu «dem Fall». Die antworteten allerdings hauptsächlich, ohne das Buch gelesen zu haben, könnten sie nichts sagen, oder empfanden die Anfrage selbst als Zumutung.

Wie liberal ist der Kulturbetrieb?

So kurios die Scheindebatte ist, so charakteristisch ist sie für ein gehetztes Meinungsgeschäft. Unter der Leitfrage «Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen einem Verlag und seinem Autor in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft?» wird insinuiert, der Kulturbetrieb könne sich leicht als nicht liberal genug erweisen, um einen Autor am rechten Rand zu ertragen. Es schadet der kulturellen Auseinandersetzung aber mehr, wenn aus Gerüchten Nachrichten gezimmert werden, die so riesenhaft im Raum stehen, dass drumherum keine Realität Platz hat.

Wie jedes gute Gerücht ist auch dieses natürlich nicht ganz ohne Entsprechung in bereits Bekanntem. Als sich Tellkamp 2018 bei einer Diskussion über Meinungsfreiheit mit dem Dichter Durs Grünbein AfD-ähnlich zur Asylpolitik äusserte, distanzierte sich Suhrkamp per Twitter. Tellkamp ist auch Mitunterzeichner der migrationskritischen «Gemeinsamen Erklärung 2018», zuletzt sollte er bei einer Veranstaltung der Vierteljahresschrift «Tumult» aus «Lava» lesen. Die wurde vom Trägerverein des Veranstaltungsortes abgesagt – nicht wegen Tellkamp, sondern wegen Bedenken gegen die Rechtsaussenpublizistik der Zeitschrift.

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